Im Notfall 112

Otmar Müller
Gesellschaft
Die Luftrettung per Hubschrauber gehört heute zum Standard des Rettungswesens. Knapp 50.000 Mal rückten im vergangenen Jahr allein die Hubschrauber des ADAC aus und retteten Menschen aus Notsituationen.

Es waren vor allem die Wirtschaftswunderjahre, die den Deutschen das Geld in die Taschen und viele Autos auf die Straße brachten. In den 60er Jahren stieg die Zahl der Fahrzeuge auf deutschen Straßen dramatisch an. Das Auto wurde zum Massenverkehrsmittel. Sicherheit war indes ein eher untergeordnetes Thema, eine Gurtpflicht gab es noch nicht. So stieg die Zahl der Verkehrstoten bis Ende der 60er Jahre auf einen Rekord von fast 20.000 (im Vergleich: 2012 waren es etwa 3.600).

Umweg über die Polizei

Die Notfallrettung in Deutschland war auf dieses Problem nicht vorbereitet. Ende der 60er gab es in den meisten Bundesländern keine einheitliche Notrufnummer, keine Notrufsäulen und auch kaum Rettungsleitstellen. Ob Unfall oder Herzinfarkt - im Notfall musste zunächst die Polizei informiert werden, die dann einen Krankenwagen bestellte. Der meistens ohne Funk war und häufig nur mit einem Fahrer besetzt, der den Patienten ins Krankenhaus bringen sollte.

Es gab keine speziell ausgebildeten Notärzte und Rettungsassistenten - und keine Luftrettung. Den Rettungsdiensten kam in erster Linie eine Transportfunktion zu, während vor Ort kaum medizinische Maßnahmen ergriffen wurden. Hinzu kam, dass der Rettungsdienst nicht flächendeckend ausgebaut war und es in vielen Fällen nicht möglich war, die Patienten innerhalb einer akzeptablen Zeitspanne zu erreichen.

Die Folge: Viele Patienten starben noch, bevor der Krankenwagen eintraf oder auf dem Weg ins Krankenhaus. So wie der achtjährige Björn Steiger, der am 3. Mai 1969 von einem Auto angefahren wurde. Trotz sofortiger Alarmierung dauerte es beinahe eine Stunde, bis der Krankenwagen eintraf. Dem Kind war nicht mehr zu helfen, es starb noch während des Transports ins Krankenhaus. Noch im Mai 1969 gründeten die Eltern die Björn Steiger Stiftung mit dem Ziel, die Qualität des Rettungswesens zu erhöhen.

Christoph kommt zum Einsatz

Auch die Bundesregierung begann in dieser Zeit, die Probleme mit der Notfallrettung zu erkennen. So wurden Ende der 60er Jahre unter Beteiligung des ADAC erstmals mit Hubschraubern Modellversuche zur Notfallrettung nach Unfällen durchgeführt. Andere lebensbedrohliche Indikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall waren als Einsatzbereich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht miteinbezogen.

In dieser Pionierphase trieb vor allem der Münchener Arzt Dr. Hans Burghart in Kooperation mit dem Bundesinnenministerium die Luftrettung voran. Aufgrund der erfolgreichen Modellversuche etablierte er ab Pfingsten 1970 zunächst mithilfe der Bundeswehr, die einen Hubschrauber mit Pilot zur Verfügung stellte, an den Wochenenden und in den Ferien einen luftgebundenen Notarztdienst. Ab November 1970 ging der - nun vom ADAC betriebene - Hubschrauber „Christoph 1“ am städtischen Krankenhaus München-Harlaching in den Dauerbetrieb. Innerhalb weniger Monate eröffnete die Bundesregierung dann weitere Luftrettungsstandorte in Frankfurt und Köln.

Ein flächendeckendes Netz

Verantwortlich für den Aufbau und Erhalt des Luftrettungsnetzes ist das Bundesinnenministerium, das seit 1971 den Bundesländern Zivilschutz-Hubschrauber (ZSH) für die öffentlich-rechtliche Luftrettung zur Verfügung stellt. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) als untergeordnete Behörde übernimmt dabei für die bundeseigenen Standorte alle Aufgaben der Verwaltung, die sich aus dem Betrieb ergeben. Dazu gehört die Beschaffung und Ausstattung der Hubschrauber ebenso wie die Ausbildung der Notärzte.

Piloten und Mechaniker der Bundespolizei (ehemals Bundesgrenzschutz) stellten ab 1971 den Flugbetrieb in bis zu 22 Luftrettungszentren sicher. Zehn Luftrettungszentren der Bundespolizei wurden allerdings im Rahmen von Umstrukturierungen an spätere private Luftrettungsbetreiber wie den ADAC oder die Deutsche Rettungsflugwacht (DRF) übergeben.

Diese beiden großen Luftrettungsorganisationen bauten dann im Laufe der Jahre ihr Standortnetz flächendeckend aus. Der Bund beteiligt sich heute noch an zwölf Luftrettungszentren in Deutschland - organisatorisch werden diese Standorte wahlweise von der Bundeswehr, den Ländern oder Kommunen betrieben.

Sekundenschnelle Entscheidung

In den vergangenen 43 Jahren hat sich in der Notfallrettung einiges geändert: Geht heute unter der Nummer 112 ein Notruf bei der örtlichen Rettungsleitstelle ein, trifft der dort zuständige Disponent binnen Sekunden die Entscheidung, ob ein Rettungswagen oder besser ein Rettungshubschrauber eingesetzt werden sollte. Mittlerweile sind neben Unfällen auch alle anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen in die Luftrettung eingeschlossen .

Vor allem außerhalb der Ballungsgebiete bietet der Hubschrauber in der Regel den schnellsten Transport in ein Krankenhaus. Notfallpatienten können mit dem Hubschrauber nicht nur in kürzester Zeit, sondern auch besonders schonend in Kliniken in der unmittelbaren Umgebung aber auch in weiter entfernte Spezialkliniken gebracht werden, da der Rettungshubschrauber weitgehend vibrationsfrei fliegt.

Die ärztliche Behandlung wird während des Fluges fortgesetzt, so dass für den Patienten kein Transportrisiko besteht. Der Hubschrauber ist mit allem ausgerüstet, was der Arzt zur Notfallbehandlung braucht und bietet außerdem Raum für die Aufnahme von bis zu zwei Patienten. Neben der reinen Notfall-Luftrettung übernehmen die Rettungshubschrauber  verschiedene medizinische Dienstleistungen wie Verlegungstransporte von Krankenhaus zu Krankenhaus, aber auch Arzneimittel-, Blutkonserven-, medizinische Geräte- oder Organtransporte.

In zwei Minuten auf dem Weg

Insgesamt bilden heute bundesweit knapp 80 Hubschrauber-Standorte von ADAC, DRF, den Johannitern und dem Bund ein flächendeckendes Flugrettungsnetzwerk. Die Retter aus der Luft sind spätestens zwei Minuten nach einer Alarmierung auf dem Weg zum Patienten und können  in der Regel innerhalb von maximal 15 Minuten den Einsatzort in einem Umkreis von 60 bis 70 Kilometern erreichen.

Zur Besatzung eines Rettungshubschraubers gehört neben dem Piloten ein Notarzt und ein Rettungsassistent. Die Einsatzzeiten - günstige Witterungs- und Sichtverhältnisse vorausgesetzt - beginnen um 7 Uhr und enden mit Sonnenuntergang.

Der dritte Player

Neben dem Bund und dem ADAC ist die DRF Luftrettung (früher: Deutsche Rettungsflugwacht) seit 1973 der dritte wichtige Player im Luftrettungsnetz. Die DRF wurde 1972 auf Initiative der Björn Steiger Stiftung gegründet. Sie setzt heute an 28 Stationen in Deutschland sowie drei weiteren Standorten im benachbarten Ausland rund 50 Hubschrauber für Notfalleinsätze und den Transport von Intensivpatienten zwischen Kliniken ein, an acht Standorten sogar rund um die Uhr. Alle Hubschrauber sind optimal für die Versorgung von Notfall- und Intensivpatienten ausgerüstet. Damit teilt sich die DRF mit dem ADAC (33 Standorte bundesweit) den größten Teil des Luftrettungsnetzes.

Die Hubschrauber des ADAC flogen im vergangenen Jahr fast 50.000 Einsätze, die der DRF Luftrettung knapp 36.000. Ob Verkehrsunfall oder Treppensturz: Bei einem Viertel der vom DRF versorgten Patienten handelte es sich um Unfallopfer, die notärztlich versorgt wurden. Weitere häufige Alarmierungsgründe waren Herzinfarkte und Schlaganfälle (zusammen: 11Prozent).

Spezialisierung erfordert Hubschraubereinsatz

Jeder dritte Notfallpatient, den die Notärzte und Rettungsassistenten der DRF Luftrettung 2012 behandelten, musste mit dem Hubschrauber als schnellstes Transportmittel in Kliniken gebracht werden - eine Folge der bundesweiten Spezialisierung von Kliniken: In rund 25 Prozent der Fälle wurden Patienten unter spezieller intensivmedizinischer Betreuung von Klinik zu Klinik transportiert.

Zahlen müssen gesetzlich Krankenversicherte für einen solchen Einsatz übrigens nicht. Privat Versicherte erhalten zunächst eine Rechnung, die sie zur Erstattung an ihre private Krankenversicherung weitergeben können. Allerdings finanzieren die Krankenkassen nur die laufenden Kosten für einen Rettungseinsatz. Kosten für die Infrastruktur oder beispielsweise die Anschaffung modernster Medizintechnik oder neuer Hubschrauber erwirtschaftet der ADAC aus Mitgliedsbeiträgen, die DRF maßgeblich durch Spendengelder. 

Melden Sie sich hier zum zm Online-Newsletter an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Online-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm starter-Newsletter und zm Heft-Newsletter.