Ergonomie in der Praxis

Bitte Haltung zeigen!

138473-flexible-1900
Heftarchiv Praxis
Ausgabe 11/2021
Ausgabe 11/2021
Neuer Knochen fürs Implantat
Wer sich ständig krumm macht für seine Patienten, sollte auf seinen Rücken achten. Stress, Zeitdruck und falsche Bewegungsabläufe können eine schlechte Haltung noch begünstigen. Wichtig ist, sich Fehlhaltungen und ungesunde Bewegungsabläufe bewusst zu machen.

Eine ergonomisch eingerichtete Praxis folgt dem Grundkonzept, dass der Aufbau wie auch die Instrumente und Utensilien auf die Arbeitsabläufe und die Personen abgestimmt sind. Dafür sollten die Behandlungseinheiten und die Arbeitsstühle von Zahnarzt und Assistenz so positioniert sein, dass nach einer unnatürlichen Position während einer Behandlung automatisch, also intuitiv, wieder eine gesunde Haltung eingenommen wird. „Am besten lernt man diese Haltung schon während der Ausbildung, um sie später als feste Gewohnheit mit in die Praxis zu übernehmen“, sagt Prof. Dr. Jerome Rotgans, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Ergonomie in der Zahnheilkunde“ (AGEZ).

Der Schlüssel liegt Rotgans zufolge im Workflow. Ist der Arbeitsablauf bestmöglich an die eigene, gesunde Haltung angepasst, hat man die Ergonomie großenteils mitberücksichtigt. Das heißt: Man vermeidet Rotationen der Wirbelsäule, hochgezogene Schultern, vom Körper abgespreizte Ellbogen, einen geneigten und verdrehten Kopf und nicht zuletzt das gestreckte „Fußschalterbein“ für die Bedienung der dynamischen Geräte. Denn das sind Arbeitsbewegungen, die den Körper aus der Balance bringen. Wirbel und Bandscheiben können Schaden erleiden, Beschwerden wie Kopf-, Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen folgen.

Aus einer aktuellen Untersuchung unter Zahnärzten und Zahnmedizinstudierenden zur Prävalenz von Muskel-Skelett-Erkrankungen geht hervor, dass 65,5 Prozent der 450 Befragten zwischen 23 und 75 Jahren in den vergangenen sieben Tagen Schmerzen oder Beeinträchtigungen festgestellt haben. 95,8 Prozent leiden ihr gesamtes Berufsleben darunter [Ohlendorf et al., 2020]. 

Hauptsache der Patient liegt bequem? Falsch!

Eine ungesunde Körperhaltung fängt mit dem halb liegenden Patienten auf dem Behandlungsstuhl an: Hier ist die Ergonomie beim sitzenden Behandler deutlich eingeschränkt, der Oberkörper vorgebeugt, der Kopf verdreht. Diese unnatürliche Position führt auf Dauer zu einer Überlastung der Wirbelsäule. Die regelmäßige Kontrolle von Haltung und Sitzposition im Arbeitsalltag ist daher elementar. „Im Zentrum der Behandlung steht meist die für den Patienten angenehme Position. Der Behandler sollte aber auch in gesunder Haltung arbeiten können“, sagt Rotgans. „Erklären Sie beispielsweise mit leicht amüsantem Unterton ruhig: Um gut zu arbeiten, muss ich Ihnen jetzt den Kopf verdrehen.“  Seiner Erfahrung nach sind Patienten fast immer bereit, auch mal unbequemer zu liegen (und haben das bis zum nächsten Termin wieder vergessen), wenn es der Behandlung hilft. 

Auf Frauen im Beruf ist der Markt Rotgans zufolge immer noch nicht eingestellt: „Beispielsweise sind die Sitzflächen der Stühle in der Regel auf männliche Größen ausgerichtet. Frauen sind meist schmaler und kleiner.“ Am besten also darauf achten, dass der Arbeitsstuhl (auch der der ZFA) sowie die Patientenliege entsprechend tiefenverstellbar sind und  die Einstellung von Tray und Leuchte flexibel und einfach anzupassen ist.

Die Adaption der Praxiselemente kann anatomische Unterschiede ausgleichen und so Fehlhaltungen vorbeugen. Rotgans rät zusammenfassend, eine aufrechte Sitzhaltung als Ausgangsposition einzunehmen, in die immer wieder zurückgekehrt wird (Abbildung 1). Alle für die Behandlung benötigten Utensilien sollten in Reichweite liegen. Der Greifraum erreicht dabei maximal eine Armlänge, so wird der Arm nicht überstreckt. Der Patient sollte im Idealfall so platziert werden, dass er vom Zahnarzt ohne viele Drehbewegungen und ohne Neigen seiner Halswirbelsäule und der Schultern behandelt werden kann. Die Schultern sollte er entspannt unten halten. Mit Assistenz ist es für die Haltung besser, schräg und verzahnt gegenüber zu sitzen (Abbildung 2).


Ein regelmäßiger Sehtest sollte alle Brillen und Sehhilfen umfassen und in jedem Fall das scharfe Sehen überprüfen. 

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter

Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.