Gesellschaft

Planung & Strategie: Zahnärzte bei der Bundeswehr

Überschwemmte Straßen, Verletzte, Sanitäter im Dauereinsatz - und Zahnärzte. Nun, was haben Zahnärzte mitten in einem Katastrophengebiet in Deutschland verloren, fragen Sie sich vielleicht? Generalarzt Dr. Andreas Hölscher erläutert im Interview warum gerade diese Berufsgruppe in der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit ein wichtiger Partner sein kann.

Hochwasser in Magdeburg-Rothensee 2013: Das Wasser der Elbe stieg in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt bis auf 7,48 Meter - etwa 70 Zentimeter höher als beim Hochwasser von 2002. Damals verursachte die Flut nur geringe Schäden. 2013 mussten ganze Stadtteile evakuiert werden. Die Bundeswehr unterstützte die zivilen Behörden vor Ort. Alle Fotos: Bundeswehr

"Grundsätzlich obliegt der Bevölkerungsschutz zivilen Akteuren", erläutert Generalarzt Dr. Hölscher. "Um ihre Aufgabe erfüllen zu können, wurden Umfang und Ausrüstung so ausgeplant, dass der größte Teil von Schadensereignissen bewältigt werden kann. Allerdings sind natürlich auch Katastrophen möglich, deren Ausmaß die Kapazitäten einer wirtschaftlichen und sinnvollen Vorsorge übersteigen. In einem solchen Fall ist es daher sinnvoll, wenn die Bundeswehr die zivile Seite in der Bewältigung der Schadenslage unterstützt und ihre Fähigkeiten unter Führung der zivilen Einsatzleitung einbringt." Bundeswehr
Beispiel: Verletztentransporte in unwegsames Gelände, "für die zivile Seite wäre es absolut unwirtschaftlich, diese Fähigkeit materiell vorzuhalten, da sie einfach zu selten benötigt wird, während der geländegängige Verletzten- und Verwundetentransport für den Sanitätsdienst der Bundeswehr eine Basisfähigkeit darstellt", sagt Generalarzt Dr. Hölscher. Bundeswehr
Bei der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit stützt sich die Bundeswehr auf ein Netzwerk aus Reservedienstleistenden, welche die verschiedenen Beratungsebenen besetzen. Die Beratungsebenen spiegeln hierbei die Verwaltungsstruktur der jeweiligen Bundesländer wider: So erfolgt die Beratung auf Ebene der Landkreise durch die Kreisverbindungskommandos (KVK), während die Beratung auf Ebene der Regierungsbezirke durch die Bezirksverbindungskommandos (BVK) erfolgt. Auf Länderebene wird das jeweilige Landeskommando durch zwei Sanitätsstabsoffiziere der Reserve und einen Sanitätsfeldwebel der Reserve verstärkt, um den Kommandeur und die Landesregierung zu beraten. Bundeswehr
Um sich als Reservist bei der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit engagieren zu können, ist eine Basisausbildung ZMZ erforderlich. "Diese Lehrgänge sind jedoch alle als einwöchige Blöcke konzipiert und können über den Zeitraum von drei Jahren absolviert werden, so dass eine flexible Planung möglich ist", erklärt Generalarzt Dr. Hölscher. "Nach Abschluss der Ausbildung reduziert sich der Zeitaufwand auf regelmäßige Übungen und die Kontaktpflege zu den zivilen Partnern. Hier kommt es auch ganz auf das persönliche Engagement an." Bundeswehr
Waldbrandlöschübung "Feuervogel": Im Katastrophenfall muss es schnell gehen - bei der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit kommt es daher entscheidend auf die Organisations- und Abstimmungsarbeit zwischen Bundeswehr und den einzelnen zivilen Behörden an, damit alle Zahnräder ineinandergreifen. "Dies ist natürlich aus dem Stand nicht zu leisten, und bedeutet daher, dass im Vorfeld gemeinsam mit der zivilen Seite Verfahrensabläufe geübt und weiterentwickelt werden müssen. Im Einsatzfall erfolgt eine Beratung des zivilen Katastrophenschutzstabes durch die Bundeswehr", sagt Generalarzt Dr. Hölscher. Bundeswehr
Neben der Kameradschaft und der Herausforderung jenseits des Behandelns spricht für ein Engagement als Reservist laut Generalarzt Dr. Hölscher die Möglichkeit, einen umfassenden Einblick in den Bevölkerungsschutz seines Landkreises zu bekommen und sich einzubringen: "Dies ist eine klassische Win-Win-Situation, denn die Bundeswehr profitiert natürlich davon, dass die Kolleginnen und Kollegen im Regelfall fest in das soziale Netzwerk ihres Umfelds eingebunden sind, und so als Mittler zur Bundeswehr dienen." Bundeswehr

Grundsätzlich obliegt der Bevölkerungsschutz den zivilen Akteuren - sprich Polizei, THW, Feuerwehr und Rettungsdienst. Wenn es jedoch bei uns zu Katastrophen kommt, die deren Kapazitäten übersteigen, kann die Bundeswehr die zivilen Behörden in der Bewältigung der Schadenslage unterstützen. Im Rahmen dieser "Zivil-Militärischen Zusammenarbeit" stützt sich die Bundeswehr auf ein Netzwerk aus Reservisten - darunter vielfach Zahnärzte. Warum ausgerechnet diese Berufsgruppe ein wertvoller Partner in der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit ist, erläutert Generalarzt Dr. Andreas Hölscher, Stellvertretender Kommandeur Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung, Beauftragter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr für Zivil-Militärische Zusammenarbeit und Inspizient für Reservistenangelegenheiten im Sanitätsdienst der Bundeswehr im Interview.

zm-online: Die Zivil-Militärische Zusammenarbeit begann 1962, als ein Orkantief in Hamburg und Niedersachsen zu einer verheerenden Sturmflut führte. Seitdem unterstützen Sie - auf Anfrage - die zivilen Behörden im Katastrophenfall. Welche Aufgaben übernehmen Sie dabei ganz konkret?

GA Dr. Andreas Hölscher: Auf der einen Seite umfasst die Zivil-Militärische Zusammenarbeit natürlich die konkrete und somit sichtbare Hilfeleistung vor Ort, auf der anderen Seite ist im Hintergrund eine Menge Organisations- und Abstimmungsarbeit erforderlich, damit alle Zahnräder ineinandergreifen.

Schon die Anzahl der verschiedenen Akteure - Polizei, THW, Feuerwehren und Rettungsdienste - lässt erahnen, wie vielfältig die Herausforderungen und Aufgaben geartet sein können, um das Ziel eines effektiven Bevölkerungsschutzes zu erreichen. Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, wie unterschiedlich geartet die beteiligten Organisationen in ihren Strukturen, Verfahrensweisen und ihrer Ausrüstung zwangsläufig sind. Diese Unterschiede zu kennen und daraus möglicherweise resultierende Friktionen zu minimieren stellt eine Kernaufgabe der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit dar.

Diese Aufgaben scheinen nicht unbedingt in das Aufgabengebiet des Zahnmediziners zu fallen. Wo sehen Sie dennoch eine Schnittmenge?

Die Sanitätsoffiziere der Bundeswehr erfüllen in ihrem Dienst immer eine Doppelfunktion: Zum einen sind sie Ärzte, Zahnärzte, Apotheker oder Veterinäre, die fachspezifisch tätig sind, gleichzeitig sind sie als Offiziere jedoch auch mit Führungs- und Organisationsaufgaben betraut. Hierbei variiert der Schwerpunkt je nach aktueller Aufgabe.

Generalarzt Dr. Andreas Hölscher trat 1982 in die Bundeswehr ein. Nach seinem Studium der Humanmedizin in Düsseldorf absolvierte er die klinische Ausbildung am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz und promovierte 1993 in Düsseldorf. Seit 2015 ist Hölscher stellvertretender Kommandeur Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung, Weißenfels und Beauftragter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr für Zivil-militärische Zusammenarbeit sowie Inspizient für Reservistenangelegenheiten im Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr. | Bundeswehr

Überträgt man dieses Berufsbild auf den niedergelassenen Zahnarzt, so sind zahlreiche Gemeinsamkeiten zu entdecken: Der Zahnarzt ist unmittelbar kurativ am Patienten tätig und dabei gezwungen, situationsbezogen flexibel zu agieren. Prothetische Versorgungen werden vom Zahnarzt im Sinne einer langfristigen Nachhaltigkeit geplant, als Arbeitgeber und Unternehmer führt er seine Mitarbeiter und muss durch strategische Planung den wirtschaftlichen Erfolg seines Unternehmens sicherstellen. Der Umgang mit Mitarbeitern und Patienten erfordert die Fähigkeit, konstruktiv und zielgerichtet zu kommunizieren.

Diese Fähigkeiten sind natürlich wertvoll, wenn es darum geht, die zivile Seite im Hinblick auf eine Hilfeleistung durch die Bundeswehr im Katastrophenfall zu beraten und als Vermittler zwischen Bundeswehr und zivilen Behörden tätig zu sein. Der Zahnarzt ist hier nicht in seiner ureigenen Funktion als Behandler, sondern als Organisator, Berater und Vermittler gefragt.

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