Gesellschaft

Das Geheimnis des Elfmeters

Einen Elfmeter zu verwandeln ist kein Kunststück, meint Sportwissenschaftler Prof. Armin Kibele. Der Spieler könne nahezu jeden Ball am Keeper vorbei ins Tor kicken, wenn er einige Regeln beherzigt. Hier seine Tipps für die Nationalelf.

MEV

Sportwissenschaftler Prof. Armin Kibele: "Wenn der Schütze vor dem Schuss seinen Anlauf verzögert und den Sprung des Torhüters abwartet, hat er ein Zeitfenster von etwa 100 bis 150 Millisekunden, um den Ball in die freie Ecke zu platzieren. Es ist trainierbar, dieses Zeitfenster zu nutzen, um die Schussrichtung abzustimmen." Uni Kassel

Das sichere Verwandeln vom Punkt sei mit einer simplen Taktik erlernbar. Der Schlüssel zum Erfolg liege in einer Verzögerung des Schusses im richtigen Moment. „Die Schützen haben im Duell gegen den Torhüter einen Zeitvorteil“, erläutert Kibele, Leiter des Fachgebiets Bewegungswissenschaft an der Universität Kassel.

Abspringen, bevor der Schütze den Ball trifft.

„Im Profi- und Halbprofi-Bereich können stramm geschossene Bälle eine Geschwindigkeit um die 30 Meter pro Sekunde erreichen. Will ein Torwart einen Ball abwehren, der in eine Ecke platziert wird, muss er aus rein zeitlichen Gründen abspringen, bevor der Fuß des Schützen den Ball trifft.“

Torhüter versuchen daher, aus der Bewegung des Schützen vor dem Ballkontakt die Schussrichtung abzuleiten, und springen dann Sekundenbruchteile vor dem Schuss in eine Ecke. Kibele: „Wenn der Schütze unmittelbar vor dem Schuss seinen Anlauf verzögert und den Sprung des Torhüters - oder dessen Stehenbleiben - abwartet, hat er ein Zeitfenster von etwa 100 bis 150 Millisekunden, um den Ball in die freie Ecke zu platzieren. Unsere Studien haben gezeigt: Es ist trainierbar, dieses Zeitfenster zu nutzen, um die Schussrichtung in einem automatisierten Ablauf auf die Wahrnehmung der Torhüterreaktion abzustimmen.“

Für seine Untersuchungen ließ Kibele Studenten auf ein Tor schießen, zwischen dessen Pfosten eine Lichterkette lag, die die Sprungrichtung des Keepers simulierte. Die Schützen lösten mit ihrem Standbein unmittelbar vor dem Schuss eine Lichtschranke aus, die Lichterkette leuchtete entweder nach links oder nach rechts; die Probanden sollten dann in die jeweils andere Ecke schießen.

Schussrichtung entgegen der Lichterkette

Ergebnis: „Während Anfänger den verlangten Bewegungsablauf nicht umsetzen konnten, verbesserten sich die Fußballer in der Übungsphase immer weiter und waren schließlich in der Lage, in sehr kurzer Zeit die Schussrichtung entgegen der Lichterkette auszuführen“, so Kibele.

Inzwischen hat die Uni eine verbesserte Variante zum Patent angemeldet, in der die Lichterkette durch eine Videowand mit Filmsequenzen eines Torwarts ersetzt wird. Das System soll in Zukunft im Training von Spitzenfußballern eingesetzt werden.

Ideengeber Cardoso

Kibele forscht seit Jahren zur sogenannten Wahrnehmungs-Handlungs-Kopplung, also der Fähigkeit von Sportlern, ihre Handlungen in kurzen Zeiträumen auf das Verhalten ihrer Umgebung abzustimmen. „Durch häufiges Üben stellt das Gehirn Nervenverbindungen her, die eine blitzschnelle Reaktion auf eine bestimmte Wahrnehmung ermöglichen“, erklärt Kibele.

Auf die Idee, Elfmeter in diese Forschungen einzubeziehen, brachte ihn der Strafstoßschütze Rudolfo Esteban Cardoso, der in den 90er Jahren beim SC Freiburg spielte und die Technik der „reaktiven Strafstoßausführung“ anwandte - nach intensivem Training, wie er Kibele später im persönlichen Gespräch verriet. Diese reaktive Ausführung - also der Schuss in die der Torwartreaktion gegenüberliegende Ecke - ist die Alternative zum Schuss in den oberen Torwinkel, um einen Elfmeter sicher zu verwandeln.

Im Elfmeterschießen nicht in die oberen Winkel zielen

„Während ein Schuss in den Torwinkel hohe Anforderungen an die Koordination stellt und durch Ermüdung beeinträchtigt wird, ist die reaktive Strafstoßausführung kaum fehleranfällig“, berichtet Kibele. Der deutschen Nationalelf, die in Brasilien um den WM-Titel spielt, gibt der Kasseler Sportwissenschaftler daher den Rat mit auf den Weg, insbesondere in einem Elfmeterschießen nach Verlängerung eher nicht in die oberen Torwinkel zu zielen.

„Diese Variante sollte, wenn überhaupt, nur von ausgeruhten Spielern gewählt werden. Denn Untersuchungen zeigen, dass durch die Ermüdung die Motorik leidet, aber nicht die visuelle Wahrnehmung. Also: Der Präzisionsschuss geht leicht schief, der reaktive Schuss gelingt auch nach 120 Minuten noch.“

Sofern auch die reaktive Strafstoßausführung nicht gewählt wird, empfiehlt Kibele als nächstbeste Variante, dass sich die Schützen bereits vor dem Strafstoß für eine Torecke entscheiden und den Torhüter vor dem Schuss völlig ignorieren: „Wichtig ist dabei, dass sie sich nicht auf den eigenen Bewegungsablauf konzentrieren, sondern den Ball bereits vor dem Schuss gedanklich im Netz sehen.“

Was Schweinsteiger im Champions-League-Finale 2012 falsch machte

Kibele sieht sich übrigens gerade durch einen prominenten Fehlschuss bestätigt: den Schuss, den Bayern-Spieler Bastian Schweinsteiger im Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea vom Punkt an den Innenpfosten setzte.

„Im Video erkennt man deutlich, dass Schweinsteiger seinen Anlauf zu früh verlangsamt“, erläutert Kibele. Der erfahrene Chelsea-Torhüter Petr Cech hatte dadurch Gelegenheit, selber eine Bewegung anzutäuschen, was Schweinsteiger sichtlich verunsicherte. „Das zeigt, dass die reaktive Strafstoßausführung im Training unbedingt intensiv geübt werden muss“, so Kibele. „Ist der Ablauf verinnerlicht, ist der Erfolg fast sicher.“

So berichtet Wynton Rufer, ein anderer Bundesliga-Spieler von Werder Bremen, der die reaktive Strafstoßausführung praktizierte, dass er vor einem Spiel gegen Borussia Dortmund dem Torhüter Teddy de Beer erläutert hätte, wie er den Elfmeter ausführt. Dennoch hatte de Beer in dem Spiel, in dem tatsächlich ein Elfmeter gegeben wurde, keine Chance, den Strafstoß von Rufer abzuwehren.

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