Verschreibungspraxis in den USA

Wie Corona die Opioidkrise neu zündet

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Heftarchiv Gesellschaft
Ausgabe 11/2021
Ausgabe 11/2021
Neuer Knochen fürs Implantat
In den USA untersucht ein Gerichtsverfahren die Mitverantwortung von vier Pharmakonzernen an der Opioidkrise im Land. Schätzungen zufolge sind seit dem Jahr 2000 mehr als eine halbe Million US-Amerikaner an einer Überdosis gestorben, nachdem sie infolge einer Schmerztherapie süchtig wurden.

Im April startete das Verfahren 
gegen Johnson & Johnson, Teva, Endo und Allergan. Drei kalifornische Bezirke sowie die Stadt Oakland werfen den Unternehmen vor, die 
Risiken starker Opioid-Schmerzmittel – vor allem der Langzeiteinnahme – aus Profitgier verharmlost zu haben und damit eine Mitschuld an der Opioidkrise zu tragen. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC hat der Missbrauch in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund eine halbe Million Tote gefordert, pro Tag sterben im Durchschnitt 136 an einer Überdosis.

Viele Opfer kommen aus der Mittelschicht oder dem bürgerlichen Milieu. Sie wurden durch eine allzu 
laxe Verschreibungspraxis von hochdosierten Opioiden abhängig, meist im Rahmen einer Schmerztherapie nach Unfällen oder Operationen. Wenn sich auch mit Tricks keine Folgeverschreibungen mehr erschleichen lassen, wechseln die Betroffenen zu illegalen Drogen wie Heroin.

Erste wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Corona-Pandemie die Opioidkrise noch einmal deutlich verschärft. Eine Studie [Friedman/Akre, 2021] untersuchte dazu die landesweiten Sterbezahlen durch eine Überdosis von Januar bis Juni 2020. Ergebnis: Im Rekordmonat Mai 2020 lag der Wert 57,7 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die höchsten Werte wiesen die Bundesstaaten West Virginia, Kentucky und Tennessee auf.

136 Menschen/Tag sterben an einer Überdosis 

Eine Querschnittsstudie für den Bundesstaat Ohio [Currie et al., 2021] macht ebenfalls drastische Steigerungen der Fallzahlen aus – in einer besonders starken Woche lagen die Sterbezahlen 76,8 Prozent über den Vorjahreswerten. Die Arbeit zeigt zudem Zusammenhänge zwischen zeitlichen Mustern von Überdosierungen und politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie auf. Wie die Autoren beschreiben, folgte auf die Ausrufung eines nationalen Gesundheitsnotstands Mitte März 2020 (mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens) ein erster Anstieg der Todesfälle durch Opioid-Überdosierung in Ohio. Als im August 2020 die Beschränkungen wieder gelockert wurden, sank die Zahl wieder. Rund 73 Prozent aller tödlichen Überdosierungen waren der Studie zufolge auf das Opioid Fentanyl zurückzuführen, das 50-mal potenter ist als die illegale Opioid-Droge Heroin und in den USA auch in der Zahnmedizin eingesetzt wurde und wird.


Eine Studie der Universität Pittsburgh [Suda et al., 2020] weist nach, dass die Verschreibungspraxis von US-Zahnärzten in der Vergangenheit zur Opioidkrise ihren Teil beigetragen 
haben könnte. Aktuell entfallen etwa 10 Prozent der Opioid-Verschreibungen in den USA auf Zahnärzte, damit ist deren Anteil laut Studie etwa 37-mal höher als in anderen Ländern mit vergleichbarem Zahngesundheitsstatus. 

Auch Zahnärzte dosieren zu hoch

Zwischen 2011 und 2015 überstiegen 29 Prozent der von Zahnärzten verordneten Opioide die empfohlenen Morphin-Äquivalente für eine angemessene Behandlung akuter Schmerzen. Dabei überschritt gut die Hälfte (53 Prozent) mit ihrer Dosierungsempfehlung die empfohlene Tagesversorgung. Am häufigsten erhielten männliche Patienten im Alter von 18 bis 34 Jahren mit Wohnsitz in den südlichen USA Verschreibungen für Opioide in unangemessener Höhe. 

Die Stichprobe umfasste 542.598 Zahnarztbesuche, 48 Prozent der Patienten waren weiblich, das Durchschnittsalter betrug 46 Jahre. Die Autoren stellen fest, dass fast ein Drittel der Opioide verschrieben wurden, obwohl das Ziel die Behandlung 
einer geringen Schmerzintensität war – und dass regelmäßig Hochleistungs-Opioid-Pillen wie Oxycodon an junge Erwachsene verschrieben wurden, die ein besonders hohes Risiko haben, abhängig zu werden.

Schon vor der Pandemie hatte eine Studie [Harbough et al., 2018] die 
Gefahr überhöhter Opioid-Verschreibungen nach Weisheitszahnextraktionen für Jugendliche und junge Erwachsene thematisiert. Von 70.942 untersuchten Patienten zwischen 13 und 30 Jahren erhielten 71,4 Prozent perioperativ Opioide verschrieben, vor allem Hydrocodon (70,3 Prozent) oder Oxycodon (24,3 Prozent). Obwohl die Verschreibung an Opioid-naive Patienten mit einem höheren Risiko für einen anhaltenden Opioid-Konsum verbunden ist.

Das Problem wurde zwar bereits in den frühen 2000er-Jahren benannt, doch selbst Änderungen in der Verschreibungspraxis zeigen wenig bis keinen Effekt. So wurde laut CDC von 2006 bis 2017 die jährliche Verschreibungsrate um mehr als 19 Prozent gesenkt. Dennoch entfielen 2017 auf 100 US-Amerikaner noch fast 58 Opioid-Verschreibungen. Und obwohl immer mehr Behandler der CDC-Empfehlung folgen, Opioide für die meisten Patienten mit akuten Schmerzen für maximal drei Tage zu verschreiben, bleiben die Fallzahlen stabil – und die Gesundheitsausgaben für Opioid-Abhängige steigen überproportional an.

Eine Sekundäranalyse [Silva/Kelly, 2021] warnt vor einer Kostenexplosion. Schon jetzt lägen beispielweise die jährlichen Behandlungskosten von opioidabhängigen Patienten mit Wirbelsäulenverletzungen um bis zu 550 Prozent über dem Durchschnitt.

In einem Artikel der Harvard Medical School [Grinspoon, 2020] werden die Verflechtungen der beiden Gesundheitskrisen offengelegt. Aus vielfältigen sozialen Gründen sind Süchtige in den USA deutlich stärker gefährdet, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren; gleichzeitig wurde die Verschreibungspraxis gelockert, um die Patientenströme in den Kliniken zu reduzieren. Süchtige konsumieren in der Pandemie öfter als vorher allein, was das 
Risiko einer Überdosis erhöht. Und der Pandemie-Stress und die Angst, die bei den Junkies den generellen Suchtdruck noch erhöhen, verringern die Chance auf eine Rettung im Fall einer gemeldeten Überdosis.

Medienberichten zufolge gibt es im ganzen Land Polizeidienststellen, 
die sich neuerdings weigern, den Opioid-Antagonisten Naloxon zu verabreichen. Es sei zu gefährlich, weil der Überdosis-Patient nach der Injektion durch Husten und Niesen die Polizisten mit Corona infizieren könnte.


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