BARMER-Arzneimittelreport

Große Informationslücken bei Polypharmazie-Patienten

Bei der Aufnahme ins Krankenhaus sind Polypharmazie-Patienten besonders gefährdet – durch lückenhafte Information der Behandelnden zur medizinischen Vorgeschichte. Ein neues Pilotprojekt der BARMER soll Abhilfe schaffen.

Die Wichtigkeit des Projekts leitet die BARMER aus ihrem Arzneimittelreport 2020 ab. Dieser belege, dass es immer noch gravierende Informationslücken zwischen den Behandlungsbereichen ambulant und stationär gibt. Ein Problem, da fast jeder zweite der stationär behandelte Versicherte laut Report bei Aufnahme bereits mit fünf oder mehr Arzneimitteln behandelt wird. AdobeStock_pikselstock

Die BARMER hat mit zahlreichen Partnern das Projekt TOP ins Leben gerufen. Das vom Innovationsfonds geförderte Projekt soll im Oktober starten. TOP steht für „Transsektorale Optimierung der Patientensicherheit“ und soll an den Schnittstellen der Versorgungssektoren ansetzen. Der Vorstandsvorsitzende der BARMER, Prof. Dr. Christoph Straub, stellte das Projekt heute anlässlich einer Pressekonferenz zur Veröffentlichung des BARMER-Arzneimittelreports 2020 vor.

Medikationsplan über eine App abrufbar

Das Projekt nutzt Abrechnungsdaten der Krankenkasse, um mit Einverständnis des Versicherten Ärzte über Vorerkrankungen, verordnete Medikamente und deren Behandlung zu informieren. Nur die Krankenkasse habe so umfassende Informationen, erklärte Straub. Die Patientinnen und Patienten entschieden dabei über die Nutzung ihrer Daten und könnten auch ihren Medikationsplan über eine App jederzeit eigenständig abrufen. „Dazu gehören auch Hinweise zu möglichen Wechsel- und Nebenwirkungen“, so Straub weiter.

Eine bessere Aufklärung über Erkrankung und Therapie, elektronische Kommunikation mit dem Arzt und sichere Verfügbarkeit eines vollständigen und aktuellen Medikationsplans könnten so umgesetzt werden. Straub: „TOP zielt darauf, die seit Jahrzehnten beklagten Informationsbrüche bei der Krankenhausbehandlung zu beheben. Das Projekt sollte für die Versorgung aller Patientinnen und Patienten in Zukunft Standard sein und bald in die Regelversorgung überführt werden.“

Standards der gematik sind berücksichtigt

TOP läuft über vier Jahre und soll die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker unterstützen. An dem Projekt nehmen 15 Kliniken teil, darunter mehrere Universitätskliniken, KVen, Apothekerkammern und der Apothekerverband, der Verband Deutscher Krankenhausapotheker und wissenschaftliche Fachgesellschaften. Laut Auskunft der BARMER soll TOP in die geplante elektronische Patientenakte (ePA) der Telematikinfrastruktur integriert werden. Die Standards der gematik seien berücksichtigt.

Ursache der Informationsdefizite sei weniger der einzelne Arzt, als vielmehr der unzureichend organisierte und nicht adäquat digital unterstützte Prozess einer sektorenübergreifenden Behandlung, sagte der BARMER-Chef. Entscheidend sei, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, um der Ärzteschaft die Arbeit zu erleichtern und Risiken für Patienten zu minimieren.

Gravierende Informationslücken bei der Krankenhausaufnahme

Die Wichtigkeit des Projektes TOP leitet die BARMER aus dem neuen Arzneimittelreport 2020 ab. Dieser belegt, dass es in Jahrzehnten nicht gelungen ist, die immer noch vorhandenen gravierende Informationslücken zwischen den Behandlungsbereichen ambulant und stationär zu beseitigen. Besonders gefährdet sind demnach Polypharmazie-Patienten: Fast jeder zweite der stationär behandelten Versicherten wird laut Arzneimittelreport vor der Krankenhausaufnahme bereits mit fünf oder mehr Arzneimitteln behandelt. Den Informationsaustausch zur Medikation erschwert, dass 62 Prozent der Patienten vor der Krankenhausaufnahme bei mindestens drei Ärzten in ambulanter Behandlung waren, jeder Vierte sogar bei fünf oder mehr Ärzten.

Medikationsplan war unvollständig

Allein im Jahr 2017 waren dem Report zufolge bundesweit hochgerechnet 2,8 Millionen Menschen am Tag ihrer Krankenhausaufnahme Polypharmazie-Patienten. Straub dazu: „Eigentlich liegt gerade im Hinblick auf diese Gruppe mit dem bundeseinheitlichen Medikationsplan schon länger ein Instrument vor, das für einen strukturierten Informationsfluss zwischen dem ambulanten und stationären Sektor sorgen könnte.“ Straub verwies auf eine Umfrage der BARMER unter rund 2.900 Versicherten mit Polypharmazie über 65 Jahren und stationärer Krankenhausbehandlung.

Diese habe gezeigt, dass nur 29 Prozent bei der Klinikaufnahme über den bundeseinheitlichen Medikationsplan verfügten. 17 Prozent hatten gar keinen vom Arzt erstellten Medikationsplan. Zudem war der Medikationsplan bei knapp jedem dritten Patienten, der durch mehrere Ärzte behandelt wurde, unvollständig. Straub: „Obwohl seit Oktober 2016 jeder gesetzlich Versicherte, der drei oder mehr Medikamente regelmäßig einnimmt, ein Anrecht auf einen Medikationsplan hat, bestehen bei der Krankenhausaufnahme also weiterhin gefährliche Informationsbrüche! Das ist absolut unverständlich.“

Arzneimitteltherapie vom Arzt nicht erklärt

Wie aus dem BARMER-Report weiter hervorgeht, fließen die Informationen zur Arzneimitteltherapie auch während des Klinikaufenthalts nur bruchstückhaft. So gaben mehr als 30 Prozent der von der BARMER Befragten an, dass ihnen die Arzneitherapie vom Arzt nicht erklärt worden sei. Jeder dritte Patient mit geänderter Therapie habe zudem vom Krankenhaus keinen aktualisierten Medikationsplan erhalten. „Eine Arzneitherapie kann nur erfolgreich sein, wenn der Patient sie versteht und mitträgt“ sagte der Autor des Arzneimittelreports, Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, bei der Vorstellung des Reports.

Zudem würden die Medikationsrisiken im Krankenhaus Grandt zufolge nicht erkennbar geringer. Laut Arzneimittelreport sei die Anzahl der Patienten, die eine nicht altersgerechte Arzneimitteltherapie erhalten, nach der stationären Behandlung höher als zuvor. Weiter habe jeder zehnte Patient nach dem Krankenhausaufenthalt Arzneimittel von einem Arzt verordnet bekommen, bei dem er im halben Jahr zuvor nicht in Behandlung war.

Ärzte mit Weitergabe von Informationen aus dem Krankenhaus unzufrieden

Den Reportergebnissen zufolge stockt zudem die Weitergabe von behandlungsrelevanten Daten aus dem stationären in den ambulanten Sektor. Indizien dafür liefert eine Umfrage für den Arzneimittelreport unter 150 Hausärzten. Demnach waren 40 Prozent der befragten Allgemeinmediziner mit den Informationen durch das Krankenhaus unzufrieden oder sehr unzufrieden. So seien nur bei jedem dritten betroffenen Patienten Therapieänderungen begründet worden.

Wie die Routinedatenanalyse zeigt, hatten 41 Prozent der Versicherten, also fast 484.000 Personen, nach Entlassung mindestens ein neues Arzneimittel bekommen. Grandt dazu: „Umfassende Informationen von der Klinik zum weiterbehandelnden Arzt sind unerlässlich. Dies gilt umso mehr, da stationär behandelte Patienten zunehmend älter sowie mehrfach erkrankt sind und polypharmazeutisch behandelt werden. Von einer modernen sektorenübergreifenden Versorgung ist unser Gesundheitswesen meilenweit entfernt.“

Bundeseinheitlicher Medikationsplan

Die Einführung eines bundeseinheitlichen Medikationsplans (BMP), der auch elektronisch aktualisiert und ausgelesen werden kann, war eine wesentliche Maßnahme im zweiten Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) 2010 bis 2012 des Bundesgesundheitsministeriums zur Verbesserung der Information von Patienten über die Therapie.

Seit Oktober 2016 hat jeder gesetzlich Versicherte, der drei oder mehr Medikamente regelmäßig einnimmt, ein Anrecht auf einen Medikationsplan gemäß § 31a SGB V. Der BARMER-Arzneimittelreports 2020 ergab, dass noch nicht einmal jeder dritte Patient mit Polypharmazie über einen bundeseinheitlichen Medikationsplan verfügt. Wenn dieser vorliegt, fehlen zudem häufig die Verordnungen mitbehandelnder Ärzte. Der BMP wiege Ärzte dann in trügerischer Sicherheit, über die Therapie genügend informiert zu sein, heißt es in dem Report.

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