MKG-Chirurgie

Überpresstes Provisorienmaterial als Ursache für eine Sinusitis maxillaris

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Heftarchiv Zahnmedizin Chirurgie
Ausgabe 17/2020
Ausgabe 17/2020
10 Jahre AuB-Konzept
Mund-Antrum-Verbindungen (MAV) können bei jeder Extraktion im Oberkieferseitenzahnbereich entstehen. Als zusätzliche Komplikation wurde bei diesem besonderen Fall Provisorienmaterial über eine MAV in die Kieferhöhle überpresst und damit eine Sinusitis maxillaris ausgelöst.

Die Sinusitis maxillaris stellt ein häufiges Krankheitsbild dar. Dabei wird eine rhinogene von einer odontogenen Sinusitis maxillaris unterschieden. Die im Zuständigkeitsbereich der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde liegende odontogene Sinusitis maxillaris entsteht am häufigsten durch eine persistierende MAV nach Eröffnung der Kieferhöhle bei Extraktionen im Oberkieferseitenzahnbereich [Borgonovo et al., 2012; Akhlaghi et al., 2015]. Wird eine MAV nach Extraktion bei primär entzündungsfreier Kieferhöhle nicht plastisch gedeckt, kommt es zu einer Besiedlung derKieferhöhle durch Bakterien der Mundhöhle. Als Folge der bakteriellen Kontamination kann es dann zur Entstehung einer Sinusitis maxillaris kommen [Khandelwal und Hajira, 2017].

Weitere Ursachen für eine odontogene Sinusitis sind periapikale Prozesse, chronische Mund-Antrum-Fisteln, odontogene Zysten, fehlinserierte Implantate, Mykosen oder aber auch in selteneren Fällen Fremdkörper [Dufour et al., 2005; Arias-Irimia et al., 2010; Simuntis et al., 2014; Little et al., 2018; Kim, 2019]. Bei den Fremdkörpern handelt es sich häufig um Wurzelreste, Implantate oder Wurzelfüllmaterial [Liston und Walters, 2002]. Aber auch seltene Fälle mit Fremdkörpern in Form eines Zahnstochers [Sahin et al., 2012] oder Sand [Dunagan et al., 1997] werden in der Literatur beschrieben.

 Bei einer chronischen Sinusitis maxillaris empfiehlt es sich, den Fokus zu sanieren und die Drainage der Kieferhöhle über das natürliche Ostium wiederherzustellen. Wenn dieses Procedere nicht ausreicht, ist die Kieferhöhle operativ zu sanieren. Dabei sind polypöse Schleimhautanteile zu entfernen, damit die Sinusitis maxillaris ausheilen kann [Reinert und Lindorf, 2012]. Bei einem Fremdkörper in der Kieferhöhle ist die operative Entfernung des Fremdkörpers obligat.

Kasuistik

Ein männlicher 72-jähriger Patient wurde mit Beschwerden im Oberkiefer links vom behandelnden Hauszahnarzt mit dem Verdacht auf überpresstes Provisorienmaterial in die linke Kieferhöhle überwiesen.

Allgemeinanamnestisch gab der Patient einen medikamentös eingestellten Hypertonus an und wies einen guten Allgemeinzustand auf. Drei Monate zuvor waren durch den Zahnarzt die Zähne 25 und 26 extrahiert und direkt anschließend die benachbarten Zähne 23 und 27 (24 fehlt mit Lückenschluss) mit einem Brückenprovisorium versorgt worden. Bei Erstvorstellung in unserer Ambulanz äußerte der Patient seit einem Tag bestehende Schmerzen in der Molarenregion des Oberkiefers links.

Intraoral lag ein unauffälliger Befund bei einem konservierend und prothetisch suffizient versorgten Gebiss vor. Von 23–27 befand sich eine provisorische prothetische Versorgung in Form eines Kunststoff-Brückenprovisoriums in situ. Es bestanden keine Schwellung oder weitere Entzündungszeichen im zweiten Quadranten. Aufgrund des röntgenologischen Befunds beim vom Patienten mitgebrachten Teil-Orthopantomogramm (OPT) (Abbildung 1) bestand der Verdacht auf einen in der linken Kieferhöhle lokalisierten Fremdkörper mit begleitender Sinusitis maxillaris als Ursache seiner Beschwerden. Zur genauen Lokalisierung des Fremdkörpers wurde als weitere Bildgebung eine Computertomografie der Nasennebenhöhlen (CT-NNH) durchgeführt. Die CT-NNH bestätigte den Verdacht auf Vorliegen eines Fremdkörpers innerhalb der Kieferhöhle sowie die nahezu vollständige Verlegung des Sinus maxillaris (Abbildung 2).

Während des Eingriffs in ambulanter Intubationsnarkose zeigte sich eine persistierende MAV regio 026 mittig auf dem Alveolarkamm mit Pusabfluss. Nach Präparation eines trapezförmigen Mukoperiostlappens wurde ein Knochendeckel angelegt und der Fremdkörper aus der linken Kieferhöhle geborgen (Abbildung 3). Der Fremdkörper stellte sich als circa 2,5 cm großer Block aus Provisorienmaterial dar. Entzündliche, polypöse Kieferhöhlenschleimhautanteile wurden zur pathohistologischen Untersuchung eingesandt. Ein Anhalt auf eine spezifische Infektion oder auf einen Tumor fand sich hierbei nicht. Der Abfluss über das Ostium naturale nach Entfernung des polypösen Anteils der Kieferhöhlenschleimhaut war gewährleistet, sodass von einer weiteren Drainage abgesehen wurde.

Nach Reposition des Knochendeckels erfolgten die Fixierung mittels einer Mikro-Osteosyntheseplatte (Abbildung 4) und der spannungsfreie und dichte Wundverschluss. Der Patient wurde postoperativ über entsprechende Verhaltensmaßnahmen aufgeklärt und antibiotisch für fünf Tage mit Sultamicillin 375 mg per os (2 x 2 /d) therapiert. Zudem wurden abschwellende Nasentropfen und Analgetika rezeptiert. Bei der Nachkontrolle fünf Tage später war die Wundheilung zeit- und stadiengerecht. Das postoperative OPT ergab eine vollständige Entfernung des Fremdkörpers (Abbildung 5).

Literaturliste:

Akhlaghi F, Esmaeelinejag M, Safai P. Etiologies of odontogenic maxillary sinusitis: a systematic review. Iran Red Crescent Med J 2015; 17(2): e25536

Arias-Irimia O, Barona-Dorado C, Santos-Marino JA, Martínez-Rodriguez N, Martínez-González JM. Meta-analysis of the etiology of odontogenic maxillary sinusitis. Med Oral Patol Oral Cir Bucal. 2010;15(1):e70-e73. doi:10.4317/medoral.15.e70

Borgonovo AE, Berardinelli FV, Favale M, Maiorana C. Surgical options in oroantral fistula treatment. Open Dent J. 2012;6:94‐98. doi:10.2174/1874210601206010094

Dufour X, Kauffmann-Lacroix C, Ferrie JC, et al. Paranasal sinus fungus ball and surgery: a review of 175 cases. Rhinology. 2005;43(1):34-39.

Dunagan DP, Cox JE, Chang MC, Haponik EF. Sand aspiration with near-drowning. Radiographic and bronchoscopic findings. Am J Respir Crit Care Med. 1997;156:292-295. doi:10.1164/ajrccm.156.1.9610092.

Khandelwal P, Hajira N. Management of Oro-antral Communication and Fistula: Various Surgical Options. World J Plast Surg. 2017;6(1):3-8.

Kim SM. Definition and management of odontogenic maxillary sinusitis. Maxillofac Plast Reconstr Surg. 2019;41(1):13. doi:10.1186/s40902-019-0196-2.

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie (2019) Leitlinie odontogene Sinusitis maxillaris. AWMF-Leitlinienregister 007-086.

https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/007-086l_S2k_Odontogene-Sinusitis-maxillaris_2019-06.pdf.

Liston PN, Walters RF. Foreign bodies in the maxillary antrum: a case report. Aust Dent J. 2002;47(4):344-346.

http://1834-7819.2002.tb

Little RE, Long CM, Loehrl TA, Poetker DM. Odontogenic sinusitis: A review of the current literature. Laryngoscope Investig Otolaryngol. 2018;3(2):110-114. doi:10.1002/lio2.147.

Reinert S., Krimmel M. Therapie odontogener Kieferhöhlenerkrankungen. MKG-Chirurg 7,195–205 (2014). doi:10.1007/s12285-013-0411-6.

Reinert S, Lindorf HH: Chirurgie der odontogenen Kieferhöhlenerkrankungen. In: J.- E. Hausamen et al. (Hrsg), Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, 4. Auflage; Springer-Verlag Berlin Heidelberg, 2012, 121-145.

Sahin YF, Muderris T, Bercin S, Sevil E, Kırıs M. Chronic maxillary sinusitis associated with an unusual foreign body: a case report. Case Rep Otolaryngol. 2012;2012:903714. doi:10.1155/2012/903714

Simuntis R, Kubilius R, Vaitkus S. Odontogenic maxillary sinusitis: a review. Stomatologija. 2014;16(2):39-43.

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