Cochrane-Review

Die Lebensmittelampel für Softdrinks funktioniert!

Was kann den Konsum von gezuckerten Getränken eindämmen? Ein Cochrane-Review zeigt, welche Formen der Prävention nachweislich wirksam sind.

Gezuckerte Softdrinks dominieren weltweit den Getränkekonsum. Laut der Verbraucherschutzorganisation foodwatch gelten sie schon in vergleichsweise geringen Mengen als gesundheitsgefährdend: Bereits eine Dose am Tag erhöhe das Risiko für Übergewicht, Fettleibigkeit oder Typ-2-Diabetes. Adobe Stock/Valerii Dekhtiarenko

Welche Formen der Prävention sind erfolgversprechend? Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und der Technischen Universität München (TUM) sind in Zusammenarbeit mit dem Cochrane-Netzwerk dieser Frage nachgegangen. Sie haben untersucht, für welche Maßnahmen es verlässliche wissenschaftliche Belege gibt, dass sie den bevölkerungsweiten Softdrinkkonsum reduzieren. Dabei haben sie sich auf die Verhältnisprävention konzentriert: Maßnahmen, die an den Umgebungsfaktoren und den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen ansetzen.

Die Autoren sichteten mehr als 10.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen, und identifizierten so 58 Studien, die den vorab definierten Qualitätskriterien entsprachen. Diese 58 Studien wurden in 14 verschiedenen Ländern durchgeführt und hatten zusammen genommen mehr als 1 Million Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Teilnehmer.

Die Lebensmittelampel funktioniert - die freiwillige Selbstverpflichtung der Softdrink-Hersteller nicht!

Das Cochrane-Review ergab, dass es zu einer Reihe von Ansätzen wissenschaftliche Belege gibt, dass sie den Süßgetränkekonsum reduzieren (siehe Kasten). Die Qualität der Evidenz reichte dabei von sehr gering bis mittelmäßig und gut.

Mit diesen Maßnahmen kann der Softdrinkkonsum reduziert werden:

• Einfach verständliche Lebensmittelkennzeichnungen, etwa mithilfe einer Farbcodierung nach dem Ampelprinzip
• Preiserhöhungen auf Softdrinks in Restaurants, Läden und Freizeiteinrichtungen
• Verringerung des Angebots von Softdrinks in Schulen
• Kindermenüs in Restaurantketten, die standardmäßig statt eines Softdrinks ein gesünderes Getränk enthalten
• Die bessere Platzierung und Vermarktung von gesünderen Getränken in Supermärkten
• Lokale Gesundheitskampagnen mit einem Fokus auf Softdrinks
• Die Bereitstellung von alternativen Getränken im Haushalt

Einige der Maßnahmen mögen naheliegend erscheinen, doch fehlte bislang eine umfassende Übersicht dazu, welche Maßnahmen nachweislich wirksam sind, resümierten die Forscher.

Die höchste Evidenz erreichten laut Review dabei die Haushaltsinterventionen, das heißt, bei Menschen mit erhöhten Körpergewicht, die viel Süßgetränke konsumierten, führte die bessere Verfügbarkeit von kalorienarmen Getränken Zuhause bereits zu einer Gewichtsabnahme.

Eine moderate Evidenz erreichten sowohl die farbliche Ampelkenn­zeichnung - sie ging mit weniger Süßgetränkeverkäufen einher - als auch Preiserhöhungen bei zuckerhaltigen Getränken in Restaurants, Läden und Freizeit­ein­richtungen - sie senkten ebenfalls deren Verkaufszahlen.

Am wenigsten geeignet: eine Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie

Am wenigsten geeignet halten die Autoren jedoch eine Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie, weniger Zucker in Softdrinks und Lebensmitteln zu verwenden, wie Bundesernährungsministerin Julia Klöckner sie anstrebt.

Ernährungsministerin Julia Klöckner lehnt die Forderung von Verbraucherschützern nach einer Ampelkennzeichnung für Lebensmittel ab. "Wir definieren nicht, wie Deutschland schmeckt", verkündete sie per Twitter.

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Viele öffentliche Gesundheitsbehörden und Verbände, darunter die Bundeszahnärztekammer (BZÄK), die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie Ärzteverbände wie die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), fordern schon lange, dass wirksame Präventionsmaßnahmen zur Zuckerreduktion verstärkt umgesetzt werden sollten.

Durch das Cochrane-Review sehe man sich nun bestätigt, dass eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller nicht ausreiche, aber stattdessen eine Kennzeichnung in Ampelfarben den Konsum ungesunder Produkte deutlich senken könne: "Wir brauchen deshalb endlich ein mehrfarbiges Kennzeichnungssystem in Deutschland", fordert Barbara Bitzer, Sprecherin der DANK und plädiert für die schnelle Einführung des sogenannten Nutri-Scores, für den sich bereits mehrere europäische Länder ausgesprochen haben.

Kritik an "Nationaler Reduktionsstrategie"

Der Entwurf für eine Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten geht vielen Experten nicht weit genug.

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Kennzeichnungen, die keine verschiedenen Farben nutzen, sondern nur eine Abstufung angeben – so wie das vom Max-Rubner-Institut im Auftrag des Ernährungsministeriums entwickelte Stern-Label - sind laut Bitzer dagegen ungeeignet: "Diese Kennzeichnung sehen wir kritisch, weil sie mit nur einer Farbe arbeitet und zudem nicht intuitiv verständlich ist. Es wäre nicht nachvollziehbar, wenn die deutsche Politik nicht das wirksamste System wählt – und das ist eine Kennzeichnung in Ampelfarben."

Kennzeichnungs-Modelle im Vergleich

 

Die Deutsche Diabetes-Hilfe spricht sich ebenfalls für den NutriScore aus. Das Modell der Lebensmittelindustrie sei dagegen völlig ungeeignet: Es verwende bewusst keine Ampelfarben, um dem Verbraucher keine Kaufempfehlung geben zu müssen. Dies diene jedoch nicht dem Verbraucher, sondern nur den Produzenten mit Produkten, die schlecht abschneiden würden. Der "Wegweiser Ernährung", das Modell des Max-Rubner-Instituts (MRI) sei ebenfalls nicht empfehlenswert. Farbig hervorgehoben sind hier besonders niedrige Gehalte an ungünstigen Inhaltsstoffen. "Uns erscheint das MRI-Modell zu verkopft – man wird einfach nicht schlau daraus", so die Deutsche Diabetes-Hilfe.

Von Philipsborn P et al.: Environmental interventions to reduce the consumption of sugar-sweetened beverages and their effects on health. Cochran eDatabase of Systematic Reviews 2019,4. http://www.doi.org/10.1002/14651858

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35 Kilogramm Zucker essen die Deutschen pro Jahr und Kopf – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Der Wert bildet jedoch nur den Konsum von Haushaltszucker ab. Hinzu kommt ein steigender Verbrauch von Mono- und Disacchariden, die Lebensmitteln zugesetzt werden – und zunehmend zum Problem werden.

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