Wissenschaftsrat zur Digitalisierung

„Die Nicht-Nutzung von Daten kann Menschenleben kosten!“

136994-flexible-1900
Heftarchiv Politik
Ausgabe 15/2022
Ausgabe 15/2022
Regenerative Therapien
Mit großem Nachdruck plädiert der Wissenschaftsrat dafür, dass Deutschland seine Defizite bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens aufholt. Das gelte für die Forschung wie auch für die Versorgung, betont das Gremium in einem Positionspapier. Die Risiken würden hierzulande gegenüber dem Nutzen vielfach überbetont.

Deutschland befindet sich bei der Digitalisierung gegenwärtig in einem dringend notwendigen Aufholprozess“, hält der Wissenschaftsrat in seinem neuen Positionspapier fest. Das gelte auch für das Gesundheitssystem. Erst in jüngerer Zeit seien dort verstärkte Anstrengungen erkennbar, heißt es in dem über 100 Seiten umfassenden Papier. Die Risiken der Digitalisierung und der Gesundheitsdatennutzung würden gegenüber den Chancen, die diese bieten, vielfach überbetont, rügt das Gremium, das die Bundesregierung in Fragen der Wissenschaft und Forschung berät. Die erheblichen Potenziale für die Gesellschaft und das Individuum seien hingegen weithin unbekannt. 

Der Mensch muss im Zentrum stehen

„Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, wie wichtig die Digitalisierung in Gesundheitsforschung und Versorgung für Wohlstand, Unabhängigkeit und Innovationskraft des Standorts Deutschland ist, aber vor allem für den einzelnen Menschen und sein Wohlergehen“, betonte Prof. Dr. Dorothea Wagner, Vorsitzende des Wissenschaftsrats und Professorin für Algorithmen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), bei der Vorstellung des Papiers: „Die Nicht-Nutzung von Daten kann Menschenleben kosten.“

Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein

Für den Wissenschaftsrat gibt es zwei Prämissen bei der Digitalisierung: Der Mensch muss im Zentrum stehen. Für ihn muss die digitalisierte Forschung und Versorgung einen erkennbaren Mehrwert haben. Und: Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sie muss zu spürbaren Verbesserungen für den Menschen führen – etwa zu mehr Zeit und Zuwendung für den Patienten.

Übergeordnetes Ziel zur Umsetzung der Digitalisierung soll demzufolge die datenbasierte Vernetzung aller relevanten Akteure, Einrichtungen und Dateninfrastrukturen des Gesundheits- und Wissenschaftssystems sein – auch über Sektorengrenzen hinweg. Das Gremium empfiehlt dazu folgende Maßnahmen: 

  • Der Gesetzgeber sollte die Umsetzung einer einheitlichen Datenerfassung nach internationalem Standard und die Interoperabilität von IT-Systemen dringend forcieren.

  • Übergeordnetes Ziel sollte der Aufbau einer mit der Forschung kompatiblen, dezentralen, vernetzten, nationalen Gesundheitsdateninfrastruktur sein. Sie soll den Austausch und das Zusammenführen von Daten aus unterschiedlichsten Quellen, Datenspeichern und Systemen in einem reibungslosen Ablauf ermöglichen.

  • Dem Bund wird empfohlen, ein nationales Gesundheitsforschungsdatenportal zu implementieren, um über die dezentral verorteten Gesundheitsdatenbestände der öffentlichen Hand zu informieren und Forschende beim Zugang zu diesen Beständen zu unterstützen. Es wäre zu prüfen, ob dieses Portal als zentrale Zugangstelle zu den dezentralen Datenbeständen fungieren sollte.

  • Der Umgang mit sensiblen, personenbezogenen Daten müsse so gestaltet sein, dass die Schutzansprüche und Sicherheitsanforderungen mit dem berechtigten Interesse an der Nutzung dieser Daten in Einklang gebracht werden. Die Datenschutz-Grundverordnung bietet für den Wissenschaftsrat hierfür die erforderlichen Grundlagen.

  • Die bereits laufenden großen Maßnahmen zur Datenvernetzung sollten enger zusammengeführt werden (Telematikinfrastruktur, Forschungsdatenzentrum Gesundheit beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Konsortien der Medizininformatik-Initiative, Nationale Forschungsdateninfrastruktur, Netzwerk Universitätsmedizin). Gesundheits- und Forschungsdaten sollten dabei nicht getrennt betrachtet werden.

  • Das von der Bundesregierung geplante Gesundheitsdatennutzungsgesetz sollte rasch auf den Weg gebracht werden, einschließlich der Regelung zur forschungsbezogenen Nutzung bestimmter Gesundheitsdaten über ein Opt-out-Verfahren (etwa bei der elektronischen Patientenakte).

  • Neben der nationalen Ebene sollte auch die Vernetzung auf europäischer Ebene strategisch in den Blick genommen werden.

Wichtig sei, die Universitätsmedizin in die Lage zu versetzen, die Potenziale der Digitalisierung zu stärken: Dazu gehörten der Aufbau digitaler Kompetenzen auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung für sämtliche Gesundheitsberufe, die Etablierung neuer Berufsbilder wie Medical und Clinical Data Scientists und auch die Entwicklung sicherer und wirksamer digitaler Versorgungsangebote. 

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter

Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.