Aus der Wissenschaft

Wie kann Ernährung die Wundheilung beeinflussen?

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Heftarchiv Zahnmedizin
Ausgabe 6/2022
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Einrichtungsbezogene Impfpflicht startet
Die Wundheilung ist ein anaboler Prozess, der eine ausreichende Zufuhr der für die Gewebesynthese notwendigen Substrate erfordert. Stehen diese nicht zur Verfügung, kann es zu Wundheilungsstörungen kommen. Wie beeinflusst Ernährung die Heilung von Wunden? Welche Rolle spielen Nahrungsergänzungsmittel? Diese Fragen hat die US-amerikanische Dermatologin Bridget E. Shields in einem aktuellen Review unter die Lupe genommen. Unser Autor referiert das Review im Kontext aktueller Literatur.

Physiologisch erfordert die Wundheilung eine Entzündungsphase, eine Proliferationsphase und eine Umbauphase. Chronische Wunden unterliegen einer anhaltenden Entzündungsreaktion, etwa durch verringerte Wachstumsfaktoren und eine erhöhte Keimbelastung der Wunde. Mangelernährung wird in der Literatur mit Wundheilungsstörungen und chronischen Wunden in Verbindung gebracht und gilt als modifizierbarer Risikofaktor, der die Ergebnisse der Wundheilung verbessern kann. Der Kalorienbedarf bei der Wundheilung wird in der Literatur – im Vergleich zu einem nicht verletzten Kollektiv – als deutlich erhöht geschätzt, abhängig von Ausgangskörpergewicht, Alter, medizinischen Komorbiditäten, Aktivitätsgrad, Stadium der Wundheilung, Wundgröße und Anzahl der Wunden.

Shields hat sich aus Sicht der Dermatologie diesem wichtigen Thema gewidmet [Shields, 2021], wobei die Ansätze auf die orale Wundheilung übertragen werden können. Im Rahmen eines narrativen Reviews sichtete sie die wissenschaftliche Literatur auf Nahrungsergänzung mit Makro- und Mikronährstoffen, um die potenziell komplementäre Rolle der Ernährungsunterstützung bei chronischen Wunden zu untersuchen.

Proteine

Hier handelt es sich um die bekanntesten Makronährstoffe, die für die Wundheilung benötigt werden. Ihre primäre Funktion besteht darin, Aminosäuren bereitzustellen, um physiologische Funktionen auszuführen. Eine Verletzung der Haut- oder der Schleimhaut erhöht nicht nur den Stoffwechselbedarf des verletzten Bereichs, sondern es können auch ständig große Mengen an Protein durch Wundexsudate verloren gehen. Proteine sind für die Immunantwort notwendig, die erforderlich ist, um von entzündlichen zu proliferativen Phasen der Wundheilung überzugehen. Berichtet wird , dass Proteinmangel die Fibroblastenaktivität verringert, die Angiogenese verzögert und die Kollagenbildung verringert. Darüber hinaus wird Protein für die Bildung von Entzündungszellen und die Aufrechterhaltung des onkotischen Druckes benötigt. Die derzeit empfohlene Tagesdosis für Protein bei gesunden Erwachsenen beträgt 0,8 g/kg Körpergewicht. Bei Patienten mit chronischen Wunden – zum Beispiel Dekubitus – wird je nach Größe der Ulzeration eine Tagesdosis von 1,25 bis 2,0 g/kg Körpergewicht über die Nahrung empfohlen.

Fette

Die Wundheilung ist ein anaboler Prozess, der eine ausreichende Zufuhr von Substraten wie Glukose und Fett erfordert. Kohlenhydrate dienen als Hauptquelle der Energie, die für die Wundheilung benötigt wird, während Fette vermutlich eine Rolle bei der Entwicklung von Zellmembranen und der Modulation von zellulären Signalen spielen. Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren dienen als Vorstufen für Prostaglandine, Leukotriene und Thromboxan – alles Schlüsselmediatoren der Entzündungsphase der Wundheilung. Es wird angenommen, dass Omega-3-Fettsäuren Gene herunterregulieren, die an entzündungsfördernden Signalwegen beteiligt sind sowie die Lymphozytenproliferation und die Spiegel von IL-1 beta, Tumornekrosefaktor alpha und IL-6 in vitro verringern. Klinisch stellten Daher et al. im Rahmen eines systematischen Reviews heraus, dass die Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren die Wundheilung bei Kopf-Hals-Krebspatienten mit Operationswunden verbessert [Daher et al., 2022].

Aminosäuren

Arginin ist eine essenzielle Aminosäure, die als Substrat für Zellproliferation, Kollagenablagerung und Lymphozytenfunktion Verwendung findet. Obwohl im genannten systematischen Review auch Arginin einen positiven Effekt bei der Wundheilung von Patienten mit Kopf- und Halsmalignomen zeigte [Daher et al., 2022], liegen derzeit nur unzureichende Daten vor, um eine regelmäßige Arginin-Ergänzung für alle Arten von Wunden zu unterstützen, und es gibt aktuell keine Aussage über eine sichere Dosis der täglichen Arginin-Einnahme. Vorgeschlagen wurde, dass eine Nahrungsergänzung mit Glutamin die Wundheilung beschleunigt, da sie eine primäre metabolische Brennstoffquelle für schnell proliferierende Zellen wie Epithelzellen und Fibroblasten ist. Glutamin soll die Expression von Hitzeschockproteinen induzieren und vor entzündlichen und infektiösen Wundkomplikationen schützen. Darüber hinaus wird angenommen, dass Glutamin die Insulinsensitivität des Gewebes erhöht, was sich bei Wunden als vorteilhaft erweisen kann. Leider haben zahlreiche randomisierte Studien zur Glutamin-Supplementierung zu widersprüchlichen Aussagen geführt, so dass derzeit keine abschließende Einschätzung getroffen werden kann.

Bedeutung für die Praxis

Die vorliegenden Daten lassen vermuten, dass auch die orale Wundheilung durch eine angemessene Nahrungssubstitution positiv beeinflusst werden kann. Die Wundheilung ist multifaktoriell und sollte den Gesundheitszustand und medizinische Komorbiditäten jedes behandelten Patienten berücksichtigen. Chronische Wunden können durch eine schlechte Verfügbarkeit der zur Wundheilung nötigen Substrate (Mangelernährung) unterhalten werden. Mangelernährung kann deshalb als modifizierender Risikofaktor infrage kommen. Eine ausreichende Ernährung, gegebenenfalls mit Nahrungsergänzungen, fördert die Wundheilung. Shields schlägt einen individualisierten Ansatz zur Wundheilung vor, der die Untersuchung spezifischer Makro- und Mikronährstoffmängel umfasst. Vor allem sollte eine angemessene Kalorienzufuhr und ein angemessener Proteingehalt empfohlen werden. Für spezifische Aminosäure- und Vitaminergänzungen können derzeit keine evidenzbasierten Empfehlungen gegeben werden. 

Quellen: Shields, B. E. (2021): „Diet in Wound Care: Can Nutrition Impact Healing?“ Cutis 108(6): 325–328.Daher, G. S., K. Y. Choi, J. W. Wells and N. Goyal (2022): „A Systematic Review of Oral Nutritional Supplement and Wound Healing.“ Ann Otol Rhinol Laryngol: 34894211069437.

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