Medizin

Die Psyche macht schlapp

Zum siebten Mal in Folge sind die krankheitsbedingten Fehltage bei Mitgliedern der Betriebskrankenkassen (BKK) gestiegen. Je nach Bundesland, Region und sogar Stadt fiel der Krankenstand unterschiedlich aus, ergab der BKK-Gesundheitsreport.

Psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Ursache für Fehlzeiten. ra2_studio-Fotolia.com

Der demografische Wandel und der wachsende Druck am Arbeitsmarkt hinterlassen Spuren: Versicherte der Betriebskrankenkassen waren im vergangenen Jahr durchschnittlich 17,6 Tage krankgeschrieben - rund fünf Tage länger als noch in 2006. Ein Viertel aller Krankentage ging auf Muskel-Skeletterkrankungen zurück. 16 Prozent der Beschäftigten fehlten wegen Atemwegserkrankungen, 15 Prozent blieben aufgrund psychischer Störungen der Arbeit fern, erläuterte BKK-Vorstand Franz Knieps bei der Vorstellung des Gesundheitsreports in Berlin. 

Gesünder auf dem Land

Besonders lange fehlten Beschäftige, die unter psychischen Störungen leiden: Mit 38 Tagen lag die Falldauer hier noch höher als bei Neubildungen wie Tumorerkrankungen (35 Tage) und deutlich höher als bei Herzkreislauf- oder Muskel- und Skeletterkrankungen (20 Tage). Seit 1976 - dem Jahr, in dem die BKK erstmals den Gesundheitsreport herausgab - gingen die Fehlzeiten durch psychische Leiden sogar um das Fünffache (110 Prozent) nach oben: von durchschnittlich knapp einem halben Tag je Pflichtmitglied auf 2,6 Fehltage je Pflichtmitglied in 2013. Diagnoseübergreifend sind die Fehltage seit 2006 um 39 Prozent gestiegen.

Die Analyse der insgesamt 9,3 Millionen Versichertendaten zeigte auch, dass ältere Versicherte deutlich länger fehlten als Jüngere. Insbesondere ältere Arbeitslose zwischen 50 und 54 Jahren waren dreimal so lange wegen psychischer Störungen krankgeschrieben.

Mehr Stress im Osten?

Besonderes Augenmerkt legte der diesjährige Report auf die Gesundheit in einzelnen Regionen Deutschlands. BKK-Mitglieder aus Bayern und Baden-Württemberg fehlten mit 16,3 und 15,4 Tagen deutlich weniger als jene aus Brandenburg (21,9 Fehltage) und Sachsen-Anhalt (21,6 Fehltage). Auch auf Ebene der Landkreise ergab sich ein differenziertes Bild: In Ballungszentren Nordrhein-Westfalens beispielsweise waren BKK-Beschäftigte deutlich häufiger krank als in ländlich geprägten Kreisen des Bundeslandes. 

Die Spannbreite bewegt sich zwischen 15,5 Fehltagen in ländlichen und 24,2 Fehltagen in städtischen Regionen NRWs. Ähnliche Gefälle ergab der Bericht auch für Gegenden in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Interessant auch: In Hamburg fehlten auffallend viele Pflichtmitglieder aufgrund psychischer Störungen (2,9 AU-Tage), während der Stadtstaat bei den übrigen Diagnosen deutlich unterhalb des Bundesdurchschnitts liegt.

Unfit ohne Job

Ob die Krankheitslast insgesamt in Relation zu der Arztdichte und dem Verhalten einzelner Ärzte in bestimmten Gegenden gesetzt werden kann, will der BKK-Dachverband in künftigen Berichten genauer analysieren, kündigte Knieps an. Deutlich sei schon jetzt, dass sozioökonomische Faktoren wie beispielsweise Arbeitslosenquoten oder regionalspezifisches Gesundheitsverhalten von Patienten Gründe für die unterschiedlichen Fehlzeiten in Regionen Deutschlands sein könnten. 

Prof. Holger Pfaff, Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft an der Universität zu Köln, hält verschiedene Formen des Versorgungsmanagements für notwendig, um der Entwicklung entgegenzuwirken. Zunächst müsse präventiv gegen die Zunahme chronischer Erkrankungen angegangen werden, so der Mitherausgeber des parallel zum BKK-Bericht erschienenen Buches „Gesundheit in Regionen“.

Negativspiralen durchbrechen

Beispielsweise könnten Frühwarnsysteme zur Erkennung psychischer Erkrankungen in Betrieben etabliert oder Negativspiralen durch psychotherapeutische Sprechstunden im Betrieb unterbunden werden, sagte Pfaff. Auch neue Präventionspfade könnten helfen, so ein Zusammenarbeiten von Betriebsarzt und Hausarzt des Versicherten. 

Für wichtig hält der Medizinsoziologe auch, dass sich Ärzte und Patienten stärker an evidenzbasierte Leitlinien halten. Nicht zuletzt könnten die Regionen, in denen Versicherte deutliche gesünder sind und weniger fehlen, Vorbild für „schwächere“ Regionen sein und in Workshops ihre Stärken vermitteln.

Martina Merten
Fachjournalistin für Gesundheitspolitik