Ergonomisch arbeiten

Richtig sitzen

Heftarchiv Praxis
Ausgabe 14/2017
Ausgabe 14/2017
Wie weit dürfen Sie gehen?
Nirgendwo verbringt der Zahnarzt mehr Zeit in der Praxis als auf seinem Stuhl. Entsprechend sollte man die eigene Sitzhaltung und die Qualität des Objekts kritisch betrachten. Doch wie sitzt man richtig und welcher Stuhl eignet sich am besten?

Stühle sind ein Gebrauchsgegenstand, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Sie sind so normal, dass wir sie meistens gar nicht mehr wahrnehmen. In den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde durch die Verbreitung des vierhändigen Behandlungskonzepts am liegenden Patienten der routinemäßige Einsatz von Arbeitsstühlen für Zahnarzt und Assistenz ebenso selbstverständlich. Offensichtlich so selbstverständlich, dass in den verschiedenen Werbungsmedien Behandlungsplätze ohne Arbeitsstühle abgebildet werden. Im Internet ist es manchmal schwierig, sich überhaupt zu dem zur Behandlungseinheit angebotenen Arbeitsstuhl durchzuklicken. Auch auf der Internationalen Dental-Schau 2017 wurde dem Arbeitsstuhl offensichtlich keine besondere Aufmerksamkeit beigemessen.

Der Unterschied zwischen einem normalen Stuhl und einem zahnärztlichen Arbeitsstuhl besteht natürlich darin, dass im häuslichen Leben der Stuhl vergleichsweise gelegentlich benutzt wird. Der Arbeitsstuhl hingegen meist über längere Zeitabschnitte, hochkonzentriert, dabei fokussiert auf ein oft mikroskopisch kleines Arbeitsfeld im Mund eines Patienten – in überwiegend statischer Arbeitshaltung. Dass an diesen Stuhl andere Anforderungen zu stellen sind, dürfte klar sein. Sie ergeben sich aus der Erkenntnis, dass die für den Zahnarztberuf typischen, häufig wiederkehrenden, statischen Arbeitshaltungen zu einer gesundheitsschädigenden Zunahme der Muskelspannung in der kinematischen Kette und somit zu den für den Zahnarztberuf fälschlicherweise als „typisch“ bezeichneten muskuloskeletalen Beschwerden, insbesondere zu Hals- und Rückenschmerzen führt.

Zahnärzte sitzen falsch

Dass die Zahnärzteschaft offensichtlich nicht richtig sitzt und daraus diese Beschwerden resultieren, ist in einer  Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen worden. So berichtet die Studie „Der Zahnarzt im Blickfeld der Ergonomie – Eine Analyse zahnärztlicher Arbeitshaltungen“, dass die Beschwerden sich zu 64 Prozent im Rücken- und zu 42 Prozent im Kopfbereich konzentrieren [Rohmert et al., 1988]. Andere Studien bestätigen, dass diese Beschwerden bei Zahnärztinnen noch häufiger auftreten [Hjalmers, 2006: 76 Prozent]. Sogar bei 70 Prozent der Studierenden der University of San Francisco wurden 2005 vergleichbare Beschwerden festgestellt, die vom ersten bis zum dritten Studienjahr in Ausdehnung und Intensität zunahmen [Rising et al., 2005].

Obwohl es durchaus interessant wäre, die Ursachen der Beschwerden genau nachzuvollziehen, liegt der Fokus dieses Beitrags auf dem richtigen Sitzen und der dazu gehörenden, möglicherweise innovativen Stuhlform mit ihren ergonomischen Vor- und Nachteilen – mit Verweis auf den Goldstandard. Also auf jenen Kriterien, die der Arbeitsstuhl erfüllen sollte, um den Rücken zu schonen.

Als Erstes ist dafür auf die ISO-Norm 7493:2006 zu verweisen, die 2015 überprüft und bestätigt wurde. Sie befasst sich mit Kriterien wie Sitzhöhe und Einstellbereich, Tragfähigkeit, Stabilität, Steifheit der Rückenlehne, Präsenz von Arm- und Körperstütze, Reinigung und Desinfektion sowie Entflammbarkeit. Mit dieser Norm mehr oder weniger verknüpft ist die ISO-Norm 11226:2000 „Evaluierung von Körperhaltungen bei der Arbeit“ , die ebenfalls 2015 überprüft und bestätigt wurde. Sie ist deswegen in dem Zusammenhang wichtig, weil ein idealer Arbeitsstuhl nichts nutzt, wenn man nicht richtig darauf sitzt.

Um diese Anforderungen für die Zahnärzteschaft und die Dentalindustrie ergonomisch begründet darzustellen, verfasste eine niederländische Mitgliedergruppe der European Society of Dental Ergonomics (ESDE) 2006 die „Anforderungen und Empfehlungen zur Gestaltung, Konstruktion und Auswahl von zahnmedizinischem Gerät“, upgedatet 2007 [Hokwerda et al.,2007] und 2012 ergänzt mit einer praktischen Checkliste [de Ruijter et al., 2012]. Beide Dokumente können unter

http://www.esde.org _blank external-link-new-window

heruntergeladen werden.

###more### ###title### Und so sitzen Sie richtig ###title### ###more###

Der Goldstandard

Auch wenn die beschriebenen Anforderungen den Goldstandard darstellen, ist es bemerkenswert, dass beispielsweise ein führender Anbieter von Arbeitsstühlen in seiner Produktübersicht insgesamt 21 Modelle anbietet, für die teilweise optional noch sieben Rückenlehnen- und drei Sitzflächenvarianten zur Auswahl angeboten werden. Ein One-fits-for-all gibt es offensichtlich nicht.

Wie erkenne ich aber, wie gut ein Arbeitsstuhl ist? Um diese Frage zu beantworten, müssen wenigstens zwei Kriterien erfühlt sein: Der Stuhl erfüllt „seine Anforderungen“ und verursacht beim (Probe-)Sitzen in einer neutralen, balancierten Arbeitshaltung keine muskuloskeletalen Spannungen oder Beschwerden. Da de Ruijter et al. ihre Checkliste an den Anforderungen und Empfehlungen von Hokwerda et al. ausgerichtet haben, ist sie zur Überprüfung dieser Kriterien prädestiniert. Außerdem wäre die Beachtung aktueller Forschungsergebnisse hilfreich. Da die Vermeidung von muskukoskeletalen Beschwerden stets höchste Priorität hat, untersuchten De Bruyne et al. [2016] im Universitätsklinikum der Universität Gent (Belgien), welcher Einfluss eine Auswahl unterschiedlicher Arbeitsstühle auf die Belastungen der Bauch- und Rückenmuskulatur und auf die Haltung der Wirbelsäule hat. 25 Probanden hatten die Aufgabe, an einer Phantomeinheit eine standardisierte intraorale Befundung auf drei verschiedenen Arbeitsstühlen vorzunehmen. Währenddessen wurde die Belastung bei sieben Muskelpaaren im Bauch- und Rückenbereich elektromyografisch erfasst. Darüber hinaus die Haltung der Wirbelsäule in der Sagittalebene. Herangezogen wurden dafür:

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