Porträt Dr. Fritz-Josef Willmes

Ein Mann des Ausgleichs und des Neuanfangs

139448-flexible-1900
Heftarchiv Gesellschaft
Ausgabe 1/2020
Ausgabe 1/2020
NS-Forschungsprojekt Zahnärzte im Dritten Reich
Seine Kommunikationsstärke und seine große Offenheit haben Dr. Fritz-Josef Willmes viele Türen geöffnet. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit 1993 hatte der damalige Präsident der Bundeszahnärztekammer, einen Kraftakt zu bewältigen: den gespaltenen Berufsstand zu versöhnen. Am 19. Dezember wurde Willmes 80 Jahre alt.

Geboren am 19. Dezember 1939 in Epe, Münsterland, wächst Willmes mit vier Geschwistern in einem Zahnarzthaushalt auf. Drei von ihnen wurden übrigens später Zahnärzte. Und sein Vater war nicht nur Zahnarzt, sondern auch langjähriger Kammerpräsident in Münster. „Gereizt am Beruf Zahnarzt hat mich der Kontakt mit Menschen. Und auch, dass man technisch-filigran arbeiten kann“, erklärt Willmes seine Berufswahl rückblickend. Nach dem Abitur studierte er Zahnmedizin in Freiburg und Münster, wo er 1965 sein Examen ablegte und promovierte. Nach der dreijährigen Assistenzzeit in zwei Praxen in Ulm ließ er sich 1969 in eigener Praxis in Ulm nieder.

Ab 1973 begann Willmes, sich standespolitisch zu engagieren. Er wurde Mitglied des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte (FVDZ) und war Kreisvorsitzender in Ulm. 1979 folgten der Bezirksvorsitz, die Mitgliedschaft im Bundesvorsitz und von 1981 bis 1985 der Stellvertretende Bundesvorsitz. Parallel verlief das Engagement in der KZV. Angefangen von der Mitgliedschaft in diversen Ausschüssen und in der Vertreterversammlung Tübingen rückte Willmes auf zum KZV-Vorstandsmitglied, wurde 1981 Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands und ab 1989 Vorstandsvorsitzender der KZV Tübingen.

Willmes übernahm zudem auch Kammeraufgaben. 1985 wurde er Kammerdelegierter und von 1988 bis 1992 Vorstandsmitglied der Bezirkszahnärztekammer Tübingen. „Ich habe mich nie nach einem Posten gedrängt“, sagt Willmes.

Trotzdem sollte er nicht auf der regionalen Ebene bleiben. In der Standespolitik auf Bundesebene standen die Zeichen seit mehr als zwei Jahren auf Sturm: Nach ihrem Austritt am 27. September 1990 aus dem alten Bundesverband der deutschen Zahnärztekammern (BDZ) gründeten die Kammern Bayern, Niedersachsen und Nordrhein – später war auch Sachsen-Anhalt dabei – eine eigenständige Arbeitsgemeinschaft Deutscher Zahnärztekammern (ADZ). Grund für den Austritt waren unterschiedliche Auffassungen über die richtige Strategie in der zahnärztlichen Berufs- und Gesundheitspolitik.

Gesucht war Ein Kandidat für den inneren Frieden

Mit der Spaltung in zwei Lager (kurz vor der bundesdeutschen Wiedervereinigung) war der Berufsstand geschwächt – ein Großteil der Kräfte wurde von internen Zwistigkeiten absorbiert. Und das in einer Zeit, als der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer mit seinem Gesundheitsstrukturgesetz (GSG, 1993) Pflöcke einschlug. Das Gesetz galt als Auftakt zum Wettbewerb in der GKV – es brachte die Wahlfreiheit der Versicherten in der GKV ebenso wie den Risikostrukturausgleich der Krankenkassen, und eine Budgetierung der ärztlichen und zahnärztlichen Vergütung. Den zerstrittenen Zahnärzten fiel es schwer, den Plänen der Politik stark gegenüberzutreten.

In dieser Situation hatten standespolitische Kollegen angeregt, Willmes als Kandidaten für einen Neuanfang vorzuschlagen. Willmes erinnert sich: „Kammerarbeit auf Bundesebene hatte ich zunächst gar nicht so im Fokus – bis ich gefragt wurde, ob ich daran Interesse hätte. Man brauchte einen Standespolitiker, der ausgleichend agierte und die Interessen beider Parteien bündeln konnte. Mein Job sollte es also sein, die ‚feindlichen Brüder‘ wieder zusammenzubringen.“ So geschah es auch: Am 23. Januar 1993 fand in Münster eine außerordentliche Bundesversammlung statt. ADZ und BDZ schlossen sich mit einer neuen Satzung zur „Bundeszahnärztekammer – Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Zahnärztekammern (BZÄK)“ zusammen. Mit überwältigender Mehrheit wurde Willmes von den Delegierten als „Mann des Ausgleichs und des Neuanfangs“ zum Präsidenten gewählt.

Vizepräsidenten wurden Dr. Wolfgang Sprekels (Hamburg), Dr. Jobst-Wilken Carl (Osnabrück) und Dr. Joachim Lüddecke (Leipzig). Auf der konstituierenden Sitzung des Vorstands wurden Dr. Dr. Josef Kastenbauer (Altötting) und Dr. Peter Boehme (Bremen) gewählt. Vertreter beider „Lager“ wurden in die Gremienarbeit eingebunden; die neue Bundesorganisation, die BZÄK, kehrte zur sachlichen Interessenvertretung zurück.

„Es gab zunächst ein Riesenmisstrauen von beiden Seiten“, erinnert sich Willmes, dem es aber rasch gelang, den inneren Frieden des Verbands wiederherzustellen. Nun galt es sich verstärkt den Herausforderungen von außen zu stellen. Willmes: „Ich habe schnell gemerkt, dass die Zahnärzte im politischen Geschehen als nicht so besonders wichtig angesehen wurden.“ Der Auftrag war klar: Vertrauen aufbauen und konsequent für die Interessen der Zahnärzte in der Politik werben – und das im Team mit seinen Vizepräsidenten. „Verhandlungen statt Konfrontation“, lautete das Motto.

So führte Willmes in seiner Amtszeit von 1993 bis 2000 unzählige Gespräche mit Politikern. Dazu gehörten – neben Bundesgesundheitsminister Seehofer – Wolfgang Schäuble, der damalige CDU-Bundesvorsitzende, Angela Merkel als CDU-Generalsekretärin, Dieter Thomae (FDP) als Vorsitzender des Bundestags-Gesundheitsausschusses, Klaus Kirschner, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion oder Eberhard Diepgen (CDU), der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin. Einen besonderen Draht konnte er – trotz unterschiedlicher politischer Ansätze – zur Grünen-Politikerin und damaligen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer aufbauen. Der politische Tenor der BZÄK damals: im Dialog bleiben, für die Belange des Berufsstands kämpfen und – wenn erforderlich – Widerstand zeigen. Das betraf vor allem die geplante Strukturreform im Gesundheitswesen und die Budgetierung.

„Wir haben heute ein relativ gutes Ansehen in der Öffentlichkeit. Das war nicht immer so.“


Dr. Fritz-Josef Willmes

Ebenso wichtig wie die politischen Gespräche war dem Präsidenten die Öffentlichkeitsarbeit. „Wir haben heute ein relativ gutes Ansehen in der Öffentlichkeit“, resümiert Willmes. „Das war nicht immer so. Themen wie Amalgam oder Abzocke erhitzten die Gemüter: Die Meinung über den Berufsstand war furchtbar schlecht.“ Seine Taktik: Er führte unzählige Gespräche mit Pressevertretern und Meinungsmachern. Und er unternahm Journalistenfahrten mit Medienvertretern und Standespolitikern, unter anderem nach Bern, Warschau und Edinburgh, um das deutsche Gesundheitssystem mit dem anderer Länder zu vergleichen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit war Willmes auch international sehr wichtig. Nicht nur, dass er als Delegierter und späterer Delegationsleiter so gut wie keinen Kongress des Weltzahnärzteverbands FDI ausgelassen hat – 1995 wurde er auf dem Weltkongress in Hongkong in den FDI-Rat gewählt.

Besonderes Augenmerk legte er während seiner Amtszeit auf die engere Zusammenarbeit mit osteuropäischen Standesvertretungen. 1996 unterschrieb die Bundeszahnärztekammer einen Kooperationsvertrag mit der polnischen Hauptärztekammer (die auch die Zahnärzte umfasst). Mit der tschechischen Zahnärztekammer unterzeichnete Willmes 1997 ein Abkommen anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens. Außerdem erfolgte eine Mitwirkung am tschechischen Wissenschaftskongress, der eine internationale Ausrichtung hatte und an dem sich auch deutsche Wissenschaftler beteiligten. Regelmäßig fanden auf Initiative der BZÄK weitere Treffen und Konferenzen mit verschiedenen Zahnärztekammern Zentraleuropas statt, die von den dortigen Berufsvertretern sehr geschätzt wurden.

Die EU bildete einen weiteren Schwerpunkt: Auf Initiative von Willmes wurde 1993 das Brüsseler Büro der Bundeszahnärztekammer gegründet – eine feste Vertretung, um die berufspolitische Präsenz der deutschen Zahnärzte zu stärken. „Die Heilberufler, andere freie Berufe und Mittelständler werden sich auf eine neue, gigantische ‚Eurokratie‘ in Brüssel einzurichten haben“, prognostizierte Willmes damals. 1995 übernahm Deutschland mit Willmes den Vorsitz im Zahnärztlichen Verbindungsausschuss (ZÄV), dem Vorläufer des heutigen Council of European Dentists (CED) – mit Vertretern zahnärztlicher Organisationen aller EU-Länder. Ein wichtiger Schwerpunkt schon in den 1990er-Jahren: die Anerkennung von zahnärztlichen Diplomen aus Drittstaaten, Bürokratieabbau – und auch die Digitalisierung. Schon 1996 wurde auf einer Informationsveranstaltung des BZÄK-Vorstands in Brüssel über Datenschutz, Telematik und „medizinische Patientenkarten“ beraten.

Die Festzuschüsse waren ein Meilenstein

Ein weiterer Bereich, bei dem das ausgleichende Naturell des Präsidenten gefragt war, war die Zusammenarbeit mit zahnärztlichen Organisationen und Verbänden. In seiner Amtszeit erfolgte ein enger Schulterschluss mit der KZBV und dem Freien Verband. „Wir hatten ständig Koordinierungstreffen, um unsere Politik abzustimmen“, erinnert er sich. Ganz wichtig war Willmes auch der Kontakt zur DGZMK, die in allen BZÄK-Vorstandssitzungen vertreten war. Und nicht zuletzt initiierte die BZÄK unter Willmes regelmäßige Treffen mit jungen Hochschullehrern.

Gesundheitspolitisch war die Amtszeit von Willmes geprägt von dem zentralen Thema der Vertrags- und Wahlleistungen mit Kostenerstattung – dem Konzept, das schließlich in das System der befundorientierten Festzuschüsse mündete und heute die zahnärztliche Versorgung kennzeichnet. „Die BZÄK hat der KZBV hier den Rücken gestärkt und mitgearbeitet“, erklärt Willmes. „Das Konzept war rückblickend betrachtet einer der großen Durchbrüche der zahnärztlichen Standespolitik in den vergangenen Jahren überhaupt.“

Weitere wichtige Themen waren etwa die Qualitätssicherung, die Forderungen nach einem höheren GOZ-Punktwert, eine neue Approbationsordnung und der Bürokratieabbau. Nicht zu vergessen: Unter Willmes Präsidentschaft fiel der Beschluss, dass die BZÄK von Köln nach Berlin umzieht – was sie 2001 dann auch tat. Zahnmedizinisch war ein besonderer Schwerpunkt die Prävention. Die breit angelegten Mundgesundheitsstudien (DMS-Studien) des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) hatten belegt, dass Deutschland in Sachen Mundgesundheit im internationalen Vergleich enorm aufgeholt hatte, besonders bei Kindern und Jugendlichen.

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