Aktuelle Corona-Forschung

Kommt mit den nasalen Impfstoffen die sterile Immunität?

Heftarchiv Medizin
Ausgabe 14/2022
Ausgabe 14/2022
Leerstelle ZFA
Weltweit wird aktuell an 167 Corona-Impfstoff-Kandidaten geforscht, darunter an acht nasal verabreichbaren Präparaten. Ein Sprühstoß in jedes Nasenloch und schon ist der Körper gegen SARS-CoV-2 gewappnet? Ganz so weit ist die Forschung noch nicht.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren Ende Juni nur drei intranasale Impfstoffkandidaten zu Phase-3-Studien zugelassen: Der indische Vektor-Impfstoff  BBV154 auf Basis eines Adenovirus wird zurzeit an 3.000 Probanden zwischen 18 und 65 Jahren getestet. Jene erhalten im Abstand von 28 Tagen 0,5 Milliliter des Impfstoffs, während die Kontrollgruppe im selben Zeitabstand intravenös den Totimpfstoff COVAXIN bekommt.

Beim chinesischen Impfstoffkandidaten DelNS1–2019-nCoV-RBD-OPT1 handelt es sich ebenfalls um einen Vektor-Impfstoff, allerdings auf Influenza-Basis. Er wird an 20.000 Erwachsenen in Südafrika, Kolumbien und auf den Philippinen getestet. Die Studie läuft bis Ende Februar 2023.''

Ebenfalls aus Indien stammt der Lebendimpfstoff COVI-VAC (Codagenix), der in der Schweiz an bis zu 40.000 Personen ab 16 Jahren getestet werden soll. Aktuell läuft die Rekrutierungsphase, die voraussichtlich im September 2022 abgeschlossen sein wird. Mit Ergebnissen wird nicht vor September 2023 gerechnet.

Ohnehin ist die Impfung wahrscheinlich vor allem als Booster interessant. Das legt eine Studie der Freien Universität Berlin an Hamstern nahe [Nouailles et al., 2022]. Danach erzeugte die Gabe des abgeschwächten Lebendimpfstoffs sCPD9 als Booster einer BioNTech-Impfung einen besseren Schutz als zwei Dosen des mRNA-Impfstoffs. Wurde der Impfstoff zwei Mal verabreicht, konnte sich das Virus nicht mehr vermehren. Die Studie belegt, dass das Immungedächtnis sehr gut angeregt wurde und auch die Schleimhäute durch eine hohe Konzentration von Antikörpern sehr gut geschützt waren – besser sogar als nach einer natürlichen Infektion. Und auch die für den Geruchssinn verantwortlichen Nervenzellen wurden geschützt, betonen die Autoren

„Insgesamt zeigte der Lebendimpfstoff also eine sehr gute Wirkung, bis zur Anwendung im Menschen ist es aber noch ein weiter Weg“, schrieb einer der Autoren, der Molekularbiologe Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, auf Twitter. Klinische Studien seien in Vorbereitung: „Dann wird sich zeigen, ob die Wirkung im Menschen ebenso gut ist.“

Er gibt jedoch zu bedenken, dass Lebendimpfstoffe bei immungeschwächten Menschen grundsätzlich nicht ideal sind. Darum müsse erst geprüft werden, ob das Präparat auch bei ihnen anwendbar ist, betont Wyler. Mit Codagenix starte jedoch bald ein vergleichbarer Lebendimpfstoff in die Phase-3-Studie. 

Die Nasale Impfung wirkt am besten als Booster

Der Epidemiologe Wayne Koff, Chef und Gründer des US-amerikanischen Human Vaccines Project zur Beschleunigung der Impfstoffentwicklung, geht dagegen davon aus, dass es noch ein weiter Weg ist bis zu einem funktionierenden nasal verabreichbaren COVID-Impfstoff. Einige Zusammenhänge der Schleimhautimmunität seien noch weitgehend ungeklärt. „Während das menschliche Immunsystem eine Blackbox ist, ist das Immunsystem der Schleimhaut wahrscheinlich die schwärzeste aller Blackboxes.“ Wir erinnern uns: Der Fall des im Jahr 2000 in der Schweiz zugelassenen Grippe-Impfstoffs Nasalflu zeigte, dass die nasale Gabe von Präparaten das Risiko neurologischer Komplikationen erhöht. Der damals neuartige Grippe-Impfstoff eroberte innerhalb weniger Wochen zehn Prozent des Schweizer Marktes. Nachdem aber bekannt wurde, dass bei 46 der etwa 100.000 geimpften Personen eine vorübergehende Fazialisparese (Gesichtslähmung) aufgetreten war, verzichtete der Hersteller auf den Vertrieb des Nasensprays in den folgenden Grippesaisons. Berna Biotech verlangte daraufhin eine Abklärung des Sachverhalts.

Die schwärzeste aller Blackboxes

Drei Jahre später wurde die Studie der Universität Zürich im New England Journal of Medicine veröffentlicht [Mutsch et al., 2004]:. Im Gegensatz zu parenteralen Impfstoffen erhöhte der intranasale Impfstoff das Risiko einer Lähmung auf das 84-Fache.

Literaturliste



Margot Mutsch, Weigong Zhou, Philip Rhodes et al., Use of the Inactivated Intranasal Influenza Vaccine and the Risk of Bell's Palsy in Switzerland, February 26, 2004, N Engl J Med 2004; 350:896-903, DOI: 10.1056/NEJMoa030595

Geraldine Nouailles, Julia M. Adler, Peter Pennitz et al., bioRxiv preprint doi doi.org/10.1101/2022.05.16.492138, posted May 16, 2022

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