Lancet-Studie

So zerstört der Klimawandel unsere Gesundheit

Hitzeopfer, Choleraausbrüche, frühzeitige Todesfälle durch Feinstaub, ... Die Lancet-Studie zeigt, welche dramatischen Folgen die Erderwärmung bereits heute für die Gesundheit der Menschen hat.

Die UN-Klimakonferenz endete mit einem enttäuschenden Minimalkompromiss. Dabei hat die Erderwärmung bereits heute große negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, wie die Lancet-Studie belegt. Adobe Stock_m.mphoto

Unter dem Klimawandel schade bereits heute die Gesundheit von Kindern weltweit. Das Wohlergehen einer ganzen Generation werde dauerhaft beeinträchtigt, sollte die Welt die Ziele des Pariser Abkommens nicht erreichen, die Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. So lautet die Botschaft des diesjährigen "Lancet Countdown".

Der Lancet Countdown zu Gesundheit und Klimawandel ist eine umfassende jährliche Analyse, die die Umweltveränderungen anhand von 41 Schlüsselindikatoren verfolgt und zeigt, was Aussitzen und Nichthandeln für die Gesundheit der Menschen bedeuten könnten. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit von 120 Experten aus 35 Institutionen, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Weltbank, das University College London und die Tsinghua University.

"Der Gipfel war ein Scheitern auf ganzer Linie"

Die UN-Klimakonferenz COP 25 in Madrid endete am 16. Dezember nach 40-stündigen Verlängerung mit einem Minimal- Kompromiss: Die 200 Staaten sollen an ihre Zusage "erinnert" werden, 2020 mehr für den Klimaschutz zu tun, um die Ziele für 2030 zu erreichen. Alles Weitere – zum Beispiel Regeln für den Handel mit Klimaschutzgutschriften auszuarbeiten – soll kommendes Jahr beim nächsten Klimagipfel in Glasgow besprochen werden. Klimaforscher und Aktivisten kommentierten das Ergebnis übereinstimmend: Es sei ein Scheitern auf ganzer Linie. Auch die Bundesregierung war unzufrieden. Man teile die Enttäuschung vieler Menschen über das getroffene Ergebnis, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

"In diesem Jahr sind die sich beschleunigenden Folgen des Klimawandels dramatischer denn je", sagt Prof. Hugh Montgomery, Co-Vorsitzender des Lancet Countdown und Direktor des Institute for Human Health and Performance am University College London. "Die höchsten gemessenen Temperaturen in Westeuropa und Waldbrände in Sibirien, Queensland und Kalifornien lösten Asthma, Atemwegsinfektionen und Hitzeschläge aus. Der Meeresspiegel steigt immer weiter an. Unsere Kinder erkennen diesen Klimanotstand und fordern Maßnahmen, um sie zu schützen. Wir müssen zuhören und reagieren."

In 71 Jahren werden Menschen in einer Welt leben müssen, die über 4 Grad Celsius wärmer ist als heute ...

Damit die Welt ihre UN-Klimaziele erreicht und die Gesundheit der nächsten Generation schützt, müsse sich die Energielandschaft drastisch verändern, und zwar schon bald, fordern die Forscher in dem Bericht. Eine Senkung der fossilen CO2-Emissionen um 7,4 Prozent im Jahresdurchschnitt von 2019 bis 2050 werde nötig sein, um die Erderwärmung auf das ehrgeizigere Ziel von 1,5 Grad Celsius begrenzen. 

Wenn die Weltgemeinschaft jedoch weitermacht wie bisher und sich der Klimawandel in der gegenwärtigen Geschwindigkeit fortsetzt – rechnen die Autoren vor – wird ein heute geborenes Kind bis zum 71. Geburtstag mit einer Welt konfrontiert sein, die durchschnittlich über 4 Grad Celsius wärmer ist als heute. Diese Erwärmung habe direkten Einfluss auf die Gesundheit in jeder Lebensphase.

Die Lebenserwartung wird gefährdet sein

"Kinder sind besonders anfällig für die gesundheitlichen Risiken eines sich verändernden Klimas. Ihr Körper und ihr Immunsystem entwickeln sich noch weiter, wodurch sie anfälliger für Krankheiten und Umweltschadstoffe sind", erklärt Erstautor Dr. Nick Watts. "Die Schäden, die in der frühen Kindheit angerichtet werden, sind anhaltend und allgegenwärtig, mit gesundheitlichen Folgen, die ein Leben lang andauern. Ohne sofortige Maßnahmen aller Länder zur Verringerung der Treibhausgasemissionen werden Wohlbefinden und Lebenserwartung gefährdet sein." Der Klimawandel werde die Gesundheit einer ganzen Generation bestimmen, bilanzierte Watts.

Wenn die Temperaturen steigen, werden die Ernten schrumpfen – was die Ernährungssicherheit bedroht und die Lebensmittelpreise in die Höhe treibt, heißt es in dem Bericht weiter. Als beispielsweise die Getreidepreise in den Jahren 2007 und 2008 in die Höhe schnellten, stiegen die Brotpreise in Ägypten um 37 Prozent. Schon jetzt zeige der Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre, dass die globalen Ertragspotenziale fallen: Mais um 4 Prozent, Winterweizen um 6 Prozent, Sojabohnen um 3 Prozent und Reis um 4 Prozent. Kommt es infolgedessen zu Unterernährung, seien Säuglinge und Kleinkinder am stärksten von damit verbundenen Gesundheitsproblemen wie schwachem Wachstum, einem kränkelnden Immunsystem und langfristigen Entwicklungsproblemen betroffen.

An 107 Tagen war die Ostsee 2018 geeignet für Vibrio-Bakterien

Kinder werden demnach auch besonders anfällig für Infektionskrankheiten sein, die sich aus steigenden Temperaturen und sich ändernden Niederschlagsmustern ergeben. In den letzten 30 Jahren habe sich die Zahl der klimatisch geeigneten Tage für Vibrio-Bakterien, die weltweit einen Großteil der Durchfallerkrankungen verursachen, verdoppelt. Besonders hoch sei die Bedrohung in der Ostsee - mit einem Rekordhoch von 107 geeigneten Tagen 2018 - und im Nordosten der USA, wo sich das Meer rasant erwärmt hat.

Auch in europäischen Regionen können heute Dengue- und Chikungunya-Fieber auftreten. Wichtige Prophylaxe-Maßnahmen sind daher nicht nur auf Fernreisen Pflicht.

mehr

In ähnlicher Weise würden ändernde Wettermuster günstige Umgebungen für Vibrio-Cholera-Bakterien schaffen, wobei die globale Eignung seit den frühen 1980er Jahren um fast 10 Prozent gestiegen sei – was die Wahrscheinlichkeit von Choleraausbrüchen in Ländern erhöhe, in denen die Krankheit nicht regelmäßig auftritt. Dengue sei die am schnellsten verbreitete durch Mücken übertragene Viruserkrankung der Welt. Neun der zehn günstigsten Jahre für die Dengue-Übertragung sind seit dem Jahr 2000 aufgetreten, schreiben die Autoren. Nachdem Dengue-Mücken in neue Gebiete auch in Europa eindringen, sei etwa die Hälfte der Weltbevölkerung gefährdet. 

2016 starben mehr als 440.000 Menschen vorzeitig durch Feinstaub aus der Kohleverbrennung

Durch die Pubertät und bis ins Erwachsenenalter wird ein heute geborenes Kind mehr giftige Luft einatmen als seine Vorfahren, heißt es in dem Bericht. Dies sei besonders schädlich für junge Menschen. Da ihre Lunge sich immer noch entwickelt, könne dies zu einer verminderten Lungenfunktion beitragen, Asthma verschlimmern und das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen.

Da die weltweiten CO2-Emissionen fossiler Brennstoffe laut Lancet Countdown weiter steigen (plus 2,6 Prozent gegenüber 2016 bis 2018) und die Energieversorgung aus Kohle wieder zunimmt (plus 1,7 Prozent gegenüber 2016 bis 2018), sei nicht mit einem Rückgang der mit Feinstaub assoziierten vorzeitigen Todesfälle zu rechnen. Aktuell stagniere diese Zahl bei weltweit 2,9 Millionen pro Jahr.

Laut Bericht starben 2016 allein durch Feinstaub aus Kohleverbrennung mehr als 440.000 Menschen vorzeitig. Unter Berücksichtigung aller Schadstoffe, die mit der Verbrennung von Kohle entstehen, könnten es sogar mehr als 1 Million Menschen sein.

Das sei nach Ansicht der Forscher nur die Spitze des Eisbergs: Hochrechnungen zufolge hat die Luftverschmutzung auch eine gewaltige wirtschaftliche Komponente. Würde die aktuell lebende Bevölkerung Europas dauerhaft dem Feinstaubniveau von 2016 ausgesetzt, zöge das Verluste und Gesundheitskosten durch luftverschmutzungsbedingte Krankheiten und vorzeitige Todesfälle von 129 Milliarden Euro pro Jahr nach sich. 

Etwa sieben Millionen Menschen jährlich sterben laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) infolge der weltweiten Luftverschmutzung. Das seien mehr als doppelt so viele wie bisher angenommen.

mehr

Während ihres gesamten Erwachsenenlebens werden heute Geborene immer extremere Wetterereignisse erleben. Damit steigt das Risiko, schweren Überschwemmungen, anhaltenden Dürren und Waldbränden ausgesetzt sein. 152 von 196 Ländern verzeichnen einen Anstieg der Menschen, die von Waldbränden betroffen waren. Allein in Indien gab es einen Anstieg von mehr als 21 Millionen Expositionen, und China etwa 17 Millionen, was zu direkten Todesfällen und Atemwegserkrankungen oder zum Verlust der kompletten Habe der Betroffenen führte.

220 Millionen MEHR über 65-Jährige litten 2018 unter Hitzewellen

Im Jahr 2018, dem viertwärmsten Jahr in der Geschichte, waren weltweit rechnerisch 220 Millionen über 65-Jährige mehr Hitzewellen ausgesetzt als im Jahr 2000 (63 Millionen mehr als im Jahr 2017). Das ist vor allem ein Problem für ältere Stadtbewohner mit chronischen Erkrankungen in Europa und dem östlichen Mittelmeer – aber auch in Japan sind viele ältere Menschen betroffen. 2018 gab es laut Bericht allein dort 32 Millionen Hitzewellen-Expositionen, was statistisch fast jeder dort lebenden Person über 65 Jahre entspricht.

Häufigere und längere Hitzewellen würden die globale Arbeitskapazität neu definieren, warnen die Forscher. Im Jahr 2018 gingen etwa aufgrund extremer Hitze weltweit 45 Milliarden Arbeitsstunden verloren, verglichen mit dem Jahr 2000. Inmitten der anhaltenden Hitzewellen im vergangenen Jahr verloren landwirtschaftliche und Bauarbeiter in den südlichen Teilen der USA im heißesten Monat bis zu 20 Prozent der potenziellen Tageslichtstunden, weil es zu heiß war, um zu arbeiten. 

"Eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit der Menschheit"

Dr. Richard Horton, Chefredakteur von The Lancet, forderte die klinischen und globalen Gesundheitsgemeinschaften auf, sich zu mobilisieren: "Die Klimakrise ist eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit der Menschheit heute. Aber die Welt hat noch keine Antwort von Regierungen gesehen, die dem beispiellosen Ausmaß der Herausforderung entspricht, vor der die nächste Generation steht." Die klinische, globale Gesundheits- und Forschungsgemeinschaft müsse sich zusammenschließen und die Politiker herausfordern, der unmittelbaren Bedrohung für die Gesundheit der Menschen zu begegnen.

Dann zeichnet Horton seine Idealvorstellung: Wenn alle Maßnahmen den Zielen des Pariser Abkommens entsprechen, der die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen, könnte ein heute im Vereinigten Königreich geborenes Kind bis zum sechsten Geburtstag ein Ende der Kohlenutzung und den Aufstieg von Solar- und Windenergie erleben. In Frankreich würden an seinem 21. Geburtstag die letzten Benzin- und Dieselautos verkauft und mehr Radwege und Grünflächen sorgten für gesündere, lebenswertere Städte. Bis zum 31. Geburtstag könnte ein heute geborenes Kind sehen, wie die Welt Netto-Null-Emissionen erreicht und eine gesündere Zukunft für kommende Generationen von saubererer Luft, sichererem Trinkwasser und nahrhafteren Lebensmitteln sicherstellt.

Diese Maßnahmen fordern die Autoren

Die Autoren des Lancet Countdown fordern mutige Maßnahmen, um die enormen gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels in vier Schlüsselbereichen zu bewältigen:

  1. Der schnelle Ausstieg aus der Kohleverstromung weltweit.
  2. Die Sicherstellung, dass Länder mit hohem Einkommen bis 2020 internationale Klimaschutzverpflichtungen in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr erfüllen, um einkommensschwachen Ländern zu helfen.
  3. Der Ausbau zugänglicher, erschwinglicher, effizienter öffentlicher und aktiver Verkehrssysteme, insbesondere zu Fuß und mit dem Fahrrad, wie die Schaffung von Radwegen und Fahrradverleih- oder -kaufplänen.
  4. Große Investitionen in die Anpassung des Gesundheitssystems, um sicherzustellen, dass Gesundheitsschäden aufgrund des Klimawandels die Notfall- und Gesundheitsdienste zur Behandlung von Patienten nicht überfordern.

"Der Weg, den die Welt heute wählt, wird die Zukunft unserer Kinder unwiderruflich prägen", sagt Ko-Autorin Dr. Stella Hartinger von der Cayetano Heredia Universität in Peru. "Wir müssen auf die Millionen junger Menschen hören, die die Welle der Schulstreiks für dringende Maßnahmen angeführt haben. Es wird die Arbeit der aktuell lebenden 7,5 Milliarden Menschen brauchen, um sicherzustellen, dass die Gesundheit eines Kindes, das heute geboren wird, nicht durch das sich verändernde Klima bedingt ist." 

Nick Watts, MA, Markus Amann, PhD, Prof Nigel Arnell, PhD et al., "The 2019 report of The Lancet Countdown on health and climate change: ensuring that the health of a child born today is not defined by a changing climate", Published:November 13, 2019DOI:https://doi.org/10.1016/S0140-6736(19)32596-6

26829412680155268015626801572682942 2665973 2680158
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare