Nachricht

NS-Zeit: "Zahnärzte haben ihren Auftrag missachtet!"

Zwangsarbeit bei Zahnärzten, Entnazifizierung der universitären Zahnmedizin, Gleichschaltung der Verbände, rassenhygienische Ausmerze der Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten: In Aachen trafen sich Zahnärzte, Wissenschaftler und Standespolitiker, um über die "Zahnheilkunde und Zahnärzteschaft im Nationalsozialismus“ zu diskutieren.

Unter der Leitung von Prof. Dominik Groß, Dr. Jens Westemeier und Dr. Mathias Schmidt diskutierten die Teilnehmer der Tagung "Zahnheilkunde und Zahnärzteschaft im Nationalsozialismus" vom 8. bis 9. Juni im Spiegelsaal der Uniklinik RWTH Aachen. RWTH Aachen

Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK): "Aufarbeitung ist ein klares Zeichen, dass der Berufsstand nicht nur fachliche Aufgaben, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt." RWTH Aachen
"Solche Untaten schmerzen mich als Angehöriger der zahnärztlichen Profession auch heute noch. Sie erfüllen mich mit Scham und machen betroffen“, sagte der stellvertretende KZV-Vorsitzende Martin Hendges. RWTH Aachen
DGZMK-Vizepräsident Prof. Roland Frankenberger: "Die DGZMK hat ein großes Interesse an den Resultaten dieser Forschungsarbeiten." RWTH Aachen

Aufarbeitung: "Der Berufsstand übernimmt Verantwortung!"

Dr. Peter Engel vertrat als Präsident der Bundeszahnärztekammer die deutsche zahnärztliche Standespolitik: „Es gibt die Sorge mancher Berufsvertreter, dass Image und Ansehen des zahnärztlichen Berufsstands durch die Erkenntnisse leiden könnten“, erklärte er in Aachen. „Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass das Gegenteil zutreffen wird: Aufarbeitung ist ein klares Zeichen, dass der Berufsstand nicht nur fachliche Aufgaben, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt“, ergänzte der BZÄK-Präsident in seiner Rede. Dazu gehöre auch der Herbert-Lewin-Preis, der wissenschaftliche Arbeiten zur Aufarbeitung der Rolle der Ärzte im Nationalsozialismus prämiert. Die sechste Ausschreibung wird aktuell von der Bundeszahnärztekammer verantwortet.

"Zahnärzte haben damals ihren Auftrag vielfach missachtet oder vorauseilend im Sinne der NS-Ideologie interpretiert"

„Zahnärzte und ihre berufsständischen Vertreter haben damals ihren eigentlichen Auftrag, ihre Patienten zu behandeln und nach bestem Wissen und Gewissen zu heilen, vielfach missachtet oder vorauseilend im Sinne der NS-Ideologie interpretiert“, stellte Martin Hendges, stellvertretender Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, in seinem Grußwort klar: „Wir wissen, dass Zahnärzte in Konzetrationslagern für den schändlichen Zahngold-Raub zuständig waren. Furchtbare Bedeutung erlangten Zahnärzte und Kieferchirurgen auch durch pseudowissenschaftliche Interpretationen von Missbildungen von Mund, Kiefer und Gesicht. Solche Untaten schmerzen mich als Angehöriger der zahnärztlichen Profession auch heute noch. Sie erfüllen mich mit Scham und machen betroffen.“

Daraus erwachse eine Verantwortung, betonte Hendges. Es sei nicht nur von großer Bedeutung, sondern schon lange überfällig, sich als Berufsstand einer unabhängigen, wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Zeit zu stellen und die Geschehnisse dieser Jahre der unwürdigen Fehlsteuerung historisch fundiert zu dokumentieren. "Nur ein Berufsstand, der sich seiner Vergangenheit stellt, kann auch zuversichtlich in die Zukunft schauen“, verdeutlichte  Hendges abschließend.

DGZMK hat Hermann-Euler-Medaille abgeschafft

Prof. Roland Frankenberger, Vizepräsident und Präsident elect der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), erklärte in einem Statement: „Die DGZMK unterstützt diesen Forschungsansatz auch deshalb nachdrücklich, weil sie selbst zum Beispiel bis 2006 die Hermann-Euler-Medaille verliehen hat. Erst nach 2006 wurde aber bekannt, dass Euler eine maßgebliche Rolle im Nationalsozialismus zufiel. Nicht zuletzt deswegen hat auch die DGZMK ein großes Interesse an den Resultaten dieser Forschungsarbeiten.“

Anschließend führte Dominik Groß in die Fragen und Problemstellungen des laufenden Projektes ein. Er stellte initial heraus, dass die explizite Bereitschaft zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sowohl als gesellschaftliches Desiderat als auch als ein Merkmal von Professionalität und Qualitätssicherung zu werten sei. Mit der zahnärztlichen Wissenschafts- und Berufspolitik, der zahnärztliche Lehre an den Universitäten im „Dritten Reich“ sowie im Nachkriegsdeutschland benannte er die zentralen Forschungsthemen des Projekts. Auch die Rolle von Zahnärzten in Parteiorganisationen wie der SS gelte es näher zu beleuchten.

Insgesamt seien sowohl die Biografien führender Fachvertreter als auch die fachlichen Entwicklungen und Veränderungen dieser Zeit zu untersuchen. Neben der Täterforschung werde ein Schlaglicht auf Zahnärzte als Opfer der NS-Verfolgungs- und Ausgrenzungspolitik gelegt. Gleiches gelte für Zahnärzte, die sich im politischen Widerstand engagierten. Hier interessiere, welche Handlungsspielräume bestanden und wie diese von Zahnärzten genutzt wurden.

Im zweiten Teil seines Vortrages verwies Groß auf die Grenzen der gängigen Schwarz-Weiß-Einteilung in Täter und Opfer. In manchen Fällen gelinge eine solche Klassifizierung. Als Beispiel nannte er den „Täter“ Karl Pieper und das „Opfer“ Alfred Kantorowicz. Bei vielen Zahnärzten greife eine solche Zuordnung jedoch zu kurz, wie er am Beispiel der Hochschullehrer Gustav Korkhaus und Wolfgang Rosenthal zeigte. Viele Biografien seien komplex und widersprüchlich. Dies entspreche der allgemeinen Lesart von Geschichte, wie sie der Historiker Thomas Nipperdey (1927-1992) skizziert habe: „Die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen.“

16727691669955166995116699521669445 1669446 1669953
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare




Weitere Bilder
Bilder schließen