Psychische Gesundheit von Zahnärzten

Bis der Druck zu viel wird

Heftarchiv Praxis
Ausgabe 20/2022
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Endlich solide Daten für die KFO
Dass Zahnärztinnen und Zahnärzte besonders stark vom Burn-out-Syndrom betroffen sind, zeigen viele Studien. Die Belastungen durch die Pandemie haben die Situation weiter verschärft. Die Problematik dringt langsam an die Oberfläche und verlangt nach systemischen Lösungen. Dabei nimmt Resilienz eine zentrale Bedeutung ein, wie Prof. Dr. Hans-Peter Jöhren erklärt, der sich seit 15 Jahren intensiv mit dem Thema Burn-out bei Zahnärzten beschäftigt.

Die strengen Hygienemaßnahmen, abgesagte Patiententermine und der hohe Krankenstand in den Zahnarztpraxen haben dazu beigetragen, dass die Arbeitssituation als immer stressiger wahrgenommen wird, berichtet Jöhren, Zahnarzt und Lehrbeauftragter an der Universität Witten/Herdecke.
Bereits 2010 war Jöhren an der Burn-out-Studie beteiligt, die die starke Belastung in der Berufsgruppe in Deutschland hervorbrachte [Wissel et al., 2012]. Die Pandemie habe das ohnehin schon straffe Arbeitsleben noch einmal verdichtet, sagt er. „Hinzu kamen gegebenenfalls auch noch wirtschaftliche Sorgen, da Eingriffe verschoben oder nur Notfallmaßnahmen durchgeführt wurden. Dabei liefen die Fixkosten der Praxen weiter – noch ein zusätzlicher Belastungsfaktor“, so der Experte. Das alles treffe auf den bestehenden Fachkräftemangel in den Praxen. Viel Arbeit werde auf wenige Schultern verteilt. Das erhöhe den Stress maßgeblich.

2010 empfanden schon 60 Prozent Stress im Job

Im Jahr 2010 führte die Universität Witten/Herdecke in Kooperation mit dem Arbeitskreis für Psychologie und Psychosomatik der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) unter der Beteiligung von Jöhren eine bundesweit angelegte Online-Befragung durch, die „Burn-out-Studie“. Von den 1.231 Zahnärzten, die teilnahmen, gaben damals 60,99 Prozent an, die zahnärztliche Berufsausübung als „überdurchschnittlich stressig“ zu empfinden. Stressbedingte Symptome wie Antriebsmangel, Müdigkeit, Schlafstörungen und Ängste gaben jeweils mehr als die Hälfte an. 44 Prozent litten nach eigenen Angaben an Depressionen, 13 Prozent hatten sogar Suizidgedanken.

Als die bedeutendsten (Dis)Stressfaktoren wurden eigene Misserfolge und Behandlungsfehler, der eigene Perfektionismus und Qualitätsanspruch sowie die umfangreichen Verwaltungstätigkeiten ermittelt. Die Studie stellte eine Burn-out-Prävalenzberechnung an und ermittelte einen Anteil von 13,6 Prozent von Burn-out betroffenen Zahnärzten. Einem Burn-out-Risiko unterlagen 31,9 Prozent der Teilnehmer. Anfang dieses Jahres startete nun die „Burn-out-Studie 2.0“, deren Auswertung derzeit läuft. Auch wenn deren Ergebnisse noch nicht abschließend vorliegen, berichtet Jöhren vom sich verschärfenden Trend der Überlastung.

Zusammengefasst sind die Digitalisierung, der wachsende Verwaltungsaufwand, der Fachkräftemangel und der Druck, fehlerfrei zu arbeiten, beziehungsweise die Angst vor Behandlungsfehlern seiner Einschätzung nach die stresstreibenden Faktoren, die ein Burn-out triggern können. Er regt an zu überlegen, ob wirklich 40 Wochenstunden am Patienten dauerhaft leistbar sind. „Ein Ergebnis unserer ersten Burn-out-Studie war ja: Die Arbeitsbelastung wurde häufig als zu hoch angegeben. Natürlich muss das Arbeiten im Team gut laufen, um Stress zu vermeiden oder diesen zusammen besser abfangen zu können. Keiner muss den Anspruch haben, alles alleine schaffen zu müssen. Delegieren, wo es möglich ist und auf gute Kommunikation setzen!“

Die Pandemie zeigt ihre Spuren – international

Eine aktuelle Studie aus den USA (zm 17/2022) brachte hervor, dass Zahnärzte und Dentalhygieniker auch dort während der Pandemie mit Angstzuständen und Depressionen zu kämpfen hatten, insbesondere während den Spitzenzeiten der Übertragung [Eldridge et al., 2022]. Befragt wurden 8.902 Beschäftigte des zahnärztlichen Gesundheitswesens. Davon gaben 17,7 Prozent an, dass sie Angstsymptome spüren, 10,7 Prozent hatten Symptome einer Depression und 8,3 Prozent sogar beides. „Angesichts der anhaltenden Pandemie ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Mitarbeitenden des zahnärztlichen Gesundheitswesens ihre Fähigkeit weiterentwickeln, Anzeichen und Symptome psychischer Erkrankungen bei sich selbst und ihren Kollegen zu erkennen und zu behandeln“, schrieben die Studienautoren zu den Ergebnissen.

Eine Studie aus Spanien, die im Frühsommer (zm 12/2022) publiziert wurde, zeigte eine noch gravierendere Bilanz: Über 50 Prozent aller Zahnärzte leiden unter einem Burn-out-Syndrom, davon rund 10 Prozent besonders schwer [Gómez-Polo et al., 2022]. Ein höheres Risiko für eine chronische Erschöpfung hatten der Auswertung nach Frauen, Personen im Angestelltenverhältnis und Alleinarbeitende in einer Einzelpraxis. Bemerkenswert sei, dass Jüngere und Berufsanfänger häufiger Symptome eines Burn-outs aufwiesen.

Das Studierendenparlament (StuPa) des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte (FVDZ) hat kürzlich eine Umfrage unter Zahnmedizinstudierenden durchgeführt, um ein umfangreiches Stimmungsbild hinsichtlich der psychischen Belastung in der Ausbildung einzufangen. Dafür wurden Studierende der Zahnmedizin aller deutschen Fakultäten um Antwort gebeten. Die Rückmeldungen von 637 Studierenden von 30 Unistandorten zeichnen ein eher düsteres Bild: So gab fast die Hälfte der Teilnehmenden an, in der vergangenen Zeit darüber nachgedacht zu haben, das Studium aufgrund der zu hohen Belastung abzubrechen. 

Auch der Nachwuchs fühlt sich stark belastet

Gut 50 Prozent meldeten, dass sie schon einmal von einem Dozenten beleidigt oder sogar angeschrien wurden. Lediglich 21 Prozent berichteten von einem respektvollen Umgang seitens ihrer Lehrpersonen. In den ergänzenden Kommentaren zur Umfrage wurde von als unfair empfundenen Bewertungen, Bloßstellungen, sexistischen und sogar rassistischen Situationen berichtet. Über 80 Prozent wünschen sich eine psychologische Beratungsstelle und über 90 Prozent eine Vermittlungsinstanz zwischen Dozenten und Studierenden an der Lehrstätte. Fast 85 Prozent gaben an, neben der Ausbildung kaum noch Zeit für ihr Privatleben zu finden und somit auf einen wichtigen Ausgleich zu verzichten.


Um die Burn-out-Rate bei den Zahnärzten langfristig zu reduzieren, müsste nach Jöhren unter anderem die zunehmende Digitalisierung genutzt werden, um Abläufe zu vereinfachen. „Man sollte die Tools, die es in einer digitalen Praxis gibt, nutzen, um besser und schneller dokumentieren zu können.“ Ebenso müsse man dem Fachkräftemangel aktiv entgegenwirken. „Wenn Zahnärzte aufwendige Verwaltungsaufgaben an qualifiziertes Fachpersonal delegieren könnten, fiele ein großer Belastungsfaktor von ihnen ab“, so Jöhren.

Für die Resilienz, also die mentale Widerstandsfähigkeit, sei zudem der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ganz wichtig. „Ein stärkendes Gespräch kann sehr unterstützend wirken in schwierigen Situationen. Regelmäßige Reflexion und der Austausch über Probleme und Herausforderungen können der Resilienz-Bildung zugutekommen. Zum Ausgleich trägt vor allem auch das Privatleben bei. Familie und Freunde helfen, die Batterien wieder aufzuladen und so die Spirale permanenter Erschöpfung zu durchbrechen. Man kann auch durch Sport seine Widerstandsfähigkeit trainieren. Außerdem, und das ist ja bekannt, heißt es in stressigen Phasen: wenig Alkohol, viel Schlaf und regelmäßige Erholungsphasen! Finger weg von Beruhigungs- oder Schlaftabletten! Damit beginnt ein Teufelskreis. Wer viel leistet, muss sich auch immer wieder erholen. Wir Zahnärzte tragen ein hohes Maß an Verantwortung und dürfen uns klar sein, dass wir eben auch Pausen brauchen“, rät der Experte. „Und auch das Handy mal aus der Hand legen und nicht immer in der Freizeit erreichbar sein.“

Aufgrund der verschiedenen lokalen Rahmenbedingungen und Messmethoden sind die Studien nur bedingt vergleichbar. Dennoch kommen sie zum gleichen Ergebnis: Das Burn-out-Syndrom ist unter der Zahnärzteschaft weit verbreitet, weil bestimmte Faktoren die Berufsgruppe besonders anfällig machen.

Prof. Dr. med. dent. Hans-Peter Jöhren von der Fakultät für Gesundheit (Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde) an der Universität Witten/Herdecke: „Wer viel leistet, muss sich auch immer wieder erholen.“

Literaturliste

1. Burnout-Studie 1:

C. Wissel, A. Wannemüller, H.P. Jöhren.: „Burnout bei Zahnärzten – Ergebnisse einer bundesweiten Onlinebefragung in Deutschland“ 2010. Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift 2012, 67:317-326, DOI 10.3238/dzz.2012.0317–0326

2. Studie aus den USA:

Eldrigde LA, Estrich CG, Gurenlian JG et al.: „U.S. dental health care workers’ mental health during the COVID-19 pandemic“. J Am Dent Assoc. 2022 Aug 01; 153 (8):740–749. doi.org/10.1016/j.adaj.2022.02.011

3. Studie aus Spanien:

Gómez-Polo, C. et al.: „Burnout syndrome in dentists: Work-related factors“ J Dent. 2022 Jun;121:104143. doi: 10.1016/j.jdent.2022.104143. Epub 2022 Apr 25. PMID: 35472454.

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