Die zahnmedizinische Sammlung der Universität Tübingen

Zahnersatz vom Nilpferd und das Instrumentenetui von Dr. Grausam

Heftarchiv Gesellschaft
Ausgabe 18/2020
Ausgabe 18/2020
Otto Walkhoff – Koryphäe und Nationalsozialist
Die zahnmedizinische Sammlung der Eberhard Karls Universität Tübingen umfasst über tausend Exponate aus über 300 Jahren für die Bereiche Chirurgie, Zahnerhaltung, Prothetik und Röntgenologie. Erhalten sind auch Moulagen, Bücher und historische Schriften zur Zahnheilkunde.

Hoch über der Stadt Tübingen erhebt sich das Renaissance-Schloss Hohentübingen, dessen Ursprünge als mittelalterliche Burganlage bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Die Universität wurde vor über 300 Jahren von Graf Eberhard im Bart mit vier Fakultäten gegründet und trägt seit 1769 unter Herzog Karl Eugen von Württemberg den Namen „Eberhardino-Carolina“. Die Räumlichkeiten beherbergen eine Vielzahl von archäologischen, kulturwissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Sammlungen der Eberhard Karls Universität, die unter „Museum der Universität Tübingen“ (MUT) zusammengefasst sind.

Es handelt sich um 70 Fachsammlungen, die zum Teil öffentlich zugänglich sind oder auf Anfrage besucht werden können. Zu den zugänglichen Sammlungen gehören die „Alten Kulturen“ und die „MenschenKörper“ – die anatomische Sammlung. Das Museum „Alte Kulturen“ trägt seit 2017 das Siegel „Weltkulturerbestatus“ für die Eiszeitkunst, die dort zu sehen ist. Die Sammlung „MenschenKörper“ dient vor allem der medizinisch-zahnmedizinischen Ausbildung. Bisher nicht öffentlich zu sehen war die zahnmedizinische Sammlung „Mund und Kiefer“– doch sie wird nun wieder zu neuem Leben erweckt. Für interessierte Besucher ist die Ausstellung wegen der Corona-Krise seit dem 16. Juli als Online-Ausstellung erlebbar.

Die Sammlung stand vor dem Aus

Dieser beeindruckenden Sammlung drohte 2018 das Ende, da sie nicht mehr akzeptabel und sicherheitsgerecht ausgestellt werden konnte. Dem Kustos der Sammlung, Dr. Andreas Prutscher, ist es zu verdanken, dass sie erhalten blieb. Ziel ist, mit dem Museum der Universität Tübingen, der Zahnklinik und deren Kustos die aktuelle Sammlung in einer zeitgemäßen und interessanten Dauerausstellung in den aktuellen Räumlichkeiten zu präsentieren.

Der Ursprung und die Anfänge der Sammlung sind nicht ganz einfach nachvollziehbar. Über den Beginn heißt es seitens der Uni: „Am 30. November 1968 eröffnete die neue Klinik und Poliklinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten der Universität Tübingen ihre Pforten in der Liebermeisterstraße. Im Rahmen der Neueröffnung war bereits zu dieser Zeit die Einrichtung eines Museums oder großen Schauraumes geplant, damals noch im 2. Untergeschoss. Zuvor war die Klinik in der Burse untergebracht gewesen und seit 1910 war dort auch eine Sammlung von Lehrgegenständen, Memorabilien und Kuriositäten angelegt worden. Grundstock war hier die Privatsammlung des renommierten Zahnarztes Prof. Dr. Hermann Peckert. Peckert sammelte neben zahnmedizinischen Instrumenten vor allem auch historische Zahnprothesen. Die Sammlung zog vorerst in den Verbindungsgang zwischen Mittelbau und großen Hörsaal der neuen Klinik, wo ein provisorischer Schauraum errichtet wurde. Dort ist die Sammlung noch heute zu finden.“

Die Sammlung zeigt eine umfangreiche Zahl an chirurgischen Instrumenten vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Neben Zahnschlüsseln und Zangen oder Pelikanen ist ein vollständiges Etui an Instrumenten wie Zahnzangen, Hebel, Überwurf, Zahnschlüssel und Kralle hervorzuheben. Es gehörte einem Rottweiler Bader aus dem 18. Jahrhundert, der „Dr. Grausam“ genannt wurde (Abbildung links).

Ebenso umfangreich ist der Bestand an Objekten zur Zahnerhaltung und Prothetik. So gibt es Zahnersatz aus Elfenbein, Nilpferd- und Walrosszähnen aus dem 18. und dem 19. Jahrhundert. Oder einen vollständig erhaltenen Kasten für Porzellansortimente für Jacketkronen und Facetten. Mithilfe der Zahnfarbpaletten konnte die jeweilige Zahnfärbung des Patienten ziemlich genau getroffen werden.

Zur Sammlung gehören auch ein mit Gas betriebener Glühofen, Brennöfen, eine Kronenstanze, Vulkanisierkessel, eine Fußtretbohrmaschine sowie mehrere Zahnarztstühle und Instrumentenblöcke. Für die Fußtretbohrmaschine ist auch die Nutzungsgeschichte bekannt. Sie war Teil eines transportablen Behandlungssets, das von den Zahnärzten Carl Willasch und Dr. A. Weber auf Überlandreisen von 1921 bis 1939 zum Einsatz kam.

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