Gesellschaft

Nicht unnötig ruhigstellen

Bayern will das Fesseln und Fixieren gebrechlicher Altenheimbewohner weiter einschränken: Das Amtsgericht München sorgt jetzt mit einem neuen Modell dafür, dass Betroffene weniger mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden.

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Alte und pflegebedürftigen Menschen sollten weniger mit Medikamenten ruhig gestellt werden, sagte der Präsident des Amtsgerichts, Gerhard Zierl, der dpa. Es gehe um mehr Lebensqualität für die Betroffenen. 

Ende Juni soll das gemeinsam mit dem Justizministerium erarbeitete Projekt vorgestellt werden. Unter anderem soll ein Verfahrenspfleger mit Kompetenzen im Bereich der Pflege eingesetzt werden. Das Amtsgericht ist in diesen Fragen zuständig, da es über Betreuung, aber auch über die Genehmigung von Maßnahmen wie Fixierung oder Medikamentengabe entscheidet. 

Medikamentöse statt physische Fesseln

Es gebe immer wieder Klagen, dass alte Menschen nicht nur mit Fesseln fixiert, sondern auch unnötig mit Medikamenten ruhiggestellt würden. München sei mit dem neuen Projekt bundesweit Vorreiter. "Das Amtsgericht München ist das erste Gericht, das sich dieses Problems annimmt", sagte Zierl. "Wir wollen nicht physische Fesseln durch medikamentöse ersetzen." 

Das Gesundheitsministerium unterstütze die Initiative, sagte Ministerin Melanie Huml (CSU) am Samstag. Es sei gelungen, die Fixierungen bei Pflegebedürftigen zu reduzieren. "Wir müssen aber weiterhin aufklären und insbesondere die Abgabe von Psychopharmaka in den Blick nehmen. Wichtig ist es, die besonderen Wirkungen von Medikamenten bei älteren Menschen zu berücksichtigen und unnötige Mehrfachverschreibungen zu verhindern." 

Schon seit Jahren geht Bayern neue Wege, um das Fesseln und Fixieren gebrechlicher Altenheimbewohner einzuschränken. 2009 genehmigten Gerichte im Freistaat nach Angaben des Justizministeriums in knapp 26.000 Fällen eine Fixierung, 2013 waren es noch knapp 19.000 Fälle. 

Der Werdenfelser Weg

Um Verletzungen zu verhindern, werden alte Menschen durch Gitter am Verlassen ihres Betts gehindert oder an Rollstuhl oder Bett gefesselt. Nach dem Konzept des in Garmisch-Partenkirchen entwickelten "Werdenfelser Weges" werden anstelle von Gittern und Gurten möglichst oft andere Möglichkeiten angewendet, um schweren Stürzen vorzubeugen - etwa ein niedrigeres Bett oder eine dicke Matte vor dem Bett. Das Modell hat inzwischen bundesweit Schule gemacht. 

Zierl mahnte zur Unterzeichnung einer Vorsorgevollmacht. "Wer sicherstellen will, dass eine Person seines Vertrauens die Sorge übernimmt, der sollte das regeln." Vermutlich sei es Angst und Scheu vor Krankheit und Tod, die viele Menschen hindere, sich rechtzeitig mit diesen Fragen zu befassen. Auch ein Testament habe etwa nur jeder Dritte.