DMS 6 – Kieferorthopädisches Modul Vorgestellt

Endlich transparente Daten für die Kieferorthopädie

Heftarchiv Politik
Ausgabe 20/2022
Ausgabe 20/2022
Endlich solide Daten für die KFO
Seit über 30 Jahren ist die Prävalenz von Zahn- und Kieferfehlstellungen bei Kindern in Deutschland nicht mehr flächendeckend ermittelt worden. Ob und wie sich der kieferorthopädische Behandlungsbedarf zwischenzeitlich verändert hat, darüber gab es lebhafte Diskussionen in der Gesundheitspolitik – vor allem das Wort von der Überversorgung machte die Runde. Nun hat das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) neue epidemiologische Daten vorgestellt, die Transparenz bieten und wissenschaftlich fundierte Entscheidungsfindungen ermöglichen.

Etwa 40 Prozent der acht- und neunjährigen Kinder in Deutschland weisen einen kieferorthopädischen Behandlungsbedarf auf, der nach den Richtlinien der vertragszahnärztlichen Versorgung therapiert werden sollte. Ein Vergleich mit Abrechnungsdaten unterstreicht, dass sich dieser Behandlungsbedarf weitgehend mit der Versorgungsrealität deckt und es in diesem Bereich – anders als immer wieder von Gesundheitspolitikern behauptet – keine Unter- oder gar Überversorgung gibt.

Diese Daten sind Ergebnisse des Forschungsprojekts „Zahn- und Kieferfehlstellungen bei Kindern“ und werden als „kieferorthopädisches Modul“ in die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6), womit Daten zur Mundgesundheit in Deutschland systematisch erhoben werden, integriert. Die Ergebnisse wurden am 22. September 2022 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie e. V. (DGKFO) präsentiert und am Folgetag im Rahmen einer Pressekonferenz durch das IDZ gemeinsam mit der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der DGKFO einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.

Hohe Prävalenz von Zahn- und Kieferfehlstellungen

Für die Studie wurde untersucht, wie verbreitet Zahn- und Kieferfehlstellungen bei acht- und neunjährigen Kindern in Deutschland sind und welcher kieferorthopädische Versorgungsbedarf daraus entsteht. Darüber hinaus wurden die Zusammenhänge zwischen Zahn- und Kieferfehlstellungen und der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität sowie Karieserkrankungen beleuchtet. Die neue Studie ist das erste Modul der DMS 6. Die Ergebnisse zeigen, dass Zahn- und Kieferfehlstellungen neben Karies und parodontalen Erkrankungen zu den häufigsten Gesundheitsbeeinträchtigungen in der Mundhöhle gehören.

Ergebnisse

In einem Statement stellte Jordan die wichtigsten Studienergebnisse vor:

  • „Der Anteil der Kinder, bei denen nach den Richtlinien der gesetzlichen Krankenversicherung eine kieferorthopädische Behandlung angezeigt ist, liegt bei 40,5 Prozent.

  • 10,0 Prozent der Kinder weisen ausgeprägte Zahnfehlstellungen auf, die aus medizinischen Gründen eine Behandlung erforderlich machen,

  • Ein Viertel der Kinder weisen stark ausgeprägte Zahnfehlstellungen auf, die aus medizinischen Gründen dringend eine Behandlung erforderlich machen und 

  • 5,0 Prozent der Kinder weisen extrem stark ausgeprägte Zahnfehlstellungen auf, die aus medizinischen Gründen unbedingt eine Behandlung erforderlich machen.

  • Die kieferorthopädische Indikationsgruppe 2 bezeichnet per definitionem Zahnfehlstellungen geringerer Ausprägung, die aus medizinischen Gründen zwar eine Indikation für eine kieferorthopädische Korrektur darstellen, deren Kosten jedoch nicht von den Krankenkassen übernommen werden. 57,0 Prozent der Kinder wiesen eine solche Indikationsgruppe auf.

  • 2,5 Prozent der Kinder gehörten zur Indikationsgruppe 1 mit allein ästhetischen Einschränkungen oder wiesen keinen pathologischen Befund auf.“

Mundgesundheitsbezogene Lebensqualität

Knapp jedes zehnte Kind gab an, Schwierigkeiten beim Kauen zu haben und 10,9 Prozent der Kinder berichteten von Schmerzen im Mundbereich. Diese Kinder hatten systematisch häufiger auch einen kieferorthopädischen Behandlungsbedarf. Auch insgesamt zeigte sich, „dass eine eingeschränkte mundgesundheitsbezogene Lebensqualität mit einem erhöhten kieferorthopädischen Behandlungsbedarf assoziiert war“, berichtete Jordan.

Karies

Zusammenhänge zeigten sich auch zwischen der Karieslast und dem kieferorthopädischen Behandlungsbedarf: Kinder mit kieferorthopädischem Behandlungsbedarf hatten mehr kariöse Zähne als Kinder ohne kieferorthopädischen Behandlungsbedarf. Umgekehrt wiesen kariesfreie Kinder seltener einen kieferorthopädischen Behandlungsbedarf auf.

Frühbehandlung

Bei 16,4 Prozent der Kinder lag eine Indikation für eine sogenannte kieferorthopädische Frühbehandlung vor. Aus den Abrechnungsdaten der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung für das Jahr 2020 geht hervor, dass der Anteil der tatsächlich durchgeführten Frühbehandlungsfälle in dieser Altersgruppe lediglich bei 7,8 Prozent lag. „Eine Frühbehandlung bei acht- und neunjährigen Kindern in Deutschland findet also eher in geringerem Umfang statt als es sich epidemiologisch darstellt. Tendenzen einer Überversorgung können in diesem Zusammenhang also nicht erkannt werden“, erläuterte Jordan.

Fazit

Die in der Studie ermittelten Daten legen den Autoren zufolge nahe, „dass der kieferorthopädische Behandlungsbedarf in Deutschland über die Jahre weitgehend konstant geblieben ist“.

Da in der Studie aus ethischen Gründen (keine radiologischen Aufnahmen der Kieferregionen) nicht alle Zahnanomalien erfasst werden konnten (zum Beispiel Zahnunterzahl, Durchbruchsstörungen, Retentionen und Verlagerungen), gehen die Autoren davon aus, „dass der tatsächliche kieferorthopädische Versorgungsbedarf in der Studienpopulation der Acht- und Neunjährigen höher ist als die im Rahmen dieser Studie eruierten 40,4 Prozent“.

DGKFO: hohe Datenqualität

Prof. Dr. Dr. Peter Proff, Präsident der DGKFO, würdigte die „hohe Qualität“ der erhobenen epidemiologischen Daten: „Erstmals seit dem Jahr 1989 liegt mit DMS 6 eine valide und repräsentative epidemiologische Erhebung für Gesamtdeutschland bezüglich der Prävalenz von Zahn- und Kieferfehlstellungen in der Altersgruppe der Acht- bis Neunjährigen vor.“


Proff und Jordan kündigten an, den sehr umfangreichen Datensatz weiter auszuwerten. Außerdem sei das Studiendesign auf eine Längsschnittbetrachtung angelegt, so dass bei der für das Jahr 2030 geplanten DMS 7 auf die aktuell untersuchten Probanden zurückgegriffen werden könne. „Für diese Kohorte ist das ein besonders spannender Zeitpunkt, weil die Kinder dann im Wesentlichen aus der kieferorthopädischen Behandlung heraus sind“, erklärte Jordan.  

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