Krankheiten, Stress, Stillzeit

Die Zähne verraten alles über das Leben der Neandertaler

Eine neue Studie gewährt einen beispiellosen Einblick in den Alltag zweier junger Neandertaler, die vor etwa 250.000 Jahren im Südosten Frankreichs lebten. Die Details ihres Lebens sind in jede Zahnschicht eingeätzt.

Die Aufnahmen einzelner dünner Schichten der 250.000 Jahre alten Zähne geben Auskunft über das Leben der Neandertaler. Griffith

Prof. Tanya Smith liest Zähne, wie die meisten Leute Bücher. Sie hat mehr als eineinhalb Jahrzehnte deren Chemie und Physik erforscht. Aber ein Detail fehlte bisher in diesen Geschichten: die Umweltbedingungen, unter denen sich die Veränderungen der dentalen Strukturen vollzogen haben.

Smith arbeitet am australischen Griffith's Australian Research Centre for Human Evolution. Mit einem internationalen Team aus Anthropologen, Archäologen und Geowissenschaftlern hat sie jetzt die von einer Fundstätte in Frankreich stammenden Zähne zweier junger Neandertaler und eines jungen modernen Menschen untersucht, der vor 5.000 Jahren lebte.

 

Prof. Tanya Smith liest Zähne, wie die meisten Leute Bücher. Sie hat mehr als eineinhalb Jahrzehnte deren Chemie und Physik erforscht. | Griffith_Jeff Camden

Die Zähne wurden unter dem Mikroskop mit polarisiertem Licht geschichtet, um ihre Entwicklung zu dokumentieren. Zähne unterliegen bekanntlich periodischen Wachstumsphasen, die Baumringen ähneln, jedoch in einem viel feineren Maßstab. Smith verwendete außerdem eine hochauflösende Ionen-Mikrosonde, um Veränderungen des Sauerstoffgehalts während des dreijährigen Zahnwachstums bei jedem Jugendlichen zu erfassen.

"Diese Methode erlaubte uns, die Entwicklung der Teenager mit den damaligen Jahreszeiten in Verbindung bringen: Wir fanden heraus, dass ein Neandertaler im Frühjahr geboren wurde und dass beide Neandertaler in ihrer Kindheit im Winter häufiger krank waren", sagte Smith. "Vor 250.000 Jahren, als sie aufgewachsen sind, unterlag diese Region im Südosten Frankreichs viel stärker den Jahreszeiten als heute."

Subtile Strukturstörungen deuten auf Stress und Fieber im Winter

Im tiefsten Winter zeigten die Zähne der beiden Neandertaler-Kinder subtile strukturelle Störungen, die auf Stress hindeuten. "Eine Reihe von verschiedenen Dingen kann dazu führen, dass sich das Wachstum der Zähne ein wenig verändert", erläutert Smith. Die Tatsache, dass diese Veränderungen mit dem Winter zusammenfallen, deute darauf hin, dass die Kälte Fieber, Vitaminmangel und Krankheiten mit sich brachte.

Experten kartierten außerdem die Metallkonzentrationen, die die Zähne aufwiesen, darunter Barium, ein Marker für den Milchkonsum - und bei Kindern ein Zeichen dafür, dass sie gestillt wurden, denn Muttermilch weist einen hohen Anteil des Kalzium-ähnlichen Elements auf, das in den wachsenden Knochen und Zähnen von Kindern gespeichert wird.

So wurde ein Neandertaler zweieinhalb Jahre lang gestillt und dann im folgenden Herbst entwöhnt. Diese Stillzeit ähnelt der Stilldauer in nichtindustriellen Gesellschaften. Zum Vergleich: Schimpansen, die neben Bonobos unsere engsten lebenden Verwandten sind, stillen bis zu fünf Jahre. Neandertaler ähnelten somit bei der Entwöhnung ihrer Nachkommen eher dem modernen Menschen als Primaten.

Die älteste dokumentierte Bleiexposition

Ein überraschendes Ergebnis war, dass die beiden Neandertaler-Kinder im Winter mehrfach Blei aufnahmen beziehungsweise einatmeten. Möglicherweise lebten sie während der kalten Jahreszeit in Höhlen: Die Forscher entdeckten unterirdische Bleiquellen im Umkreis von 25 Kilometern um die archäologische Stätte.

Ihre Forschungsergebnisse hat Smith jetzt in einem Buch veröffentlicht.

Tanya Smith, The Tales Teeth Tell: Development, Evolution and Behavior (MIT Press, $29.95 hardcover, 296p.), October 16, 2018, ISBN-10: 9780262038713

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