Angebote in benachteiligten Stadtteilen

Gesundheitskioske lotsen in die passende Versorgung

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Heftarchiv Politik
Ausgabe 15/2022
Ausgabe 15/2022
Regenerative Therapien
Was ist ein Gesundheitskiosk? Dahinter verbirgt sich kein Geschäft, sondern ein neuer Ansatz, um Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen gesundheitlich besser zu versorgen. Das niedrigschwellige Angebot hilft ihnen dabei, den passenden Arzt oder die geeignete Therapie zu finden und sich besser gesund zu erhalten. Hamburg war Vorreiter, jetzt folgen andere Städte nach. Kommt nun bald auch ein Gesetz, um das Konzept bundesweit zu etablieren?

Nachdem es in Hamburg erfolgreich etabliert wurde, hat das Konzept der Gesundheitskioske auch im Koalitionsvertrag der Ampel seinen Niederschlag gefunden: SPD, Grüne und FDP haben dort die Einrichtung von Gesundheitskiosken in besonders benachteiligten Kommunen und Stadtteilen vereinbart. Vor Kurzem wurde bekannt, dass sogar ein entsprechendes Gesetzesvorhaben in Vorbereitung ist, die Gespräche laufen. Weitere Informationen wie Eckpunkte oder einen Zeitplan hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) allerdings noch nicht veröffentlicht.

Hamburg hat es vorgemacht: Ab 2017 gingen die bundesweit ersten Gesundheitskioske in den sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen Billstedt, Mümmelmannsberg und Horn an den Start. Ziel ist der Abbau sozialer Ungleichheiten und eine gesundheitliche Chancengleichheit bei Prävention und Versorgung. In den Stadtteilen leben überdurchschnittlich viele Empfänger von Sozialleistungen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Alleinerziehende. Chronische Krankheiten treten früher und häufiger auf und das durchschnittliche Sterbealter ist niedriger als im Hamburger Durchschnitt. Außerdem gibt es dort deutlich weniger Haus- und Fachärzte als in anderen Stadtteilen Hamburgs.


Für die Umsetzung des Gesundheitskiosks in Hamburg ist eine zentrale Koordination eingerichtet worden, die das Netzwerk aufbaut und steuert und die Verhandlungen mit Projektpartnern führt. Hierfür wurde 2016 die regionale Managementgesellschaft „Gesundheit für Billstedt/Horn UG“ gegründet. Gesellschafter sind das Ärztenetz Billstedt-Horn e. V., der Gesundheitskiosk e. V., die SKH Stadtteilklinik Hamburg GmbH und der NAV-Virchow-Bund – Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e. V. Die Grundidee eines solchen Netzwerks wird übrigens schon seit über zehn Jahren in Baden-Württemberg mit der Initiative Gesundes Kinzigtal umgesetzt.

Der Ansatz der Hamburger: Durch eine weitreichende Vernetzung von Ärzteschaft, Pflegeheimen, Stadtteilkliniken, Sportvereinen, Schulen und Krankenkassen wird die Eigenverantwortung von Patienten gestärkt, die Ärzte werden entlastet und die Kosten für die Gesundheitsversorgung gesenkt. Ärztlicherseits steht dahinter das Ärztenetzwerk Billstedt/Horn, also die Ärzte, die vor Ort mitmachen und ihre Patienten bei Bedarf an 
die konkreten Beratungs- und Förderungsangebote der Kioske über- und verweisen können. Die Kioske haben Lotsenfunktion zwischen der örtlichen medizinischen und der sozialen Infrastruktur. 

Das Hamburg Center for Health Economics (HCHE) hat zu dem Projekt eine umfangreiche wissenschaftliche Evaluation veröffentlicht. Demnach schaffen die Kioske für die Menschen einen besseren Zugang zur Versorgung, erhöhen die Zufriedenheit der Patienten und entlasten die Ärzteschaft. Über die Wirtschaftlichkeit konnten keine belastbaren Aussagen getroffen werden, hierzu sei der untersuchte Zeitraum noch zu kurz, hieß es. 

Weitere Kioske nach Hamburger Vorbild

Inzwischen sind auch in anderen Städten Deutschlands – vornehmlich in Nordrhein-Westfalen – weitere Gesundheitskioske nach dem Hamburger Vorbild eröffnet worden: 

  • Köln: Das Netzwerk „dieKümmerei“ hat im September 2021 ihre erste Quartierszentrale in Köln-Chorweiler eröffnet, einem Stadtteil, in dem Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status leben. Das neunköpfige Team ist multiethnisch, mehrsprachig und multidisziplinär aufgestellt und unterstützt die Bürgerinnen und Bürger bei allen Gesundheits- und Sozialthemen: So begleiten die Mitarbeitenden sie zum Beispiel bei Arztbesuchen und Behördengängen, beraten und übersetzen, vermitteln an Einrichtungen vor Ort. Aufgebaut wird das Netzwerk von der HerzNetzCenter GmbH gemeinsam mit der AOK Rheinland/Hamburg, der Stadt Köln und den vor Ort bereits engagierten Akteuren und Initiativen. Insgesamt zwölf Sprachen sprechen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „Kümmerei“. Die Mitarbeitenden decken unter anderem die Kompetenzbereiche medizinische Versorgung, Case Management und Pflege ab. Das Angebot ist aktuell für Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg und der IKK classic kostenlos. Hervorgegangen ist „dieKümmerei“ aus einem seit 2008 bestehenden Versorgungsvertrag der AOK Rheinland/Hamburg mit der HerzNetzCenter GmbH.

  • Aachen: Am 1. April 2022 wurde der erste Gesundheitskiosk in den Aachen-Arkaden, unweit des Bahnhofs Rothe Erde, eröffnet. An den Start gebracht wurde dieser von der AOK Rheinland/Hamburg und der StädteRegion Aachen. Trägergesellschaft ist die Sprungbrett GmbH, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der StädteRegion. Beraten werden soll auch aufsuchend, etwa im Rahmen eines Stadtfestes oder anlässlich der Öffnung der Tafel. Das neue Angebot kann von allen Bürgern – unabhängig von der individuellen Krankenkassenzugehörigkeit – genutzt werden.

  • Essen: Der erste Gesundheitskiosk der Stadt wurde im April 2022 in Altenessen in den Räumen der Alten Badeanstalt eröffnet – ein weiterer in Katernberg ist geplant. Dort arbeitet ein Team aus vier medizinisch ausgebildeten, mehrsprachigen Mitarbeitenden. Das Angebot kann von allen Bürgern – unabhängig von der individuellen Krankenkassenzugehörigkeit – kostenfrei genutzt werden. Das Team vermittelt Gesundheitswissen möglichst leicht verständlich und zielgruppengerecht. Aufgebaut wurde der Gesundheitskiosk nach dem Hamburger Modell auf Initiative unter anderem des Netzwerks Gesundheitskiosk; finanziert wird er durch die Stadt Essen und die AOK Rheinland/Hamburg. Betreiber ist die Gesundheit für Essen gGmbH, eine Managementgesellschaft, die für den Betrieb der Essener Gesundheitskioske gegründet wurde. 

Weitere Gesundheitskioske in Solingen, Duisburg und Krefeld sind nach Auskunft der AOK Rheinland/Hamburg in Vorbereitung.

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