Medizin

Riesending-Höhle: Rettung ist ein kleines Wunder

Das Unglück passierte in 1.000 Meter Tiefe: Forscher Johann Westhauser kam erst elf Tage nach seinem Sturz in der Riesending-Höhle in eine Klinik. Seine Rettung gilt als kleines Wunder - auch aus medizinischer Sicht.

Der Screenshot aus einem Video der Bergwacht Bayern vom 19. Juni 2014 zeigt das Bergungsteam für den verletzten Höhlenforscher Johann Westhauser, der auf eine Trage fixiert durch die Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden transportiert wird. BRK/Bergwacht Bayern/dpa

Nach dem Unfall in der Riesending-Höhle im Juni hatte ein Arzt den 54-Jährigen erst nach knapp vier Tagen erreicht. Erst nach elf Tagen kam er in die Klinik. Normalerweise hätte der Patient sofort auf eine Intensivstation gemusst. Dennoch hat Westhauser keine bleibenden Schäden davongetragen - schon nach zwei Monaten kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück.

Verzögerte Rettung wirkte sich positiv aus

Gerade die Verzögerung bei der Rettung könnte in diesem Einzelfall zuträglich gewesen sein. "Es gibt die Vermutung, dass es für ihn in dieser ganz speziellen Situation positiv war, dass er nicht transportiert worden ist, sondern gelegen hat", sagt der Ärztliche Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau, Volker Bühren, wo Westhauser nach seiner Rettung behandelt wurde. 

Westhausers Transport begann erst fünf Tage nach dem Unfall. "Glücklicherweise traf dieser Zeitpunkt mit dem optimalen Transportstart aus medizinischer Sicht zusammen, denn der Patient hatte sich deutlich stabilisiert", schrieb der Höhlennotarzt Thomas-Michael Schneider im Bayerischen Ärzteblatt, das dem Fall im Oktober mehrere Seiten widmete. 

Patient erholte sich während des Transports

Jede Erschütterung und jede Bewegung kann bei einer Gehirnblutung die Lage verschlechtern. Als erstaunlich werten Ärzte deshalb auch, wie Westhauser den folgenden sechstägigen Transport über 1.000 Höhenmeter überstand. Er wurde teils senkrecht, teils waagrecht oder gar kopfüber getragen.

"Der Patient erholte sich während des Transportes und erreichte die Oberfläche in einem besseren Zustand als er den Unfallort verlassen hatte", sagt der am Einsatz beteiligte Neurochirurg Michael Petermeyer. Er glaubt zudem, dass gerade der Flüssigkeitsverlust mangels Infusionen an den ersten Tagen die Hirnschwellung eindämmte. "Wir gehen davon aus, dass die negative Flüssigkeitsbilanz einen günstigen Einfluss hatte." 

In den ersten drei bis vier Tagen ist die Gefahr der Gehirnschwellung am größten. In welche Richtung es dann ohne intensivmedizinische Behandlung weitergeht, ist kaum vorhersagbar. Im besseren Fall geht die Schwellung zurück und die Blutung stoppt durch die Gerinnung. "Bei diesen Schädel-Hirn-Traumata gibt es immer Fälle, die deutlich besser ausgehen als man denkt - und Fälle, die schlechter ausgehen. Tatsache ist, dass über lange Zeit keine klassische Therapie möglich war. Dafür hat er sich extrem gut erholt", sagt Bühren. 

Vollständige Gesundung ganz ohne Therapie

Die Ärzte beeindruckt auch, wie Westhauser den Unfall psychisch weggesteckt hat. Gerade in einem solchen Fall wäre eine posttraumatische Belastungsstörung mit schweren Beeinträchtigungen wie Ängsten eine wahrscheinliche Folge gewesen, meint Bühren. "Er ist ein extrem stabiler Mensch, der sich dieses Risiko, was da unten passieren kann, genau vergegenwärtigt hatte."