Hilfseinsatz in Kuba

Fortbilden statt bohren

Hilfseinsätze sind nicht unbedingt mit zahnmedizinischen Behandlungen identisch. Die Dental International Aid Networking Organisation (DIANO) bildet Zahnärzte fort - sie organisiert etwa das Parodontologie-Symposium in Kuba. Tobias Bauer berichtet.

Mit Staatsoberhaupt Raúl Castro im Hintergrund übergibt Prof. Peter Eickholz (r.) einem Vertreter des kubanischen Gesundheitsministeriums eine Bücherspende für die Wissenschaftsbibliothek. T. Bauer

Der Ansatz ist, mit den Kolleginnen und Kollegen in den Regionen unserer Erde in Kontakt zu kommen, in denen nicht unbedingt die gleichen Standards gelten wie bei uns, um zu sehen, wie „alio loco“ gearbeitet wird.

Sehr schnell wird deutlich, wie unterschiedlich die dortigen Bedingungen im Vergleich zu den unsrigen sind: die Ausstattung vor Ort, der Mangel an guten - wenn überhaupt vorhandenen - Materialien ist das eine, fehlende Fortbildungsangebote beziehungsweise die nicht vorhandenen Möglichkeiten, an einem internationalen Kongress teilzunehmen, das andere. Die Weltgesundheitsorganisation spricht sogar von „Global Oral Health Inequalities“.

Deshalb steigt die Zahl der Wissenschaftler, die diese Situation erkannt haben und sich selbst mit einem Beitrag einbringen, indem sie kostenlose Kurse oder Vorträge in den unterschiedlichsten Ländern anbieten. Das ist heute keine Seltenheit mehr. Anzumerken ist, dass die Kosten überwiegend selbst getragen werden, allenfalls gibt es eine Spendenquittung als Bestätigung für den erbrachten Aufwand.

 

Tobias Bauer von Dental International Aid Networking war in Haiti und Kuba unterwegs, um vor Ort zahnärztlich zu Helfen und um Spenden zu übergeben. Was interessierte Helfer vor Ort erwartet, erzählt...

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Bei dieser Art des wissenschaftlichen Austauschs kann man gut und gerne von einer Kultur des Gebens sprechen, als Teil unseres abendländischen Selbstverständnisses, weniger privilegierte Kreise zu unterstützen, um zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen in ihrem angestammten Umfeld beizutragen.

Zahnärzte in Kuba: gut ausgebildet, schlecht ausgestattet

DIANO ist schwerpunktmäßig in der Karibik tätig, vor allem in Haiti und der Dominikanischen Republik, in der die Zahnmedizin einen erheblichen Nachholbedarf hat.

Kuba spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle, Gesundheit und Bildung gehören quasi zu den Errungenschaften der Revolution. So gibt es in Kuba keinen Mangel an Zahnärztinnen und Zahnärzten, es sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung kaum weniger als in Deutschland. Doch in Hinblick auf die Ausstattung sieht es „etwas“ anders aus.

Diskutiert wurde im Anschluss an die Vorträge von Prof. Eickholz auf Deutsch, Englisch und Spanisch. Klar erkennbar war dabei vor allem das große Interesse der Teilnehmer an Informationen aus dem Ausland. | T. Bauer

Große Probleme gibt es allerdings durch das jahrzehntelange Embargo und den damit zusammenhängenden Ausschluss von vielen internationalen Veranstaltungen. So trifft man im Lande selber auf eine hervorragend ausgebildete Kollegenschaft, die geradezu begierig ist, Neues aus der internationalen Wissenschaftswelt zu erfahren und wohl kaum an Übersättigung an Fortbildungsveranstaltungen leidet.

Fortbildungen sind eine Seltenheit

Zurück bekommt man wahrlich viel, denn der direkte Austausch, die persönlichen Kontakte und der herzliche Empfang entschädigen für so manche Mühe, zumal durch solche „one-to-one“ Kontakte oft mehr erreicht wird als durch so manches teure staatstragende Programm.

Seit 2011 ist DIANO in Kuba aktiv. Durch die Nähe zu den bisherigen Einsatzgebieten Haiti und Dominikanische Republik war es immer ein Thema, auch nach Kuba zu gehen. Den Ausschlag gab schließlich der Hilferuf einer deutsch-kubanischen Organisation, die händeringend ein Röntgengerät brauchte. Damit war quasi auch schon die Richtung vorgegeben: Kuba braucht vor allem materielle Unterstützung, zahnärztliches Personal gibt es genug.

Humboldt wird als Nationalheld verehrt.

So wuchsen Kontakte zu vielen der staatlichen Kliniken über einen längeren Zeitraum. Die Öffnung Kubas gab der Initiative einen neuen Schub. Dabei bestehen die Bande von Deutschland aus nach Kuba schon seit Langem, und die Charité kann auf eine lange gemeinsame Tradition zurückblicken, aus der sich sogar ein deutsch-kubanischer Zahnärzteclub entwickelt hat. Allein schon der Name der Berliner Traditionsuniversität wirkt positiv: Alejandro de Humboldt wird in Kuba als Nationalheld verehrt. Es heißt, Humboldt sei der geistige Begründer der kubanischen Nation, schließlich habe er mit seinen Forschungen dem Volk zur eigenen Identität verholfen.

Durch die Teilnahme am alle fünf Jahre stattfindenden kubanischen Zahnärztekongress Estomatologia Cubana im Jahr 2015 wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen: Zum ersten Mal gab es einen deutsch-kubanischen Abend, an dem zahlreiche namhafte Vertreter der deutschen Dentalindustrie teilnahmen.

Das erste deutsch-kubanische Parodontologie-Symposium

Und nach fast einjähriger Vorbereitung fand das erste deutsch-kubanische Parodontologie-Symposium statt. Prof. Dr. Peter Eickholz war eingeladen, vor Hochschullehrern und Vertretern des kubanischen Wissenschaftsrats im Gesundheitsministerium in Havanna zu sprechen. Seine Themen:
1. Degeneración furcal. Desastre o problema solucionable? (Furkale Degeneration. Katastrophe oder lösbares Problem?
2. Terapia Regenerativa en los tratamientos periodontales con énfasis en las lesiones de furcación. (Regenerative Therapie bei Parodontalbehandlungen mit Schwerpunkt Furkationsverletzungen.)

Gerade in einem Land, dessen Wissenschaftler es sich kaum leisten können, an einem internationalen Kongress teilzunehmen, sind solche Vorträge ein absolutes Highlight in der täglichen Routine – oder besser Mangelverwaltung. Kuba ist dafür bekannt, dass der Monatslohn eines Arztes etwa dem einer einzelnen Arbeitsstunde hierzulande entspricht. Auch vor diesem Hintergrund sollten die Beiträge zum Wissenschaftstransfer von Hilfsorganisationen wie DIANO betrachtet werden.

Die deutschen Zahnärzte waren von der Aufmerksamkeit der kubanischen Gastgeber sehr angetan: Extra für die kleine Delegation wurde eine Besichtigungstour organisiert, auf der sich die Besucher auch eine Poliklinik in Havanna anschauen konnten.

Kubanische Gastfreundschaft begegnete den DIANO-Vertretern auch bei der Besichtigung einer Poliklinik. In den Wartezimmern wird mit Plakaten für gesunde Ernährung geworben und vor den Risiken von Diabetes gewarnt. | T. Bauer

Die zahnmedizinische Versorgung selbst machte - wie das Hinweisschild am Zaun - einen soliden, aber einfachen Eindruck. | T. Bauer

Ganz anders ist es im Centro National de Estomagologia, einer Einrichtung, die sich vor allem an solvente ausländische Patienten richtet. | T. Bauer

Ein Besuch im Centro National de Estomagologia, einer Vorzeigeeinrichtung der kubanischen Staatsmedizin, die zum Uniklinikum Cira García gehört, stand ebenfalls auf der Agenda. Diese vorwiegend ausländischen Patienten zur Verfügung stehende Einrichtung zeigte den Besuchern eindrücklich die Unterschiede im nationalen Gesundheitssystem.

Nicht minder interessant war der abschließende Abstecher ins internationale Therapiezentrum La Pradera, das durch so illustre Patienten wie Diego Maradona und Hugo Chavez eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

Prof. Peter Eickholz zu seinen Erfahrungen
„Man muss viel Gelassenheit und Geduld mitbringen“

Herr Prof. Eickholz, wo sehen Sie den größten Wissensrückstand bei den kubanischen Kollegen?
Prof. Peter Eickholz: Ich habe zwei Vorträge gehalten und konnte aus der anschließenden Diskussion in Deutsch, Englisch und ein bisschen Spanisch keinen Wissensrückstand erkennen. Klar erkennbar war aber das große Interesse an Informationen aus dem Ausland und der Wunsch fachlich auf Augenhöhe mit mir zu diskutieren. Aufwendige Verfahren mit teuren Materialien wie z. B. regenerative Parodontalchirurgie werden auf Kuba offenbar seltener durchgeführt als bei uns, was sicher auch mit der Verfügbarkeit der Materialien zu tun hat.

Welche Rückmeldungen erhielten Sie zu Ihrem Vortrag?
Ich hatte den Eindruck, dass die Zuhörer zum einen mit ihren Fragen auch demonstrieren wollten, dass sie auf Kuba nicht hinter dem Mond leben, also durchaus ihr Fach verstehen. Zum anderen ging es, wie bei Vorträgen in Deutschland auch, um spezielle Instrumente und Vorgehensweisen. Allerdings weniger geprägt von Apparaten wie Laser oder Pulverstrahl als es in Deutschland oft der Fall ist.

Gab es etwas, dass Sie vor Ort überrascht hat?
Bei meinem Besuch haben wir in Havanna eine öffentliche zahnmedizinische Poliklinik und eine zahnmedizinische Klinik für Patienten aus dem Ausland besucht. Sehr interessant fand ich zum einen das Bemühen der Behörden, eine breite zahnmedizinische Versorgung für die Bevölkerung darzustellen ganz im Sinne eines sozialistischen Systems. In den Wartezimmern wurde über Plakate für gesunde Ernährung geworben und vor den Risiken z. B. von Diabetes gewarnt. Diese Versorgung machte einen soliden, aber einfachen Eindruck. Auf der anderen Seite das zahnmedizinische Angebot für ausländische Gäste mit sehr gediegenem Ambiente und scheinbar breiterem Versorgungsangebot. Die Devisen, die hier erwirtschaftet werden, müssen sicher auch den Betrieb in der öffentlichen Poliklinik querfinanzieren.

Welche Tipps können Sie Kollegen geben, die planen, als Hilfseinsatz ein Symposium zu organisieren oder Kurse/eine Vortragsveranstaltung in Kuba durchzuführen?
Diese Frage kann Herr Bauer besser beantworten, denn er hat den Kontakt vermittelt und das Organisatorische von deutscher Seite beigetragen. Außerdem war er schon oft auf Kuba und verfügt über mehr als den Eindruck eines einmaligen Besuches. Aber soviel: Wer nach Kuba fährt, muss viel Gelassenheit und Geduld mitbringen. Die Gastgeber sind sehr gastfreundlich, aber Planungen können sich kurzfristig ändern und Termine sind nicht in Stein gemeißelt. Das entspricht nicht ganz meiner gewohnten Arbeitsweise, aber ich war vorgewarnt. Man benötigt etwas Spielraum vor und nach den ursprünglich vereinbarten Terminen.

Univ.-Prof. Peter Eickholz ist Direktor der Poliklinik für Parodontologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Um viele Eindrücke reicher, nicht zuletzt auch, weil man eine Welt sehen durfte, die es möglicherweise nicht mehr allzu lange gibt, ging es zurück.

Deutsche Famulanten in Manzanillo sind im wahren Kuba angekommen!

Im Frühjahr 2017 kamen dann zum ersten Mal nach sehr langer Zeit deutsche Famulanten an die zahnmedizinische Fakultät in Manzanillo. Nicht in die Hauptstadt, sondern weit weg von den Touristenzentren, ins authentische Kuba. Treffend beschrieben war das in einem Reiseführer: Wer nach Manzanillo kommt, ist im wahren Kuba angekommen!

Im wahrsten Sinne des Wortes: Der Umgang mit kubanische Behörden erwies sich als äußerst zäh, vor allem dann, wenn man absolutes Neuland betritt. Deutsche Famulanten gehören leider noch nicht zum alltäglichen Straßenbild, und so bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit. Aber auch diese Hürde scheint mittlerweile genommen und so manche Tür öffnete sich zumindest ein Stück weit. Entschädigt wird man durch einen Einblick in das wahre Leben Kubas: Das ist schlicht eine andere Welt. Bleibt zu wünschen, dass noch viele in den Genuss solcher unvergesslicher Momente kommen.

Tonnen an Materialspenden aus deutschen Zahnarztpraxen

Mittlerweile gab es auch eine ganze Reihe an Materialspenden aus deutschen Zahnarztpraxen, die per Container nach Kuba gelangten. Im Juni erst gingen zwei Sirona C4-Behandlungseinheiten per Fracht nach Havanna. Kubanische Techniker machten sich umgehend an die Installation und konnten es kaum erwarten, die Geräte fachgerecht aufzustellen. Im September 2017, unmittelbar nach dem Hurrikan Irma, der in Kuba schwerste Schäden angerichtet hatte, trafen mehrere Paletten mit mehr als einer Tonne Frachtgewicht an der Universität Manzanillo ein.

Auf beiden Seiten besteht großes Interesse, die Zusammenarbeit zu intensivieren. Es sind nicht nur die Spendenlieferungen - für Fachbesucher und Famulanten ist Kuba ein besonderes Land, schließlich erfolgt die Ausbildung unter ganz anderen Voraussetzungen, wobei Kuba trotz äußerst knapper Ressourcen in vielen Bereichen weltweit eine Spitzenstellung einnimmt.

Sicherlich gibt es im Hinblick auf die Famulaturen in Kuba noch einiges zu tun, bis diese Form des wissenschaftlichen Aufenthalts selbstverständlich geworden ist, aber die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich einiges bewegt. Langsam, aber stetig!

Tobias Bauer  ist Zahnarzt aus Singen und Gründer der Dental International Aid Networking Organisation (DIANO).

DIANO (Dental International Aid Networking Organisation)
http://diano.ga/
dental.aid.project@gmail.com

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