Gesellschaft

Spitzensportler unter Druck

Ein Jahr vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi sind Athleten, Trainer und Funktionäre von einer spektakulären Studie über Manipulationen, Doping und psychischen Erkrankungen aufgeschreckt worden.

Viele Topathleten haben Zukunftsangst und leiden laut Untersuchung unter dem immensen Erfolgsdruck. Wie diese brisante Studie einschätzen ist, darüber herrscht in den Sportverbänden allerdings Dissens. Stefan Schurr / Fotolia.com

Besonders die Tatsache, dass 8,7 Prozent der befragten 1.154  Topsportler in der Sporthilfe-Untersuchung angaben, schon einmal an Absprachen über den Spiel- oder Wettkampfausgang beteiligt gewesen zu sein, ist wohl alarmierend. Auch weil 37,2 Prozent der Athleten in der Kölner Studie "Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdungen aus Sicht von Bevölkerung und Athleten" vorsichtshalber gar nicht antworteten und Fußballer überhaupt nicht befragt wurden. 

Gedopt und depressiv

Insgesamt 5,9 Prozent der Athleten gaben - ungeachtet der strengen Doping-Kontrollen - überdies an, dass sie regelmäßig Dopingmittel einnehmen. 9,3 Prozent der befragten Sportler leiden eigenen Angaben unter depressiven Erkrankungen, 11,4 Prozent unter Burn-Out. 9,6 Prozent der Sportler räumten Essstörungen ein. Grund dafür sei vor allem der Erfolgsdruck.

Der Leiter der Studie, Christoph Breuer, fordert weitere Untersuchungen zum deutschen Spitzensport. "Die Ergebnisse schreien danach, dass man sich weiter mit ihnen beschäftigt", sagte der Professor von der Sporthochschule Köln. Vor allem die Ergebnisse im Bereich der Manipulationen hätten auch ihn "überrascht." 

Relativieren müsse man dagegen die Zahlen in Bezug auf psychische Erkrankungen. Davon sei nicht ein Drittel betroffen. "Es ist nicht zulässig, die Zahlen so zusammen zu addieren, weil auch Mehrfachnennungen möglich waren", erklärte Breuer zu Depressionen, Burn-out und Essstörungen. 

Die Sporthilfe hat aufgrund des Leistungsdrucks und der Zukunftsangst der Athleten ihre Förderprinzipien bereits verändert. Für WM- und EM-Medaillen gibt es seitdem keine Sonderprämie mehr. Stattdessen werden mehr Gelder in die Unterstützung einer dualen Karriere gesteckt.

Vielleicht nur die Spitze des Eisbergs

Für die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag, sind die Zahlen ein "Anlass zur Sorge", zumal die Anzahl derer, die die Frage nicht beantwortet haben, erheblich sei. "Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren, es könnte aber bedeuten, dass sich nur wenige wirklich offenbart haben und die Studie nur die Spitze des Eisberges erfasst hat", sagte Freitag.

In den Sportverbänden sorgten die Ergebnisse für hektische Betriebsamkeit, die Funktionäre waren vor allem um Deeskalation bemüht. "Da muss man sich schon die Frage genau anschauen, die lautete: Waren Sie jemals bei Wettkampf- oder Spielabsprachen beteiligt? Diese Frage schließt mit ein, dass der Trainer sagt: Wir werden in diesem Spiel versuchen, nicht zu gewinnen, weil wir dann beim Überkreuzspiel den leichteren Gegner haben", sagte der Vorsitzende der Sporthilfe Michael Ilgner. 

Dass 5,9 Prozent der Athleten angaben, regelmäßig Dopingmittel einzunehmen, verwunderte angesichts des vom Sport stets gerühmten Kontrollsystems ebenfalls. Das sei für "den Anspruch, den wir haben", zu hoch, sagte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes. Er rufe "die Sportler, die mit Ja geantwortet haben, dazu auf: Offenbart euch der NADA oder den Vertrauensleuten und nennt Ross und Reiter!" 

Alarmierend oder nicht aussagekräftig?

Der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, Gerd Heinze, bezeichnete die Zahlen der Untersuchung  zwar als "nicht förderlich für das Image des Sports". Für ihn seien sie aber nicht alarmierend, "weil die Aussagen nicht treffsicher genug sind." 

Der Vorsitzende der Athletenkommission beim DOSB, Christian Breuer, verlangte eine sachliche Einordnung der Ergebnisse. "Wir distanzieren uns entschieden von Behauptungen in den Medien, dass Sportler korrupt seien und massenhaft manipulieren würden. Das geht aus der Studie nicht hervor", sagte der 15-malige deutsche Meister im Eisschnelllauf.