Deutscher Ärztetag 2018

Ärzte lockern Fernbehandlungsverbot

Auf dem Deutschen Ärztetag in Erfurt haben die Mediziner mit überwältigender Mehrheit für eine Änderung der Musterberufsordnung und damit für eine Liberalisierung der Fernbehandlung gestimmt. Weitere Forderungen: eine bundeseinheitliche Prüfung für Ärzte aus Drittstaaten und die Verbesserung der Versorgung psychisch Kranker.

In der Frage der Fernbehandlung wollen die deutschen Ärzte beim "Goldstandard" - also beim persönlichen Kontakt von Behandler und Behandeltem - bleiben. Doch öffneten sich die Delegierten den Anforderungen einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft. Die 250 Delegierten beschlossen mit "überwältigender Mehrheit" eine Neufassung des § 7 Absatz 4 der MBO, wie es der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Frank Ulrich Montgomery, formulierte.

Das persönliche Gespräch bleibt Goldstandard

Damit ebnete das Parlament der deutschen Ärzteschaft den berufsrechtlichen Weg für die ausschließliche Fernbehandlung von Patienten. Auf diese Weise greift man Forderungen des vorherigen Ärztetages auf, einerseits Behandlung und Beratung "aus der Ferne" unter bestimmten Anforderungen zu ermöglichen und andererseits den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt weiterhin in den Vordergrund zu stellen.

"Wir wollen und müssen diesen Prozess gestalten und dieses Feld mit unserer ärztlichen Kompetenz besetzen", bekräftigte Dr. Josef Mischo, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und Vorsitzender von deren Berufsordnungsgremien, in Erfurt. Mischo zufolge sollten digitale Techniken die ärztliche Tätigkeit unterstützen. In der Pressekonferenz dazu begründete Montgomery die insgesamt lange Wartezeit auf die Entscheidung wie folgt: "Deutschland hängt mit der Breitbandverkabelung hinterher. Wir versuchen aber, die vergangene Zeit wieder aufzuholen."

Kommunikationsmedien will man "unterstützend einsetzen"

Dem Beschluss zufolge dürfen Ärzte "Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen". Und weiter: "Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und die Patientin oder der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird."

Kommunikationsmedien sind demzufolge "alle Kommunikationsmittel, die zur ärztlichen Beratung und Behandlung eingesetzt werden können, ohne dass die Ärztin oder der Arzt und die Patientin oder der Patient gleichzeitig körperlich anwesend sind, wie zum Beispiel Telefonanrufe, E-Mails, Videotelefonie, über den Mobilfunkdienst versandte Nachrichten, Briefe sowie Rundfunk und Telemedien (in Anlehnung an die Definition in § 312c Abs. 2 BGB). Es sind daneben stets die datenschutzrechtlichen Bestimmungen zu beachten."

Auf den Datenschutz angesprochen erwiderte Montgomery, dass die Ärzteschaft die Grundsätze zu beachten habe, man aber dafür die Berufsordnung nicht anpassen müsse.

Rezept nach wie vor nur nach persönlichem Kontakt

Die Ausstellung von "ärztlichen Verordnungen für Medikamente, Physiotherapien, Soziotherapien et al. und die Ausstellung von Überweisungen" sowie von AU-Bescheinigungen lehnt die Ärzteschaft nach wie vor ab, sofern es im Rahmen einer ausschließlichen Fernbehandlung zu keinem persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt kommt. "Behandlungsqualität und Rechtssicherheit müssen gewahrt bleiben."

Erste Reaktionen auf die Änderung des "Fernbehandlungsverbots" auf Twitter

Die Pressereferentin der IKK classic im Gastgeberland Thüringen zeigte sich erleichtert: Endlich seien auch digitale Behandlungsalternativen möglich https://twitter.com/IKKcl_Presse_TH/status/994593605498167296. Eine andere Krankenkasse, die Schwenniger, forderte gleich gar "Der #Gesetzgeber muss nun auch das #Fernverschreibungsverbot abschaffen!" https://twitter.com/DieSchwenninger/status/994522307233222656. Eine private Krankenversicherung verband die Eigenwerbung, sich mit dem Thema gut auszukennen, mit der Aufforderung "durchzurufen" https://twitter.com/ottonova_ag/status/994482913583489025. Die Gesundheitssparte des Digitalverbands Bitkom freute sich über den "wichtigen Schritt für mehr #Digitalisierung und #telemedizin" https://twitter.com/Bitkom_Health/status/994478010827968512. Auch die "erste deutsche Online-Arztpraxis" Dr. Ed freute sich, und zwar darüber, dass "endlich der Weg für mehr Telemedizin in Deutschland" frei sei https://twitter.com/DrEd_DE/status/994499473853370368. Eine Redakteurin der Süddeutschen Zeitung twitterte: "Jens Spahn simst Glückwünsche") https://twitter.com/MichaelaSchwinn/status/994480979648696320. O-Ton Montgomery: "Ich hatte drei Minuten nach der Entscheidung einen Glückwunsch auf dem Handy." Jens Spahn meldete sich auch auf Twitter zu Wort: "Eine gute Entscheidung! Patienten werden unnötige Wege und Wartezeiten erspart. Und Ärzte können die digitale Welt aktiv gestalten anstatt dass es andere tun." https://twitter.com/jensspahn/status/994479107743371264. Darauf mahnte post- bzw. twitterwendend der Hausärzteverband des Oberbergischen Kreises/NRW: "Alle Lösungen müssen in eine sinnvolle Versorgung passen und dürfen keine Fremdinteressen bedienen: administrative Bedürfnisse von Krankenkassen oder Verkaufsinteressen der IT-Branche !Kritische Prüfungen auf Tauglichkeit sind angesagt!" (Interpunktion im Original) https://twitter.com/Hausrzteverban1/status/994500550950555648.

Jetzt müssen die Landesärztekammern und Bundesärztekammer ihre MBO ändern, außerdem die Landesgesundheitministerien diesem Beschluss zustimmen. Ärztepräsident Montgomery schätzt, dass alleine bis zu zwei Jahre vergehen können, bis alle 17 Landesärztekammern ihre Berufsordnungen angepasst haben.

Beschlossen wurde auch, dass Versicherte nicht bevorzugt oder benachteiligt werden dürften, weil sie einer "telemedizinischen Versorgung, insbesondere einer ausschließlichen Fernbehandlung", zustimmten oder diese verweigern.

Delegierte fordern: einheitliche Prüfung für Kollegen aus Drittstaaten

Nach intensiver Diskussion votierten die Delegierten dafür, dass ihre ausländischen Kollegen aus Drittstaaten künftig ihren Kenntnisstand durch eine bundeseinheitliche Prüfung nachweisen, ähnlich dem deutschen Staatsexamen. Zuständig für die Umsetzung ist der Bundesgesetzgeber.

Tags zuvor hatte sich der Ärztetag ausführlich mit psychischen Erkrankungen befasst. In ihrem Referat verwies Dr. Iris Hauth, Ärztliche Direktorin der Alexianer Klinik in Berlin-Weißensee, auf die große Zahl der Betroffenen: Allein in Deutschland seien es 17,8 Millionen Menschen - 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung.

Ein Drittel aller Patienten mit schwerer Depression wird hausärztlich versorgt

Ihrer Einschätzung zufolge habe die Prävalenz psychischer Erkrankungen aber nicht zugenommen. Derzeit stünden psychische Erkrankungen an zweiter Stelle als Ursache für Arbeitsunfähigkeit, nämlich bei 17 Prozent. Bei Erwerbsminderungsrenten liegen sie mit 43 Prozent sogar auf Platz eins.

Hauth verwies auf Zahlen des Statistischen Bundesamts, wonach psychische Erkrankungen direkte Kosten von 44,4 Milliarden Euro verursachen. Um diese Zahl einzuordnen: Herz-Kreislauf-Krankheiten liegen mit 46,4 Milliarden Euro an erster Stelle.

Insgesamt ein Drittel aller Patienten mit schwerer Depression werde allein hausärztlich versorgt, ein Fünftel mit leichter beziehungsweise unspezifischer Depression nur fachärztlich, wie Prof. Jochen Gensichen hervorhob. Sein Fazit: Die Hausarztpraxis sei ein "zuverlässiger Ort für die Langzeitversorgung von Patienten mit Mehrfacherkrankungen", insbesondere auch mit psychischer Komorbidität.

30,5 Millionen Krankschreibungen

Prof. Stephan Zipfel von der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen zeigte in seinem Vortrag den Anstieg der Krankschreibungen aufgrund psychischer und psychosomatischer Erkrankungen: 2012 waren es noch 19,9 Millionen, 2016 schon 30,5 Millionen wegen "Überlastung und Erschöpfung".

Der Ärztetag reagierte auf diese Fakten mit gezielten Entschließungen: Sowohl der Gesetzgeber als auch die Institutionen der Selbstverwaltung werden dazu aufgerufen, sich stärker für die besonderen Bedürfnissevon Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen einzusetzen und die sektorenübergreifende Zusammenarbeit als Schwerpunkt gesundheitspolitischer Maßnahmen zu verbessern.

Zudem lehnten die Delegierten eine "gesonderte Speicherung der Daten psychisch Kranker entschieden" ab. Zitat aus dem Dokument: "Die deutsche Ärzteschaft fordert die Bundesregierung sowie die Landesregierungen auf, entsprechende Gesetzesvorhaben zu stoppen oder bereits getätigte Vorlagen zurückzunehmen."

2019 findet der Deutsche Ärztetag in Münster statt, 2020 in Mainz.

11314701122025112202611220271121072 1131471 1122030
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare