Gesellschaft

Hausarzt mit Finanzspritze

In sauerländischen Bödefeld gibt es eine Kirche, eine Kneipe, einen Kindergarten, reichlich Wanderwege und den längsten Skihang des Sauerlandes. Nur eine Arztpraxis, die gibt es nicht mehr.

In Bödefeld gibt es seit Mai keinen Hausarzt mehr. picture_alliance

Denn Anfang Mai ging der Dorfarzt in den Ruhestand, ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Jetzt müssen die Bödefelder kilometerweit fahren, um sich ein Rezept oder ärztlichen Rat zu holen. Das ist auch der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe nicht recht. Sie will eine neue Hausarztpraxis deshalb mit bis zu 50.000 Euro fördern. 

"Sterbehilfe für alte Menschen"

Der Bödefelder Franz-Josef Klauke (72) ist beunruhigt, weil er jetzt weite Wege zum Arzt hat: "Das hat für mich etwas von moderner Sterbehilfe für alte Menschen. Wenn man einen Infarkt oder ähnliches hat, kommt es doch auf Minuten an."

Außerdem gibt er zu bedenken, dass auch die vielen Wander- und Skiurlauber Wert auf eine ärztliche Versorgung im Feriendomizil legen würden. Und viele Bödefelder seien nicht mehr mobil. "Die können doch nicht wegen jeder Kleinigkeit die 112 rufen. Da explodieren ja die Kosten." 

Der bisherige Dorfarzt hatte seinen Abschied aus dem Berufsleben schon länger geplant. Vier Jahre lang hatte er versucht, einen Nachfolger zu finden - erfolglos. Nun hoffen die Bödefelder, dass die KV mit ihrer Finanzspritze interessierte Mediziner ins Sauerland locken kann.

Praxis mit Umsatzgarantie

"Wir können bei der Praxiseinrichtung helfen oder mit einer Umsatzgarantie", sagt KVWL-Sprecher Christopher Schneider in Dortmund. Die Versorgungssituation in Bödefeld bezeichnete er als "dramatisch".  Er hofft, dass sich ein Arzt aus dem Umfeld durch den finanziellen Anreiz zumindest zur Eröffnung einer Filiale bewegen lässt. Die Ärzte im Umkreis könnten die Lage nicht auffangen: Sie hätten ihre Wartezimmer voll und könnten keine neuen Patienten nehmen.

Mit ihrer Förderung greift die KVWL erstmals auf diese Weise in die Kasse, um eine Arzt-Ansiedlung zu fördern. Das begrüßt auch Schmallenbergs Bürgermeister Bernhard Halbe (CDU). "Wir werden auch helfen, einen Nachfolger zu finden", sagte er.

Außerdem könnten sich Interessenten willkommen fühlen. "Wir helfen bei der Suche nach Räumlichkeiten und Personal und zeigen auch, wie lebenswert unsere Stadt und Region ist. Von Kinderbetreuungsmöglichkeiten bis zum Golfplatz."

Landarztzuschläge von 50 Prozent forderte auch der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen in seinem jüngsten Bericht, der am 23. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Auf diese Weise werde es insbesondere für junge Ärzte, die in Ballungszentren wohnen bleiben möchten oder müssen, attraktiver, in ländlich gelegenen Bereichen zu arbeiten.

Um der absehbaren gesundheitlichen Unterversorgung auf dem Land entgegenzuwirken, empfiehlt der Rat zudem Arztsitze in überversorgten Ballungsräumen aufzukaufen und Konzepte, bei denen die regional vernetzte Versorgung mit lokalen Gesundheitszentren zur Primär- und pflegerischen Langzeitversorgung kombiniert wird.