Der besondere Fall aus der MKG-Chirurgie

Eagle-Syndrom: ausstrahlende Schmerzsymptomatik in Oberkiefer und Kiefergelenk

Eine 53-jährige Patientin stellt sich mit diffus ausstrahlender Schmerzsymptomatik und deutlichem Palpationsschmerz in der Fossa retromandibularis vor - eine odontogene Ursache kann ausgeschlossen werden. Das OPG zeigt jedoch einen signifikant verlängerten Processus styloideus.

Abbildung 1: OPG mit Darstellung des signifikant verlängerten Processus styloideus. Heim et al.

Das Eagle-Syndrom ist eine insgesamt seltene Ursache für eine Reihe uneinheitlicher uni- oder bilateraler Schmerzsymptomatiken im Bereich des Oropharynx, Gesichts, Rachens, Hals und/oder Kiefergelenks. Verursacht wird die Symptomatik durch einen elongierten Processus styloideus (PS) (>30mm) oder ein kalzifiziertes Ligamentum stylohyoideum [Beder et al., 2005].

Der Fall

Eine 53-jährige Frau stellte sich mit seit etwa zwei Wochen bestehender, progredienter, diffuser Beschwerdesymptomatik im Bereich des rechten distalen Oberkiefers und des rechten Kiefergelenks vor. Bei initialer zahnärztlicher Untersuchung konnte eine odontogene Ursache der Beschwerden ausgeschlossen werden.

Befund und Diagnose

Durch unsere klinische Untersuchung konnten eine myogene sowie arthrogene Genese ausgeschlossen werden, es zeigte sich jedoch ein deutlicher Palpationsschmerz in der Fossa retromandibularis.

Das Orthopantomogramm zeigte einen signifikant vergrößerten Processus styloideus (47 x 11 mm) mit zusätzlich kompletter Verknöcherung des Ligamentum stylohyoideum rechtsseitig (Abbildung 1). Die Kiefergelenkfunktionsaufnahme (TM1) erbrachte den gleichen Befund (Abbildung 2).

Abbildung 2: Kiefergelenkfunktionsaufnahme (TM1) mit elongiertem Processus styloideus. | Heim et al.

Zur näheren Evaluation erfolgte eine Dünnschicht-CT, die den ausgeprägten Befund bestätigte (Abbildung 3). Auf Basis der klinischen und radiologischen Befunde wurde die Diagnose eines Eagle-Syndroms gestellt.

Abbildung 3: CT-Scan des Processus styloideus in 3-D-Rekonstruktion. | Heim et al.

Es folgte die vollständige Resektion des Processus styloideus und großen Teilen des Ligamentum stylohyoideum über einen zervikalen Zugang in Allgemeinnarkose (Abbildungen 4 und 5). In den postoperativen Kontrollen (aktuell 5,5 Jahre post-OP) zeigte sich die Patientin vollkommen beschwerdefrei.

Abbildung 4: Operationssitus des zervikalen Zugangs. | Heim et al.

Diskussion

Das Eagle-Syndrom wurde erstmalig durch den gleichnamigen HNO-Arzt W. W. Eagle im Jahre 1937 erwähnt [Eagle, 1958]. Er beschrieb das Syndrom als Symptomenkomplex verschiedener diffuser Schmerzen im Kopf- und Halsbereich. Als Grund für die Schmerzen kommt entweder ein verlängerter Processus styloideus und/oder ein kalzifiziertes Ligamentum stylohyoideum infrage. Aufgrund des breit gefächerten Beschwerdebildes konsultieren eine Vielzahl der Patienten vor der Diagnose eines Eagle-Syndroms bereits multiple andere Fachabteilungen (HNO, Neurologie, Zahnarzt, Psychiater). Die daraus resultierende zeitliche Verzögerung der Diagnosefindung führt mitunter zu hohem Leidensdruck.

Abbildung 5: Resektat | Heim et al.

Die Prävalenz eines verlängerten Processus styloideus ist mit vier Prozent  der mitteleuropäischen Bevölkerung gering und die Inzidenz eines Eagle-Syndroms erscheint mit etwa 0,16 Prozent ebenfalls sehr selten [Prasad et al., 2002]. Verglichen mit den operativ versorgten Fällen zeigt sich allerdings eine nicht unerhebliche Grauziffer an nicht diagnostizierten Fällen.

Ätiologisch für das Eagle-Syndrom werden verschiedene Theorien in der Literatur angeführt. Zwei der meist genannten sind eine reaktive Metaplasie und Hyperplasie nach stattgehabtem Trauma und/oder operativer Intervention im anatomischen Gebiet, beispielsweise einer Tonsillektomie [Slavin, 2002].

Bei therapieresistenten oropharyngealen Beschwerden oder diffusen Schmerzen im Bereich des Kiefergelenks oder des Ober- und Unterkiefers ohne Hinweis auf odontogene Ursachen oder anderer häufiger Entitäten sollte ein Eagle-Syndrom mittels Röntgen- und CT-Diagnostik ausgeschlossen werden [Chrcanovic et al., 2009].

Fazit für die Praxis

  • Bei diffusen, ausstrahlenden Schmerzsensationen im Bereich des Gesichts, der Kiefer, sowie Schluckbeschwerden und Schmerzen beim Drehen des Kopfs sollte eine Abklärung und gegebenenfalls eine Überweisung zum MKG-Chirurgen erfolgen.
  • Ein OPG und eine Kiefergelenkfunktionsaufnahme können radiologische Hinweise zum Ausschluss der Diagnose geben. Besser eignet sich ein CT-Scan.
  • Bei gesicherter Diagnose eines Eagle-Syndroms ist die Resektion in Allgemeinanästhesie durch einen MKG-Chirurgen angezeigt.

Für Fälle, die sich auf konservative Therapie (Physiotherapie, Neuroleptika und Analgetika) refraktär zeigen, stellt die operative Behandlung die Therapie der Wahl dar [Mortellaro et al., 2002]. Neben der Möglichkeit den Processus styloideus transoral zu resezieren, stellt der extraorale, zervikale Zugang eine sichere und übersichtliche Möglichkeit mit sehr gutem Outcome für die Patienten dar [Heim et al., 2017].

Dr. Nils Heim
Dr. Dr. Valentin Wiedemeyer
Dr. Dr. Markus Martini
Abteilung für Mund-, Kiefer- und
Plastische Gesichtschirurgie des Uniklinikum Bonn
Sigmund-Freud-Str. 25, 53127 Bonn
Nils.heim@ukbonn.de

Valentin.wiedemeyer@ukbonn.de

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