BBC-Recherche zur Zahnmedizin im NHS

Zahnarzttermin – für Briten (fast) ein Ding der Unmöglichkeit

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Heftarchiv Politik
Ausgabe 17/2022
Ausgabe 17/2022
Zahnärzte im deutschen Film
Neun von zehn NHS-Zahnarztpraxen in Großbritannien nehmen keine neuen erwachsenen Patienten zur Behandlung an, acht von zehn keine Kinder. Die BBC ermittelte, wie schlimm es auf der Insel wirklich um die Zahnmedizin bestellt ist.

BBC News kontaktierte nach eigenen Angaben fast 7.000 NHS-Praxen – aus Sicht der Reporter sind das fast alle, die Behandlungen im Rahmen des öffentlichen Gesundheitsdienstes NHS anbieten. Ergebnis: In einem Drittel der mehr als 200 Gemeindebezirke des Vereinigten Königreichs gibt es keine Zahnärzte, die erwachsene NHS-Patienten aufnehmen. Die British Dental Association (BDA) bezeichnete die Studie als „die umfassendste und detaillierteste Bewertung des Patientenzugangs in der Geschichte des Dienstes“.

Das Gesundheitsministerium erklärte daraufhin, es habe zusätzliche 50 Millionen Pfund zur Verfügung gestellt, um den Behandlungsrückstau infolge der Pandemie zu beseitigen, und dass die Verbesserung des Zugangs zum NHS Priorität habe. 

  • Am schlimmsten ist es im Südwesten Englands, in Yorkshire und Humber sowie im Nordwesten, wo 98 Prozent der Praxen keine neuen erwachsenen NHS-Patienten annehmen.

  • Am besten ist der Zugang in London, wo fast ein Viertel der Praxen neue erwachsene NHS-Patienten aufnimmt.

  • In einer von zehn lokalen Gebietskörperschaften gab es keine Praxis, die neue Patienten unter 16 Jahren akzeptiert, obwohl Kinder Anspruch auf eine kostenlose ärztliche und zahnärztliche Behandlung haben.

  • Etwa 200 Praxen gaben an, dass sie ein Kind im Rahmen des NHS nur aufnehmen würden, wenn sich ein Elternteil als Privatpatient einschreibt.

  • In Schottland ist der Zugang zur NHS-Zahnmedizin für Erwachsene erheblich besser als in den anderen Ländern des Vereinigten Königreichs: 18 Prozent der Praxen nahmen neue Patienten aus dem NHS auf.

  • In Wales, England und Nordirland waren die Zugangsraten mit 7, 9 beziehungsweise 10 Prozent weitgehend gleich.

  • In Lancashire, Norfolk, Devon und Leeds konnten die Reporter keine einzige Praxis finden, die neue erwachsene Patienten aufnimmt. 

„Wir stellten nicht nur fest, dass es vielerorts schwierig war, schnell einen Termin für eine Routinezahnbehandlung zu erhalten, sondern dass die meisten Praxen nicht einmal Wartelisten führen“, berichten die Reporter. „Die meisten Praxen, die eine Warteliste führen, teilten uns mit, dass die Wartezeit ein Jahr oder länger beträgt, oder sie waren nicht in der Lage zu sagen, wie lange die Patienten warten müssen.“ 

Die Regierungen geben der Pandemie die Schuld 

Alle dezentralen Regierungen wiesen darauf hin, dass die Corona-Pandemie die Verfügbarkeit der zahnärztlichen Versorgung des NHS beeinträchtigt habe. Das nordirische Gesundheitsministerium erklärte, es sei „unvermeidlich, dass die Zugangsbedingungen heute nicht mehr so günstig sind wie vor COVID“. „Patienten, die derzeit nicht bei einem Zahnarzt des Gesundheitswesens registriert sind, müssen sich leider an mehrere Praxen wenden und eine weitere Anreise in Kauf nehmen“, heißt es weiter.

Für die BDA steht die NHS-Zahnmedizin an einem Wendepunkt. Nach zehn Jahren „brutaler Kürzungen“ seien allein für die Wiederherstellung des Finanzierungsniveaus von 2010 zusätzliche 880 Millionen Pfund pro Jahr erforderlich.

alles auf gesundheitliche Ungleichheit ausgerichtet

Paul Woodhouse, Zahnarzt und BDA-Vorstandsmitglied, sagte gegenüber BBC Breakfast, die Regierung stelle nur 50 Prozent der Mittel zur Verfügung, die das Land für die Versorgung aller Patienten benötige, was bedeute, dass die Hälfte der Bevölkerung ohne einen NHS-Zahnarzt bleibt. „Wenn man das über Hausärzte oder Krebsvorsorgeuntersuchungen sagen würde, gäbe es Unruhen auf der Straße“, sagte er.

„Wir sehen hier die Ergebnisse jahrelanger chronischer Vernachlässigung, die durch den Druck der Pandemie noch verstärkt werden“, ergänzte Shawn Charlwood, Vorsitzender des BDA‘s General Dental Practice Committee. „Die Frage ist nun: Werden die Minister handeln, bevor es zu spät ist? Nichts, was wir bisher von der Regierung gehört haben, lässt uns darauf vertrauen, dass dieser Dienst eine Zukunft hat. Ohne eine echte Reform und eine faire Finanzierung wird die NHS-Zahnmedizin sterben, und unsere Patienten werden den Preis dafür zahlen.“

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