Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Uniklinik Köln

Zahnärzte im deutschen Kinofilm (Teil 2)

Heftarchiv Gesellschaft
Ausgabe 20/2022
Ausgabe 20/2022
Endlich solide Daten für die KFO
Wurde der Film-Zahnarzt in den 1960ern stark an den Rand gedrängt, machten ihm nach dem Mauerfall zusehends TV-Kollegen Konkurrenz. Zahnärztinnen hatten Anfang des 21. Jahrhunderts ihren Auftritt, dann dominierten wieder die Männer. Und obwohl viele Produktionen die zahnärztliche Behandlung als Welt der Angst und Schmerzen inszenierten, kommt der Beruf erstaunlich authentisch daher.

1Mitte der 1960er-Jahre entwickelten sich Kino und Zahnheilkunde in unterschiedliche Richtungen. Die Zahnmedizin brach durch technische Innovationen wie Turbine (ab circa 1965), Laser (nach 1970) und OP-Mikroskop (seit 1975) zu neuen Ufern auf [Strübig, 1979]. Dagegen begann zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ein regelrechtes Kinosterben – nicht nur, aber auch durch die Konkurrenz Fernsehen.

BRD und DDR (1964–1989)

 Auch in diesen zweieinhalb Jahrzehnten blieb die Quote von knapp einem Leinwandzahnarzt pro Jahr konstant (Tab. 1). Allerdings setzten beide deutschen Staaten unterschiedliche Strategien ein, um die Filmwirtschaft zu unterstützen [Faulstich, 2005; Müller, 2016].

Vor allem im bundesrepublikanischen Kino kam es zu einem erschütternden Niedergang der Figur. Sie tauchte nahezu ausschließlich in Schmierenkomödien und Schlagerfilmchen, in Softpornos und Nonsensekrimis auf – der Zahnarzt als „Vater der Klamotte“. 

In der BRD wird die Figur zum Vater der Klamotte

Eine willkommene Ausnahme innerhalb dieses deprimierenden Ensembles bietet „Deutschland bleiche Mutter“ von Helma Sanders-Brahms. Der Filmtitel spielt auf ein gleichnamiges Gedicht von Bertolt Brecht an mit der Zeile „Wie haben deine Söhne dich zugerichtet?“. Die Regisseurin erzählte 1979 in einer Retrospektive die tragische Liebesgeschichte von Lene und Hans, die kurz vor Beginn des Krieges heiraten und ein Kind zeugen. Als Hans (endlich) aus der Gefangenschaft heimkehrt, entspricht seine selbstbewusste Partnerin nicht mehr dem konservativen Bild, das er von seinem „Frauchen“ hat.

Sie verliert den nachfolgenden Beziehungskampf und schließlich auch ihr Gesicht, filmisch ausgedrückt durch das Auftreten einer Fazialisparese. Um das Fortschreiten der vermeintlich odontogenen Lähmung zu verhindern, werden ihr in einer bedrückend langen Szene nach Infiltrationsanästhesie fachmännisch alle Zähne entfernt.

Filmwissenschaftler sehen in der Protagonistin das Abbild des durch NS-Zeit und Krieg verstümmelten Deutschlands [Sanders-Brahms, 1981]. Mit gleichem Recht kann man die Extraktionsszene als erschreckenden Höhepunkt eines Emanzipationsdramas deuten; als dokumentarisches Zeitbild, in dem einer Frau im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne gezogen werden und der männliche Zahnarzt als Erfüllungsgehilfe des Patriarchats agiert.

In der DDR agiert der Zahnarzt im Kinderfilm

Im DDR-Kino fand die Zahnarzt-Rolle eine interessante Nische. Nicht weniger als drei Kinderfilme präsentieren eine solche Figur, mit „Nicki“ im Jahr 1979 sogar eine weibliche [Schenk, 1994].

Trotz der Vielzahl beschaffbarer Filme fällt das Fazit zu diesem Zeitabschnitt knapp aus. Der Zahnarzt besetzt fast durchgängig eine Nebenrolle, die vornehmlich der Erheiterung dient. Er erscheint so weit an den Rand der Handlung gedrängt, dass allgemeine Aussagen zum vorherrschenden Typus, zur Authentizität oder zu dramaturgischen Funktionen kaum möglich sind. Und es spricht für sich, dass bei realiter gut 20 Prozent approbierten Zahnärztinnen in West- und über 50 Prozent in Ostdeutschland [Groß, 2019] es lediglich eine weibliche Filmfigur gegeben hat.

Wiedervereinigtes Deutschland (1990–2005)

Nach der Zäsur von 1989/1990 kamen die Leinwandhelden kaum mehr auf Filmrollen daher, sondern traten in digitaler Form auf. Die DEFA als einzige Filmgesellschaft der DDR war wie diese selbst Geschichte. Auf die Konkurrenz von Videos und elektronischen Medien stellten sich die Filmtheater durch eine neue Architektur und ein globalisiertes Angebot ein [Trümper, 2006].

Die Digitalisierung begann auch 
die Zahnmedizin gravierend zu verändern [Davidowitz/Kotick, 2011]: Grundlagenforschung war bedeutender denn je, die Bedürfnisse der Patienten, der zahnmedizinische Fächerkanon wie auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wandelten sich erheblich.

Der Fernsehzahnarzt wird zur Konkurrenz

Weiterhin traten Filmzahnärzte als Zugaben zu Gesellschaftssatiren, Familientragödien, Thrillern und sogar einem Horrorfilm auf (Tab. 2). Allerdings war nach den Entgleisungen zuvor ein neuer Realismus eingekehrt (Abb. 1). Zudem erfuhr das Klischee des angeblich mehr als wohlhabenden Berufsstands deutliche Risse.

Die Quote von fast einer Rolle jährlich blieb konstant, dennoch wurde alles ein wenig weiblicher. In 13 Produktionen waren immerhin eine Zahnmedizinstudentin und vier Zahnärztinnen zu sehen – Hannelore Elsner, Ulrike Folkerts und Doris Dörrie (Abb. 2) zählen zu den prominentesten. Großstädtisch, professionell, einfühlsam und fast immer mit Assistenz – so präsentierten sich die medialen Kolleginnen wie ihre meist in Nebenrollen agierenden Kollegen.

Die Extraktion erlebte filmisch eine Renaissance unter perfekten hygienischen und Anästhesie-Bedingungen: Mundschutz, Handschuhe und Schutzbrille gehörten infolge von Hepatitis-B- und AIDS-Infektionen [Hardie, 1983; Modarresi-Tehrani, 2000] nun zur üblichen Kostümierung wie einstmals der Rückenschluss-Kittel.

Die Regisseure bemühten sich nun aktiv und in fast dokumentarischer Weise darum, dem Kinopublikum die erreichten Standards zu demonstrieren. Doch längst standen männliche wie weibliche Leinwand-Figuren im Schatten der Fernsehkonkurrenz: Mehr als 20 Zahnärzte kann man in TV-Filmen und -serien dieses Zeitraums nachweisen [Petzke, 2009].

Im 21. Jahrhundert (2006–2018)

Das neue Jahrtausend bot dem Kino-Zahnarzt immer weniger Raum auf der großen Leinwand (Tab. 3). Dies ist zum Teil der fortbestehenden Popularität der TV-Kollegen geschuldet. Doch selbst die zuvor stets gehaltene Quote von einem Werk pro Jahr bricht für die Kinoproduktionen deutlich ein (vier in 15 Jahren).

Ähnliches kann von der Geschlechterverteilung behauptet werden: Imponierten die ersten fünf Jahre des 21. Jahrhunderts noch mit einem erstaunlich hohen Anteil an Zahnmedizinerinnen (fünf von acht) (Abb. 3), dominierten in den folgenden wieder die männlichen Kollegen das Kinogeschehen (drei von vier) – auch wenn die einzige Hauptrolle des filmischen Quartetts von einer Schauspielerin gespielt wurde.

Die Mehrzahl der neuesten Produktionen kann dem Genre des Dramas zugeordnet werden, der Rest besticht durch heiteren Duktus. Die Profession selbst ist selten der Ursprung der Verwicklungen – nur in „Was bleibt“ befeuert das finanzielle Wagnis einer eigenen Praxis den übergeordneten Konflikt. In den übrigen drei Werken ist dagegen eine Schilderung der beruflichen Tätigkeit als Stigma kennzeichnend: als Routine, die schwer von der Hand geht, als Teil eines Alltags, den man besser hinter sich lässt, ja sogar als Essenz eines erstarrten Lebens, aus dem es auszubrechen gilt. Besonders in „Lügen und andere Wahrheiten“ peinigen unzufriedene Patienten die bereits gestresste Zahnärztin soweit, dass es zu Zwischenfällen bei der Behandlung kommt: Sie rutscht mit dem Bohrer ab. Die Doktorin erleidet aufgrund des Malheurs einen Nervenzusammenbruch und muss mithilfe eines Rettungssanitäters beruhigt werden.

Die Zahnmedizin scheint den Leinwandkollegen also kaum ein erfülltes Berufsleben zu bescheren. Abgesehen von diesem faden Beigeschmack gelingt es den Filmemachern immer wieder, die schmerz- und angstbelegte Komponente der zahnärztlichen Behandlung für dramaturgische Zwecke zu instrumentalisieren. 

Der Bohrer wird zum Objekt der Angst

Wenig überraschend mutiert zumeist der Bohrer zum Objekt der Angst: Der Fachmann aus „Schneeflöckchen“ wird sogar von zwei in seine Praxis platzenden Gaunern mit dem eigenen Instrument gefoltert. Auch die einschüchternde Natur der Extraktion nutzt der Zahnarzt in „So viel Zeit“, um eine wirkmächtige Drohung an einen Kontrahenten zu zischen: „[Sonst] zieh ich dir jeden Zahn einzeln ohne Betäubung!“ Diese absichtliche Inszenierung der zahnärztlichen Behandlung als Moment des Schauderns scheint einer Tradition des US-amerikanischen Kinos entlehnt [Mariño, 2017], die zögernd Eingang in die deutsche Kinolandschaft gefunden hat.

Dennoch wurden die fiktiven Kollegen, ihre Behandlungsräume und Instrumentarien in einem authentischen Licht dargestellt, stets mit Augenmerk auf Hygiene und Detailtreue. Die Therapien nehmen keinen großen Raum ein: In kurzen Sequenzen sehen die Zuschauer zwei Kariesbehandlungen, einmal wird ein prothetisches Vorgehen mittels Anpassung einer Krone angedeutet. In „Schneeflöckchen“ schließlich erscheint ein Patient, der mit einem zirkulären Lippen- und Wangenabhalter wartet – was auf eine bevorstehende professionelle Zahnreinigung hindeutet.

Zusammengefasst: Die vergangenen 15 Jahre haben die Zelluloid-Zahnärzte erneut verwandelt. Der deutliche Rückgang an Produktionen ist – neben der Konkurrenz durch den Fernsehfilm – auch dem Aufkommen immer aufwendigerer Fernseh- wie Streaming-Serien geschuldet. Ebenso scheint der frühere Boom an Leinwandzahnärztinnen abzuebben. Diese Entwicklung kann angesichts der recht überschaubaren Filmzahl allerdings auch als historische Abweichung verstanden werden, die sich in den kommenden Jahren wieder einpendeln wird.

Schlussbetrachtung

Über mehr als ein Jahrhundert Kinogeschichte zeigten und zeigen Zahnärzte kontinuierlich Präsenz. Bekannte und weniger bekannte Regisseure haben sich der Figur gewidmet, etliche berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler sie verkörpert. In allen filmischen Erscheinungsformen zusammen – also deutsche TV-Produktionen eingeschlossen – entstanden mehr als 100 dieser Charaktere.

Männliche wie weibliche Filmzahnärzte traten in nahezu allen Genres auf, ihr bevorzugtes Leinwand-Biotop stellte die Komödie dar, ohne dass ihr Handeln oder gar ihre Behandlungen abgesehen von der Stummfilmzeit ein erheiterndes Element enthielten. Am häufigsten wirkten sie als Nebendarsteller, dann oft in Ausübung ihrer Profession. Aufgrund ihrer vielseitigen dramaturgischen Verwendbarkeit kann man sie ohne Übertreibung als „wichtigste Nebenrolle in der deutschen Kinogeschichte“ bezeichnen.

die fiktiven Therapeuten wirken authentisch

Fortschritte der Zahnheilkunde spiegeln sich durchaus in fiktionalen Repräsentationen wider, allerdings oft mit erheblichen Latenzzeiten. Über den betrachteten Zeitraum stehen konservierende und chirurgische Optionen etwa gleichgewichtig im Vordergrund. Prothetik und Prophylaxe wurden marginalisiert, Kieferorthopädie und Kieferchirurgie ignoriert – auch weil die Eigengesetzlichkeiten des Films gegenüber den Erfahrungen der medizinischen Praxis die Oberhand behielten.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben Drehbuchautoren und Regisseure Zahnärztinnen lange die Kinopräsenz verweigert: in der NS- wie in der Nachkriegszeit, im Westen wie im Osten, obwohl ihr Anteil im wahren Leben ständig stieg. Erst seit Mitte der 1990er-Jahre sind Filmzahnärztinnen Normalität geworden.

Fazit: Filme reflektieren nicht nur bestimmte Versatzstücke aus der Wirklichkeit, sie erzeugen auch ihr eigene Realität und prägen kraft der Macht ihrer Bilder und Geschichten das Image einer Berufsgruppe. Alles in allem wirken die fiktiven Therapeuten professionell und authentisch – und punkten damit bis heute beim Kinopublikum.

Teil 1 finden Sie in der zm 17/2022 auf Seite 92 oder über den QR. Erratum zu Teil 1: Irrtümlich wurde in Tab. 2 Paul Ostermayr als Regisseur des Films „Die unheimliche Wandlung des Alex Roscher“ (1943) angegeben. Richtig ist aber Paul May. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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Literaturliste 

• Werner Faulstich, Filmgeschichte, Paderborn 2005, 171f

• J. Hardie, AIDS and its significance to dentistry, Can. Dent. Assoc. J. 49 (1983), 565–569

• Rodrigo Mariño, Media portrayal of oral health professionals: an unfair image? J. Oral. Res. 6(11) (2017), 280–281 doi.org/10.17126/joralres.2017.088

• Modarresi-Tehrani, Die Geschichte der Hygiene in der zahnärztlichen Praxis seit Ende des Zweiten Weltkriegs, Diss. med. dent., Würzburg 2000

• Siegfried Müller, Kultur in Deutschland. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Stuttgart 2016, 280f

• Andreas Petzke, Zelluloid-Zahnärzte. Die Darstellung eines Berufsstandes im deutschen Kinofilm (1903–2005), Diss. med. dent., Köln 2009

• Helma Sanders-Brahms, Deutschland, bleiche Mutter. Film-Erzählung, Reinbek bei Hamburg 1981

• Ralf Schenk, Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA 1946–1992: Komplette Filmographie aller DEFA Filme, Berlin 1994

• Melanie Trümper, Digitalisierung des Kinomarktes – Prämissen, Folgen und aktueller Status der digitalen Filmdistribution in Deutschland, Bachelorarbeit, Freie Universität Berlin 2006

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