Aus der Wissenschaft

Implantate bei Parodontitispatienten: Ergebnisse nach 20 Jahren

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Heftarchiv Zahnmedizin
Ausgabe 21/2022
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Was tun bei Kiefergelenkluxation?
Patienten, bei denen aufgrund einer fortgeschrittenen Parodontitis Zähne extrahiert werden, erhalten häufig Implantate. Allerdings wird die Vorgeschichte einer Parodontitis als Risikofaktor für den Langzeiterfolg 
dieser Implantate angesehen – bei nur wenigen Langzeitdaten. Eine aktuelle prospektive Studie präsentiert die 20-jährigen klinischen Ergebnisse von Implantaten, die bei Patienten mit Parodontitis in der Vorgeschichte eingesetzt wurden im Vergleich zu parodontal gesunden Patienten.

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die Verwendung von Implantaten die Art und Weise, Patienten teilweise oder vollständig zu rehabilitieren, radikal verändert. Da Implantate oftmals mit dem Gedanken eingesetzt wurden und werden, kompromittierte oder fehlende Zähne als „definitive Lösung“ zu ersetzen, hat sich das wissenschaftliche Interesse inzwischen auf langfristige Ergebnisse von zehn Jahren und mehr konzentriert. Auf der anderen Seite sind aufgrund der rasanten Entwicklung von Implantatoberflächen und -designs die Ergebnisse älterer Implantatsysteme, die mit einem Follow-up von 20 Jahren veröffentlicht wurden, eher aus historischen Gründen als für ihren klinischen Nutzen relevant. Hingegen werden sandgestrahlte und säuregeätzte (SLA) Implantatoberflächen seit 25 Jahren verwendet und sind nach wie vor weit verbreitet im Einsatz.

Langzeitdaten sind insbesondere bei Patienten mit der Vorgeschichte einer Parodontitis von großem Interesse, da diese aktuellen Analysen zufolge ein zweifach höheres Risiko für Implantatverlust im Vergleich zu Nicht-Parodontitis-Patienten haben [Carra et al., 2021]. Ziel der vorliegenden prospektiven Studie war es, 
die klinischen 20-Jahres-Ergebnisse von Implantaten in teilbezahnten Patienten, die zuvor wegen einer Parodontitis behandelt worden waren, und bei parodontal gesunden Patienten zu ermitteln.

MATERIAL UND METHODE

Die ursprüngliche Studienpopulation bestand aus 149 teilbezahnten Patienten, die in einer parodontologischen Spezialistenpraxis mit insgesamt 297 Implantaten (SLA, Tissue Level) versorgt worden waren. Diese waren in drei Gruppen unterteilt: parodontal gesunde Patienten (PHP), mäßig parodontal kompromittierte Patienten (mPCP) und schwer parodontal kompromittierte Patienten (sPCP). Nach dem erfolgreichen Abschluss der Parodontal-/Implantattherapie wurden die Patienten in ein individualisiertes Programm der unterstützenden Parodontaltherapie (UPT) aufgenommen. Die Diagnose und Behandlung biologischer Komplikationen (Mukositis und Periimplantitis), die während der UPT auftraten, erfolgte nach dem CIST-Protokoll unter dem Einsatz von Antibiotika beziehungsweise chirurgischer Maßnahmen. Nach zehn Jahren konnten 123 Patienten mit 246 Implantaten und nach 20 Jahren 84 Patienten (22 PHP, 29 mPCP, 33 sPCP) mit 172 Implantaten (39 PHP, 59 mPCP, 71 sPCP) erneut untersucht werden.

DISKUSSION

Die vorliegende Studie ist die einzige prospektive Untersuchung über den Langzeiterfolg von Implantaten, die heute noch in der Praxis eingesetzt werden. Somit sind die Ergebnisse sehr relevant. Darüber hinaus liefert sie sehr wertvolle Daten für den Vergleich des Erfolgs der Implantattherapie bei Patienten mit der Vorgeschichte einer Parodontitis mit demjenigen bei parodontal gesunden Patienten. So zeigten Implantate, die nach einer umfassenden Parodontaltherapie eingesetzt wurden, bei den Patienten, die dann auch regelmäßig an der UPT teilnahmen, langfristig günstige Ergebnisse. Patienten mit der Vorgeschichte einer behandelten Parodontitis und unzureichender Adhärenz zur UPT hatten jedoch ein höheres Risiko für biologische Komplikationen und Implantatverlust.

Die Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass Implantate bei behandelten Parodontitispatienten weniger Nachsorge bedürfen als parodontal behandelte Zähne mit reduziertem Parodont. Vielmehr ist eine häufige und regelmäßige Überwachung der Implantate im Rahmen einer UPT unbedingt erforderlich, um bei sich abzeichnenden biologischen Komplikationen (Mukositis, Periimplantitis) rasch nicht-chirurgisch oder chirurgisch intervenieren zu können.

Selbstverständlich hat die Studie Limitationen, die die Autoren auch selber adressieren: Ein Drittel der Patienten, die zu Beginn dabei waren, stand für eine Nachuntersuchung nach 20 Jahren nicht mehr zur Verfügung – die meisten aufgrund von Krankheit oder Tod. Dies ist bei einer älteren Studienpopulation unausweichlich. Das Raucherverhalten der Patienten wurde nur zu Beginn der Studie erfasst und könnte sich über die Zeit verändert haben. Auch gab es zum damaligen Zeitpunkt weder die aktuelle Klassifikation parodontaler und periimplantärer Erkrankungen noch Leitlinien-gestützte Empfehlungen zur Behandlung von Mukositis und Periimplantitis. Schließlich ist zu bedenken, dass die sehr guten Ergebnisse in einer parodontologischen Spezialistenpraxis erzielt wurden, was deren Generalisierbarkeit einschränkt.

BEDEUTUNG FÜR DIE PRAXIS

Die Ergebnisse unterstreichen eindrucksvoll die Notwendigkeit einer individuell angepassten und regelmäßigen UPT als Garant für den langfristigen Erfolg einer PAR- und Implantattherapie mit hohen Überlebensraten von Zähnen und Implantaten.

  • Parodontal gesunde Patienten, die nach adäquater Implantattherapie an einem individualisierten UPT-Programm teilnehmen, erleiden langfristig über 20 Jahre weniger biologische Komplikationen als 
Patienten mit der Vorgeschichte 
einer behandelten Parodontitis.

  • In Anbetracht der geringen Anzahl verlorener Zähne ist der Ansatz „strategische Zahnextraktionen und Ersatz durch Zahnimplantate“, basierend auf der Annahme, dass Implantate besser funktionieren als Zähne, nicht wissenschaftlich unterstützt.

  • Sehr gute Langzeitüberlebensraten für Implantate können auch in parodontal kompromittierten Patienten nach PAR-Therapie erzielt werden, wenn in der UPT eine kontinuierliche Bewertung des Risikos für biologische Komplikationen stattfindet.

  • Parodontal kompromittierte Patienten benötigen möglicherweise trotz langfristiger Teilnahme an einem UPT-Programm zusätzliche nicht-chirurgische und chirurgische Eingriffe zur Behandlung biologischer Komplikationen.

Patienten, die eine Rehabilitation mit Zahnimplantaten benötigen, sollten vor der Behandlung ausdrücklich darüber informiert werden, dass die Wahrscheinlichkeit eines Implantatverlusts im Fall einer Parodontitis 
in der Vorgeschichte und mangelnder Einhaltung der UPT drastisch ansteigt.

Originalpublikation:
Roccuzzo, A., Imber, J.-C., Marruganti, C., Salvi, G. E., Ramieri, G., & Roccuzzo, M. (2022): Clinical outcomes of dental implants in patients with and without history of periodontitis: A 20-year prospective study.
Journal of Clinical Periodontology, 1–11. doi.org/10.1111/jcpe. 13716

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