Schicksal und Wirken des jüdischen Zahnarztes Dr. Victor Penzer

Überzeugungstäter für eine bessere Welt

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Heftarchiv Gesellschaft
Ausgabe 6/2022
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Einrichtungsbezogene Impfpflicht startet
Das Leben des jüdischen Zahnarztes Dr. Victor Penzer war geprägt von seinem ganzheitlichen Verständnis von Medizin und seinem Einsatz für Menschenrechte. Penzer war Vordenker – in Public-Health, bei alternativen Heilmethoden und als Kämpfer gegen Amalgam. Privat engagierte er sich gegen Rassismus. Die Kraft dafür lag in seinen Erlebnissen in Auschwitz begründet – und dem Neuanfang in den USA.

Im Jahr 1949 erreichte ein jüdisches Ehepaar die Vereinigten Staaten und ließ sich in der Bostoner Gegend nieder. Es waren Flüchtlinge polnischer Herkunft, die eine Möglichkeit zur Auswanderung in die USA erhalten hatten. Stella Penzer (1921–2018) war Krankenschwester, ihr Mann Victor (* 18. Juli 1919 in Kraków; † 29. Dezember 1999 in Boston) promovierter Zahnarzt. Sein Studium in Polen und Deutschland wurde nicht angerechnet, so dass er an der Tufts University Dental School in Boston erneut den Abschluss machen musste, um anschließend als niedergelassener Zahnarzt tätig werden zu können.

Penzer bildete sich in der akademischen Medizin an renommierten Institutionen weiter, in Stomatologie, Public Health, Pathologie und Immunologie in Harvard – aber auch in alternativen Heilverfahren wie Hypnose, Akupunktur, oraler Myologie, Myotronics und Bioelectronics. Nebenbei studierte er Jura, arbeitete als Journalist und wurde – oft provokativ – in Fachzeitschriften aktiv. So war er Herausgeber von „Stomatologia Holistica“, und Mitherausgeber von „Health Consciousness“. Er engagierte sich in der Weiterbildung in Tufts und an der Boston University. 1978 gründete er mit anderen engagierten Zahnärzten die „Holistic Dental Association“, ein Forum für gesundheitsfördernde Therapien über zahnärztliche Eingriffe hinaus. 

„Es war eine heilende Erfahrung, mit ihm zusammen zu sein“

Penzer zog gegen Amalgamfüllungen zu Felde, was zu einer Anklage der Massachusetts Dental Association führte. Diese befürchtete, ebenso wie die American Dental Association, von Sammelklagen überzogen zu werden, falls Amalgam für Demenz und andere neurodegenerative Erkrankungen verantwortlich gemacht werden würde. Dem Entzug der Approbation kam er zuvor, indem er freiwillig seine Zulassung abgab, sich aus der Zahnmedizin zurückzog und 1986 in den Ruhestand ging.

Er blieb jedoch konsiliarisch tätig: Ted Kaptchuck, der bekannte Placebo-Forscher, schrieb über ihn: „Victor Penzer war ein bemerkenswerter Mann und für mich ein wichtiger Mentor. Als er in den Ruhestand ging, meldete er sich freiwillig in der von mir geleiteten Schmerzklinik und untersuchte Patienten auf Schmerzen im Kiefergelenk. Er hat sie nie wirklich behandelt, weil wir dazu nicht die richtige Ausrüstung hatten. Ich war der Direktor der Klinik. Die Patienten fragten mich immer wieder, ob sie nicht der ‚alte Arzt‘ wieder behandeln könne, weil er ihnen so gut geholfen habe. Sie dachten, dass Victors Untersuchung eine Behandlung war. Manchmal bat ich Victor einfach, noch einmal mit ihnen zu sprechen. Es war eine heilende Erfahrung, mit Victor zusammen zu sein.“

Was war die heilende Erfahrung? Es waren seine Biografie und (insbesondere) die Erlebnisse in Auschwitz, die er vor seinem bürgerlichen Leben in den USA durchlitten hatte. Kaptchuck berichtete: „Er hat oft mit mir über Auschwitz gesprochen. Meine Lieblingsgeschichte, die er mir erzählte, war, dass die Aufseher in Auschwitz ihm manchmal eine Aspirin-Tablette gaben. Er löste sie in einem Eimer Wasser auf und gab dies teelöffelchenweise an die Patienten aus. Er hat uns beigebracht, ein Heiler zu sein, dass man einem Kranken immer helfen kann.“

So erklärt sich sein besonderes Eintreten für eine „menschliche Medizin“, aber auch für ein menschliches Miteinander allgemein. Das Ehepaar Penzer bewies ein hohes Maß an Zivilcourage. Ihr Sohn Daniel berichtete, dass ihm schon in jungen Jahren bewusst war, wie selbstverständlich seine Eltern für die damalige Zeit unkonventionell handelten: Die erste Zahnarzthelferin, die Victor anstellte, war Frances, eine Afroamerikanerin. Daraufhin wurde er gewarnt, dass er so keine Patienten bekommen würde, worauf er entgegnete, dass er Patienten, die damit ein Problem haben, ohnehin nicht wolle.

Ihr Engagement gegen Rassismus ging so weit, dass sie neben den drei eigenen Kindern einen farbigen Jungen aus Virginia aufnahmen, um ihm eine Schulbildung zu ermöglichen. Denn die 1954 beschlossene Aufhebung der Rassentrennung in Schulen wurde in Virginia so umgesetzt, dass die öffentlichen Schulen einfach geschlossen und weiße Schüler in Privatschulen unterrichtet wurden. Im Prince Edward County etwa blieben die Schulen von 1959 bis 1964 geschlossen. Das American Friends Service Committee veranlasste, Kinder zur Schulbildung an andere Orte zu vermitteln. So stellte sich auch das Ehepaar Penzer als Gasteltern zur Verfügung. Sie nahmen eines der „Quaker kids“, Moses Scott, in ihr Haus auf und es heißt, dass sie aus ihrem Schlafzimmer in den Keller zogen, um ihm das beste Zimmer im Haus zu überlassen. Als sich eine Nachbarin beschwerte, dass ihre Tochter nun im Auto neben Moses sitzen müsse, entgegnete Penzer, dass ihre Tochter ja nicht mitfahren müsse.

Penzer wurde zum großen Vorbild für Scott und es entwickelte sich eine lebenslange Bindung dieser Opfer sehr verschiedener Formen von Rassismus. Während eines Aufenthalts in Polen besuchten sie Auschwitz. Scott wurde später sehr erfolgreich, er blieb lebenslang in Kontakt mit der Familie. Penzer war immer integrativ tätig und lud viele seiner Freunde zum Beitritt in die Vereine ein, für die er tätig war, etwa in den Tennisclub, dem er als Präsident vorstand. Die Penzers spendeten Geld für viele Zwecke – sie hatten aus ihren erlebten Schicksalen gelernt, für Gleichheit, Bürgerrechte, nukleare Abrüstung, Minderheitenschutz, Umweltschutz, Frieden und Versöhnung zu kämpfen. Dafür wurde Victor mit dem Dag-Hammarskjöld-„Pax Mundi“-Award ausgezeichnet. 

woher kam die Kraft für ihr Engagement?

Doch woher nahmen Stella und Victor Penzer die Kraft für ihr Engagement? Das hängt eng mit ihrer Biografie zusammen, die für das Verständnis nicht nur der beruflichen Orientierung, sondern auch des persönlichen Einsatzes von Bedeutung ist: Victor Penzer wurde am 18. Juli 1919 in Krakau als zweites Kind einer wohlhabenden, liberalen, weitläufigen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Nach dem Abitur studierte er vom Wintersemester 1937 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Medizin an der Universität Krakau und legte im Sommer 1939 die ärztliche Vorprüfung ab. Sein sechs Jahre älterer Bruder hatte wegen eines Numerus clausus für Juden in Palermo studiert und war bereits Arzt. Die Berufswahl Victors war dadurch, aber auch durch eigene Krankheitserfahrungen geprägt. Alternative Heilverfahren lernte er früh kennen, etwa im Prießnitz-Sanatorium in Gräfenberg. Diese waren für seine spätere medizinische Einstellung von richtungsweisender Bedeutung.

Der deutsche Überfall auf Polen beendete mit der Schließung der Universität das weitere Studium. Mit seinem Vater und seinem Bruder Edek flüchtete er nach Osten, wo jedoch die Russen einmarschiert waren und sie verhaftet wurden. Sie konnten mit ihrem inzwischen erkrankten Vater entkommen und schlugen sich nach Lwiw (Lemberg) durch, wohin viele Krakauer geflüchtet waren.

Penzer versuchte erfolglos, dort sein Studium fortzusetzen. Aus Sorge um die zurückgebliebene Mutter, die den Nazi-Besatzern ausgesetzt war, kehrte er nach Krakau zurück, wo inzwischen offener Antisemitismus vorherrschte. Nachbarn verschafften ihm den „arischen“ Namen Jozef Czarski. Penzer engagierte sich im von Grabenkämpfen zwischen Nationalisten und Kommunisten geprägten Widerstand, bis er 1941 untertauchen musste. Seine Berichte über die Massenmorde wurden selbst von jüdischen Gemeinden als Propaganda abgetan. Es gelang ihm, Juden mit Papieren von untergetauchten Polen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt werden sollten, als „Arier“ zu tarnen. Reichere Juden konnten in die Schweiz oder nach Ungarn gerettet werden.

Im Februar 1943 wurde Penzer verhaftet, nach einem Monat Verhör kam er am 14. März 1943 mit einem Transport aus rund 2.000 Menschen aus dem Krakauer Ghetto nach Auschwitz. 484 Männer wurden ins Lager eingewiesen, 1.492 in den Gaskammern des Krematoriums II getötet. Er bekam die Häftlings-Nr. 108208. Es gelang ihm, als Schreiber im Krankenbau unterzukommen, wo er nur durch mehrere Zufälle überlebte. Im Lager bewahrte er Mitgefangene vor der Selektion und half, wo immer er konnte. 

Im KZ wollte er sich den Schädel einschlagen

Bei der Evakuierung von Auschwitz im Januar 1945 wurde Penzer auf den berüchtigten Todesmarsch gesetzt und kam ins Konzentrationslager Mauthausen. Er arbeitete in den Nebenlagern Ebensee und zuletzt Gunskirchen, wo er – nach einer Selbstattacke mit einer Axt in suizidaler Absicht – am Schädel verwundet und fast verhungert, am 5. Mai 1945 befreit wurde.

Seine Familie war ausgelöscht, an eine Rückkehr nach Polen war nicht zu denken. In der Nähe von Innsbruck hatte man den „Wiesenhof” bei Gnadenwald, ein ehemals in jüdischem Besitz befindliches Hotel, als Ausgangslager zur Einwanderung nach Israel eingerichtet. Dort lernte Penzer seine spätere Frau Stella Sławin kennen. Sie war Krankenschwester und kam aus Otwock in Polen. Aus dem Warschauer Ghetto geflohen, hatte sie „arisiert“ unter falschem Namen überlebt, während ihre Eltern von den Nazis getötet und am 19. August 1942 in einem Massengrab verscharrt wurden, der Rest der Familie wurde in Treblinka ermordet. Ihr Zwillingsbruder Lolek wurde als Jude enttarnt und von einem Polizeispitzel erschossen.

Zunächst nahm Victor sein Studium in Innsbruck auf. 1946 zog das Paar nach München, um Victors Bruder Edward näher zu sein, der inzwischen Arzt im DP-Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen war. Sein Bruder und dessen Frau hatten – durch gefälschte Papiere als Geschwister „arisiert“ – den Krieg in Deutschland in der Nähe von Berlin als polnische Fremdarbeiter überlebt. Später wanderten sie in die USA aus, wo Edward in New Jersey als Psychiater tätig wurde.

Bereits im Sommer 1948 konnte Penzer in München das zahnärztliche Staatsexamen ablegen und mit der Arbeit „Bakteriologische Untersuchungen des Isarwassers bei München 1948“ promovieren. Nach Versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen, entschieden er und seine Frau sich aber 1949 für einen Neuanfang und die Auswanderung in die USA. Sie wollten ihre Kinder nicht in Deutschland aufwachsen sehen. Das Ehepaar bekam später drei Kinder, die Zwillinge Martha Ala Penzer und Daniel Joseph Penzer sowie Rosita Eve Hopper, die in den USA leben.

Seine eigene Krankengeschichte als Kind, seine Erlebnisse in Auschwitz und die „selbstherrliche“ Medizin, die er in Nachkriegsdeutschland und in den USA vorfand, machten Penzer zu einem Suchenden, den die Fragmentierung der Medizin in isolierte und nicht mehr kommunizierende Einzelwissenschaften beunruhigte. Die Kommerzialisierung des Medizinbetriebs, das „materialistische nur noch Verdienen“ konnte er mit seinem mehr ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit nicht vereinbaren. In Auschwitz hatte er erlebt, wie sehr man Menschen durch Empathie und Zuwendung auch dann helfen kann, wenn eigentlich keine Hilfe möglich ist. „It is not health care that is expensive, it is medical care“ – nicht die Gesundheitsvorsorge ist teuer, sondern die medizinische Versorgung, bilanzierte er 1989. 

Sein später Kampf für eine ganzheitliche Medizin

Gegen Ende seiner zahnärztlichen Tätigkeit bewegte sich Penzer mehr auf allgemeinem medizinisch-ethischem Terrain, wobei er auf den Zusammenhang zwischen Krankheit und Gesundheit, persönlichem Lebensstil und Lebensrisiken, Umweltfaktoren und der kommerziellen Ausschlachtung von Gesundheits- und Schönheitsfantasien und Gesundheitswünschen hinwies. Penzer hat Ärzte, Zahnärzte und Laien immer darauf hingewiesen, dass Mundgesundheit und gute Zähne nur im Zusammenhang mit dem allgemeinen Gesundheitszustand gesehen werden dürfen und deshalb jenseits von Ästhetik und Funktion eine ganzheitliche Betrachtungsweise notwendig machen.

Er war überzeugt, dass die Zahnmedizin ein Teil der Medizin ist und daher auch der Zahnarzt für die allgemeine Gesundheit Verantwortung tragen müsse. Er versuchte daher, den Zusammenhang zwischen Zahngesundheit und allgemeiner Gesundheit zu sehen und sich nicht nur auf den Mundraum zu beschränken.

Der Begriff „Holismus“, den er für diese Ganzheitlichkeit verwendete, ist heute für viele Ärzte sinnentstellend negativ konnotiert, obwohl die Ganzheitlichkeit im sogenannten biopsychosozialen Modell die herrschende fragmentierte biomedizinisch-naturwissenschaftliche Ausrichtung der Medizin abgelöst haben sollte. Wenn auch viele seiner Vorschläge und Sichtweisen – die von seinem Ringen um eine bessere Medizin zeugen – inzwischen überholt sind, bleibt er ein Vorbild dafür, dass Zahnärzte sich im Kleinen wie im Großen über ihr Fachgebiet hinaus für eine bessere Welt engagieren sollten.

Zusammen mit der Biochemikerin Dr. Vera Trnka wurde Dr. Stephan Heinrich Nolte 2021 der Herbert-Lewin-Preis verliehen. Geehrt wurde das Autorenteam für die Arbeit „In den Grauzonen der Geschichte – der Prager Kinderarzt Berthold Epstein (1890–1962)“. Der Forschungspreis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus wird jährlich verliehen. Ausgeschrieben wird er vom Bundesgesundheitsministerium, der Bundesärztekammer, der Bundeszahnärztekammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung.

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Interview mit Viktor Penzer vom 31.7.1991, von “One Generation After, a Boston-based group of children of Holocaust survivors” Boston 1991”

https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn514163

Penzer V.: Bakteriologische Untersuchungen des Isarwassers bei München, Dissertation Universität München, München 1948

Autobiographie: Józef Czarski (Pseudonym von Victor Penzer) Dlaczego? Warum? Why? Primrose Press, Boston 1999.

Penzer V.: Medicine U.S.A, in the 1990s in: Pixley, Charles (Ed.) Do no harm. Writers and Research Inc., 1992

Herman Richard Casdorph: Toxic Metal Syndrome: how metal poisoning can affect your brain. Morton Walker. Avery 1994. S. 138

Jill Ogline Titus: Brown's Battleground: Students, Segregationists, & the Struggle for Justice in Prince Edward County, Virginia. Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2012.

Schimmel HW, Penzer V: Functional Medicine: The Origin and Treatment of Chronic Diseases. Haug Verlag Heidelberg 1997

Ted Kaptschuk, persönliche Mitteilungen 2019 - 2020

Martha Penzer, persönliche Mitteilungen 2020-2022

https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Penzer

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