Portale zur Arbeitgeberbewertung

Ich arbeite in keiner Praxis mit schlechter Unternehmenskultur

Heftarchiv Gesellschaft
Ausgabe 13/2022
Ausgabe 13/2022
Diabetes und Mundgesundheit
Irgendwann in den 2010er-Jahren kam das Geschäftsmodell der Arbeitgeber-Bewertungsportale nach Deutschland – und setzte sich fest. Auf Internetplattformen wie kununu, meinchef, glassdoor & Co. findet man Millionen von Mitarbeitenden und Bewerbenden abgegebener Bewertungen – auch von Zahnarztpraxen. Das soll die Arbeitswelt besser machen, heißt es – ist wohl aber auch ein lukratives Geschäftsmodell nach dem Vorbild jamedas.

Die Idee hat die Welt revolutioniert. Mein Moussaka neulich beim Griechen war gut, außergewöhnlich gut, da schreibe ich eine Empfehlung. Wohingegen der Fisch in dem neuen Restaurant an der Ecke gar nicht lecker war, auch das teile ich (mit) – allen anderen zur Orientierung. Mein Hotelzimmer war nicht sauber, meine Augenärztin aber sehr kompetent und „hat alles total verständlich erklärt“. Dasselbe sollte es auch über ArbeitgeberInnen geben – und gibt es nun seit ein paar Jahren. Die Idee ist grundsätzlich gut, doch ganz so einfach ist es nicht.

Gemeinsames Merkmal der Arbeitgeber-Bewertungsportale ist, dass sie ArbeitgeberInnen nach einer kostenlosen Registrierung die Möglichkeit zur Reaktion auf Bewertungen geben. Das ist fair. Wer aber darüber hinaus seine Marke als Arbeitgeber stärken und präsentieren möchte, muss zahlen. Das ist Marketing. Wie viel, ist jedoch nicht bei jedem Anbieter sofort klar. „Der kostenlose Einstieg ist erst der Anfang“, heißt es bei glasdoor und nach den Klick auf „Tarife und Preise“ folgt noch mehr blumiges Marketing-Blabla und die Bitte um eine Kontaktaufnahme mit dem Vertrieb. Beim selbst erklärten Marktführer kununu gibt‘s stattdessen Butter bei die Fische.

Kommt hier jameda 2.0?

Je nach Unternehmensgröße kostet es Arbeitgeber bis zu 432,50 Euro pro Monat, sich auf dem Portal professionell aufzustellen. Das Versprechen: Für das Investment gibt es mehr Sichtbarkeit, ein schärferes Unternehmensprofil und detaillierte Statistiken zu den BesucherInnen des eigenen Profils. Obendrauf und inklusive erhalten die zahlenden Kunden ein Premium-Arbeitgeberprofil für das Karriereportal Xing. Glasdoor geht ähnlich vor und monetarisiert seine Zusammenarbeit mit dem Job-Portal Indeed.

Wen das noch nicht überzeugt, den informieren die Portale, dass Premiumkunden auch auf Profilen ihrer direkten Konkurrenten werben können – selbst aber vor Anzeigen der Marktbegleiter geschützt sind. Haben Sie ein Déjà-vu? Richtig, das in den vergangenen Jahren wiederholt kritisierte Geschäftsgebaren des Arztbewertungsportals jameda hat schon große Ähnlichkeit.

  • 44 Prozent aller Befragten, die sich über Arbeitgeber informiert haben, gaben an, dass das ihre Entscheidung für einen Job-Wechsel beeinflusst hat.

  • 14 Prozent fühlten sich in ihrer Entscheidung für den neuen Arbeitgeber bestärkt.

  • 18 Prozent sagten, die Arbeitgeberbewertungen hätten sie zwar verunsichert, aber sie hätten sich trotzdem für den Job entschieden.

  • Und 12 Prozent haben sich aufgrund der Arbeitgeberbewertungen im Internet gegen einen möglichen Wechsel entschieden. 

In Großbritannien sind die Werte laut einer aktuellen Umfrage unter 1.000 Beschäftigten verschiedener Branchen noch größer: Demnach gaben 69 Prozent der Befragten aus dem Gesundheitswesen an, keine Stelle in einem Unternehmen antreten zu wollen, in dem laut Online-Bewertungen eine schlechte Unternehmenskultur herrscht. 48 Prozent würden sich gar nicht erst bei schlecht bewerteten Unternehmen bewerben.

Und 47 Prozent der Befragten im Gesundheitswesen gaben an, ihren Arbeitgeber auf entsprechenden Onlineportalen tatsächlich auch zu bewerten – laut Bitkom waren es 2021 in Deutschland 33 Prozent – oder andere aktiv vor einer Bewerbung zu warnen, wenn die Unternehmenskultur schlecht wäre. Vergleichbare Werte gibt es in den Branchen Banken und Versicherungen (beide 46 Prozent) und Recht (49 Prozent). Deutlich weniger sind es nur im öffentlichen Dienst (33 Prozent). 

... oder ein schlecht bewerteter Arbeitgeber

Die Umfrage beschäftigte sich ebenfalls mit den Effekten auf Kunden und Investoren: Demnach gaben 60 bis 72 Prozent der befragten Beschäftigten (darunter 64 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen) an, keine Produkte eines Unternehmens kaufen zu wollen, das den Ruf hat, seine Mitarbeitenden schlecht zu behandeln. Und für Investoren ist der Umgang mit Mitarbeitenden (36 Prozent) neben dem generellen Ruf eines Unternehmens (54 Prozent) der entscheidende nicht-finanzielle Aspekt bei der Bewertung eines Unternehmens.

Die Umfrage wurde im Auftrag des Software-Herstellers Culture Shift durchgeführt, der eine softwarebasierte Echtzeit-Meldeplattform zur Erkennung und Verhinderung von Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz vertreibt. Er rät, Praxen sollten die Pflege ihrer Unternehmenskultur ernst nehmen. „Nehmen Sie sich Zeit, um zu verstehen, was für Ihr Team wichtig ist”, schreibt Culture Shift im Fazit. Zufriedene Mitarbeiter, die sich wertgeschätzt fühlen, arbeiteten nicht nur produktiver, sondern seien ein wichtiger Baustein, um ein positives Unternehmensimage in der Öffentlichkeit aufzubauen und zu festigen. 

Was tun bei Fake- oder Hassbewertungen?

Auch kununu & Co. raten Unternehmen, zufriedene Teile des Teams zur Bewertung zu motivieren. Doch reicht das? Nicht ganz. Es bleibt das Problem mit möglichen Fake- oder Hassbewertungen, die von Fremden, MitbewerberInnen oder ausgeschiedenen Mitarbeitenden verfasst werden könnten. Einen Hinweis zur Dimension des Problems unauthentischer Bewertungen gibt die 2021er-Ausgabe der regelmäßigen Kontrolluntersuchung Sweep der EU-Kommission. Danach sind fast zwei Drittel (61 Prozent) der Bewertungen der analysierten 223 Online-Shops, Marktplätze, Buchungswebseiten, Suchmaschinen und Vergleichsdienstseiten zumindest zweifelhaft, lautet das Urteil.

Deren Betreiber täten nicht genug, um sicherzustellen, dass Bewertungen authentisch sind, heißt es. Zudem informierte fast jede Zweite (46 Prozent) der untersuchten Websites Verbraucher nicht darüber, wie Bewertungen gesammelt und verarbeitet werden.

Das ist beim größten Arbeitgeberbewertungsportal anders: Mehr als 
20 Mitarbeitende eines Community-Support-Teams seien dafür zuständig, Bewertungen und deren Inhalte zu prüfen, heißt es. Außerdem gebe es einen umfassenden Prozess sowie interne Regeln, die über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen. Das mehrstufige Verfahren beinhalte eine technische Prüfung und gegebenenfalls eine Sichtung durch das Supportteam sowie Kontaktaufnahme zum Verfasser der Bewertung.

Was gut klingt, klappt offensichtlich nicht immer: Eine vom Autor zu Testzwecken für Bosch abgegebene Schmäh-Bewertung wurde auf kununu unbeanstandet innerhalb von Stunden freigeschaltet – obwohl zur Verifikation eine E-Mail-Adresse bei Deutschlands bekanntestem Müllmail-Anbieter angegeben wurde. Für kununu war die Arbeit damit erledigt, für Premiumkunde Bosch fing sie erst an. Der Arbeitgeber bedankte sich für „die konstruktive Kritik“ und machte ein Gesprächsangebot.

Zwei Hinweise in eigener Sache: Antworten von kununu auf Fragen der zm (zur Anzahl zahlender Zahnärztinnen und Zahnärzte unter den Kunden sowie zur Suffizienz der Überprüfungsmechanismen) standen zum Redaktionsschluss dieses Textes noch aus. Sie werden nach Erhalt auf www.zm-online.de veröffentlicht. Die zu Testzwecken abgegebene Bewertung hat der Autor inzwischen gelöscht und Bosch über deren Hintergrund informiert. 

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter

Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.