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Das Märchen vom Geheimcode auf Zahnpastatuben

mg
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Bunte Farbquadrate auf der Tube zeigen, wie hoch der Chemieanteil der enthaltenen Zahnpasta ist. So schlicht lautet eine Verschwörungstheorie, die im Internet und den sozialen Medien massenhaft geteilt wird.

Nicht genug, dass mancher glaubt - und es im Netz verbreitet - , dass die Metall- und Phosphorindustrie toxisches Fluorid in Zahnpasta verklappt (zm-online berichtete). Jetzt geistert die etwa zweieinhalb Jahre alte Geschichte eines "geheimen Codes" neuerlich durch Foren, soziale Medien und Internetseiten. Die Entschlüsselung dieses Farbcodes, so die Behauptung, erlaube es Verbrauchern, die Zusammensetzung von Zahnpasta abzulesen.

Der Farbcode reicht laut verschiedener, gleichlautender Meldungen von Grün (zu 100 Prozent aus natürlichen Inhaltsstoffen), über Rot (zu 70 Prozent aus chemisch hergestellten Inhaltsstoffen) und Blau (zu 70 Prozent aus medizinisch hergestellten Inhaltsstoffen) bis Schwarz (zu 100 Prozent aus chemisch hergestellten Inhaltsstoffen)

"Das ist natürlich kompletter Unfug", so lautet das knappe Fazit der Technischen Universität Berlin, die bereits 2013 ausführlich darüber informierte, dass es sich bei den aufgedruckten Markierungen am Tubenfalz um sogenannte Tastmarken handelt, die zur Steuerung der Produktionsmaschinen dienen. Die Begründung erinnert an einen Erklärfilm der Sendung mit der Maus: "Die Befüllungsanlage erkennt mit Hilfe dieser Marke die Orientierung der zunächst noch zylindrischen Tube, um sie auszurichten, damit sie nach dem Befüllen korrekt verschlossen werden kann", heißt es. Die Tuben würden schließlich nicht durch die Öffnung befüllt, durch die Verbraucher den Inhalt später entnehmen. Vielmehr erfolge die Befüllung am entgegengesetzten Ende, das zunächst offen ist und nach dem Befüllen je nach Tubenmaterial gefalzt oder verschweißt wird.

Haltlose Behauptungen schaffen ein lukratives Werbeumfeld 

Außer dieser Tastmarke befindet sich oft auch noch eine Schnittmarke auf dem Tubenfalz. Die Farben beider Markierungen hätten keinerlei Bedeutung, sie sollten lediglich einen guten Kontrast zum Hintergrundfarbton des Tubenmaterials bilden, damit die Maschine die Markierung sicher erkennen kann. Um nicht ein unnötig teures Farbdruckwerk mit noch mehr Farben einsetzen zu müssen, kommen dabei häufig jene Farben zum Einsatz, mit denen die Tube auch auf der Vorderseite bedruckt ist. Ist etwa die ganze Tube nur mit grüner Farbe bedruckt, ist oft auch die Tastmarke grün.

Von dieser Gegendarstellung unberührt scheint die Verbreitung von Verschwörungstheorien Teil ein funktionierenden Geschäftsmodells zu sein. Das Schweizer Betreiberunternehmen einer der Webseiten, auf denen sich die Verschwörungstheorie unter anderem findet, schwärmt von seiner führenden "social content"-Plattform, die spezialisiert sei auf sich viral verbreitende Inhalte und monatlich mehr mehr als 5 Millionen Nutzer vorweisen könne. Dieser publizistische Ansatz erzeugt möglicherweise ein lukratives Werbeumfeld. Immerhin schalten die Südsektion von Deutschlands größtem Discouter, ein Möbel sowie ein Shampoo-Hersteller Werbung neben der Meldung. Letzteres verwundert - auch auf Shampooflaschen finden sich ähnliche - möglicherweise geheime - Markierungen.

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