Zum 70. Geburtstag von Dr. Jürgen Fedderwitz

„Herr Blüm, nun lassen Sie mal die Kirche im Dorf!“

Mehrkostenregelung bei Füllungen, das Festzuschusssystem und sperrige Themen wie Qualitätssicherung – dafür machte sich der langjährige Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), Dr. Jürgen Fedderwitz, stark. Heute wird er 70 Jahre alt.

„Ich wollte einen Beruf ergreifen, der mir ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit und freie Entscheidungen mit wenig Abhängigkeit ermöglicht“, erzählt er rückblickend im Gespräch mit den zm. Ein wichtiger Grund, weshalb Fedderwitz, der bei seiner Berufswahl zunächst mit dem Journalismus geliebäugelt hatte, den Beruf des Zahnarztes wählte. Der Kontakt mit Menschen und die Freiheit zu fachlich ausgerichteten Therapieentscheidungen – das waren für ihn die ausschlaggebenden Faktoren.

Fedderwitz, 1950 in Bremen geboren, zog es zum Zahnmedizinstudium von 1969 bis 1974 nach Mainz. Nach Assistenzzeit und Promotion gründete er 1980 in Wiesbaden seine eigene Praxis, die er erst vor Kurzem aufgab.

Die große Kontinuität für seinen Patientenstamm war ihm stets wichtig: „Die Teilhabe am Erfolg oder auch Misserfolg der eigenen Therapieentscheidungen über Jahre an möglichst denselben Patienten - das war mein Beweggrund. Ich habe 45 Jahre am selben Ort an gleicher Stelle praktiziert.“

„Nicht eminenz-basiert, aber auch nicht scheuklappenmäßig evidenz-orientiert“

Fachlich sprach ihn vor allem eine wissenschaftlich orientierte Zahnheilkunde an: „Nicht eminenz-basiert, aber auch nicht scheuklappenmäßig evidenz-orientiert“, beschreibt er seine Haltung. Qualitätsorientierung und die Verzahnung mit der Medizin sind und waren seine beruflichen Anliegen, die auch später seine standespolitische Karriere stark prägen sollten. Sein Spezialgebiet: die Parodontologie:

„Der Anspruch, als Zahnarzt auch einen medizinischen Beruf zu haben, lässt sich in der Paro mit den Links zur Inneren Medizin, zur Mikrobiologie und Immunologie meines Erachtens am besten belegen. Und eine zeitgemäße Paro-Behandlung für die GKV-Patienten zu ermöglichen, ist ja schon seit dem Jahr 2000 für mich ein Ziel gewesen.“

Mit der Standespolitik hatte Fedderwitz lange Jahre erst einmal nichts zu tun. Für den jungen Zahnarzt standen damals zunächst seine Praxis und die Familiengründung im Vordergrund. „Dann aber“, erinnert sich Fedderwitz, „überredete mich mein Freund Norbert Grosse, der ja auch in Wiesbaden praktizierte und bereits länger standespolitisch engagiert war, zu kandidieren, um einen betagten, allzu langjährigen Vorsitzenden in der Bezirksgruppe des Freien Verbandes abzulösen. Das sei ja nicht so viel Aufwand, nur so zwei Sitzungen im Jahr …“. Und so war das Fundament für eine langjährige berufspolitische Karriere bereitet.

Besondere Merkmale: natürliche rhetorische Begabung und das Talent zum - gern auch kontroversen - Diskurs

Hinzu kam eine natürliche rhetorische Begabung und das Talent zum - gern auch kontroversen - Diskurs, die ihn für die Standespolitik prädestinierten. Eigenschaften, die ihn auch schnell übers Fernsehen und nicht nur in der Kollegenschaft bekannt machten.

Federwitz: „Es war so 1987/88, da war Norbert Blüm in die ZDF-Talk-Show "Live" mit den Moderatoren Amelie Fried und Trutz Beckert eingeladen. Zur unterhaltsamen Selbstdarstellung des Ministers sollten als Kanonenfutter zwei Zahnärzte herhalten. Norbert Grosse wurde eingeladen und nahm mich mit. Wir haben uns, glaube ich, ganz wacker geschlagen. Das Geplänkel mit Herrn Blüm war durchaus unterhaltsam. Und ich konnte bei der Kollegenschaft punkten, weil ich so dreist war, zum Minister zu sagen: „Ach, Herr Blüm, nun lassen Sie mal die Kirche im Dorf!" Dieser Satz war eine Art Freifahrtschein in die Standespolitik.“

Auf regionaler Ebene ging es dann rasch weiter. Fedderwitz blickt zurück: „Ich wurde unter uns Wiesbadener zahnärztlichen Jungspunden ausgesucht, in einem Positionspapier gegen die etablierten alten Herren zu wettern und wider die Multifunktionäre zu agitieren. Hätte ich gewusst, dass ich mal selbst ein Multifunktionär werden würde, hätte ich mir besser den Text verkniffen. Aber was macht man mit einem engagierten aufmüpfigen, vielleicht auch noch jungen Kollegen? Man bindet ihn ein! Und so landete ich bald im Vorstand der KZV Hessen!“ Das Ressort, für das er bestimmt wurde, war die Öffentlichkeitsarbeit – ein Bereich- der ihm auch in seinen späteren Ämtern immer am Herzen lag.

Am Anfang stand der Frust aus dem Scheitern des Korbmodells

1992 wurde Fedderwitz dann zum Vorsitzenden der KZV Hessen gewählt, ein Amt, das er zwölf Jahre lang bis 2004 innehatte. Damals galt es erst einmal, den Frust aus dem Scheitern des sogenannten „Korb-Modells“ des Freien Verbandes zu verdauen, berichtet Fedderwitz. „Wir hatten durch die einige Jahre zuvor einsetzende Flut von Gesundheitsreformgesetzen zu leiden, die unter immer neuen Namen die Zahnärzteschaft zunehmend drangsalierten. Der Freie Verband sah das einzige Mittel, sich diesen Zwängen zu entziehen, in der Rückgabe der Zulassung, die bis zum Tag X in einem „Korb“ auch von vielen Kolleginnen und Kollegen bei einem treuhänderischen Juristen abgelegt wurde.“

Das Korbmodell war jedoch zum Scheitern verurteilt. Fedderwitz bekennt: „Als es dann zum Schwur kam, kniffen die meisten derer, die den Korb gefüllt hatten. Ich - das muss ich bekennen -  übrigens auch, denn ich meinte, angesichts meiner durch die Praxisgründung noch hohen Schuldenlast auf meine Zulassung denn doch nicht verzichten zu können.“

Dann kam das Thema Amalgam-Phobie

In den 1990er Jahren – Fedderwitz war inzwischen in den damals noch ehrenamtlichen Vorstand der KZBV unter Dr. Karl Horst Schirbort berufen worden – erhitzte das Thema Amalgam-Phobie die Diskussionen: In der Öffentlichkeit, in der Politik wie auch in der Wissenschaft.

Da zu der Zeit auch erstmals Komposit-Füllungsmaterialien für den Seitenzahnbereich zur Verfügung standen, wurde auch von politischer Seite die Forderung laut, Amalgam-Alternativen in den GKV-Leistungskatalog aufzunehmen.

Fedderwitz rückblickend: „Auf Bundesebene haben wir dann die Füllungspositionen für sogenannte Amalgam-Allergiker mit der GKV entwickelt ,und sie wurden am 1. Juli 1996 nach zweijährigen Verhandlungen eingeführt. Der politische Druck - Amalgam-Alternativen für alle GKV-Versicherten - blieb natürlich bestehen. Das war aber der GKV zu teuer, und die Standespolitik hätte befürchten müssen, keine auch nur annähernd angemessene Honorierung zu erhalten.“

Zum Glück hatte die KZV Hessen einen guten Draht ins Sozialministerium. Erreicht wurde die Genehmigung, die Mehrkosten für Kompositfüllungen im Seitenzahnbereich über die GKV abzurechnen. Das war gleichzeitig eine Blaupause für die bald folgende gesetzliche Mehrkostenregelung auf Bundesebene, bei der auch Initiativen aus anderen KZVen mit den Ausschlag gegeben haben dürften.

2005 wurde Fedderwitz zum ersten hauptamtlichen KZBV-Vorsitzenden gewählt

Die Wiege für eine weitere standespolitische Errungenschaft auf Bundesebene kam ebenfalls aus Hessen, wie Fedderwitz berichtet: Der Grundstein für die bis heute gültige Regelung in der GKV-KFO-Behandlung. Fedderwitz: „Mein zuständiger Vorstandskollege Otto Franzreb hatte die sogenannte "Positivliste" entwickelt, die zuerst nach zähen Verhandlungen von der TK für Hessen und dann bundesweit akzeptiert wurde. Bald mussten die anderen Krankenkassen bundesweit nachziehen, und so war es eine meiner ersten Amtshandlungen als amtierender KZBV-Vorsitzender, die Bundesregelung mit der GKV zu unterzeichnen.“

Nach Einführung der Hauptamtlichkeit der Vorstände von KVen und KZVen durch den Gesetzgeber im Jahr 2005 – Fedderwitz wurde zum ersten hauptamtlichen KZBV-Vorsitzenden gewählt - kamen schwierige Zeiten auf die Vorständler zu. Bis dato war der Freie Verband über Jahrzehnte hinweg der politische Taktgeber für die ehrenamtlichen Vorstände und stellte wesentlich die Funktionsträger in den Körperschaften.

„Nun“, so Fedderwitz, „giftete der FVDZ auch mit persönlichen Angriffen gegen jene, die bereit waren, Funktionen in diesem neuen, ungeliebten und nicht willkommenen System zu übernehmen. Wir, die dazu bereit waren, galten schnell als die Abtrünnigen der Standespolitik. Doch wir waren der Meinung, dass es politisch klüger sei, innerhalb dieser neuen Strukturen die Ziele des Verbandes weiter zu verfolgen als es Anderen, womöglich nur Nicht-Zahnärzten zu überlassen. Die Implementierung des Festzuschusssystems in die GKV gab uns letztlich Recht.“

Mittlerweile ist Fedderwitz – als langjähriges FVDZ-Mitglied – auch Ehrenmitglied des FVDZ. „Ich glaube, als erster Körperschaftler überhaupt!“

Ein Meilenstein in seiner Amtszeit war das Festzuschusssystem

Zahlreiche weitere Aufgaben warteten auf die neuen hauptamtlichen Vorstände. Eine erste Bewährungsprobe bestand in einer umfangreichen BEMA-Umrelationierung. Es galt, gemeinsam mit den Krankenkassen die BEMA-Leistungen entsprechend einer „ursachengerechten, zahnsubstanzschonenden und präventionsorientierten Versorgung“ kostenneutral neu zu bewerten.

Das führte letztlich zu einer Aufwertung zahnerhaltender Maßnahmen und einer Abwertung bei ZE, KFO und PAR. „Ich glaube, die Konsequenz, die der Vorstand hier gezeigt hat, hat unsere Glaubwürdigkeit und Berechenbarkeit bei der Politik nur gestärkt und die Vertrauensbasis gefestigt“, bilanziert Fedderwitz.

Ein weiterer Meilenstein in seiner Amtszeit war das ZE-Festzuschusssystem, das auch Elemente aus dem Vertrags- und Wahlleistungskonzept der Standespolitik übernahm. Die konzeptionelle Entwicklung war ein Mega-Projekt, dass die KZBV zusammen mit maßgeblichen KZV-Vertretern und Vertretern der Wissenschaft auf den Weg gebracht hatte.

Fedderwitz: „Ich erinnere mich gut an die Nachtsitzungen im Kölner Hilton-Hotel, wo wir über mehrere Wochen zwei bis dreimal pro Woche nach Feierabend bis in die Nacht am Konzept werkelten. An der Hotel-Rezeption begrüßte man uns schon mit Namen!“

Nach seiner Auffassung war die Einführung der Festzuschüsse damals nur unter der amtierenden rot-grünen Regierung möglich: „Es waren neben der SPD-Politikerin Gudrun Schaich-Walch im Hintergrund die damalige Ministerin Ulla Schmidt und ihr oberster Ministerialer Franz Knieps, die dann die Festzuschüsse politisch durchzogen. Knieps kannte wie kein zweiter das deutsche GKV-System. Er sah die Einsparpotenziale der Kassen beim Zahnersatz und auch den therapeutischen Benefit für die Patienten. Und er wusste, dass nur so Zuschüsse der GKV zum Zahnersatz längerfristig finanzierbar waren.“

Mit einem weiteren Mega-Thema, der Parodontologie, sei man in seiner Amtszeit nicht weitergekommen, bedauert Fedderwitz. Zwar hatte die KZBV damals zusammen mit der BZÄK und der DG Paro ein Konzept erstellt. Auf den konkreten Weg in den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hinein konnte es aber erst von dem nachfolgenden KZBV-Vorstand gebracht werden.

Nach der Hälfte seiner zweiten und letzten Amtszeit 2013 gab Fedderwitz den Vorsitz an seinen Stellvertreter Dr. Wolfgang Eßer ab - beruhend auf einer Absprache, die der Vorstandes zu Beginn der zweiten Amtsperiode getroffen hatte. Fedderwitz übernahm das Amt des Stellvertreters, das er dann bis 2017 innehatte.

„Bei den Beschlüssen zur Qualitätssicherung sind wir Zahnärzte leider zu oft doppelt gekniffen“

Fedderwitz hat sich in der standespolitischen Fachwelt immer wieder auch als Experte für die ganz sperrigen Themen hervorgetan. So war er etwa von 2005 bis 2017 Mitglied im G-BA. „Bei den Beschlüssen zur Qualitätssicherung sind wir Zahnärzte leider zu oft doppelt gekniffen“, schildert Fedderwitz die Lage. „Einmal durch den gedanklichen Irrweg von Politik und G-BA-Unparteiischen die sagen: Was für die Ärzte taugt, taugt auch für die Zahnärzte. Und dann haben wir bei diesem Thema das Handicap, dass die Ärzteschaft schon seit mehr als 30 Jahren in Sachen Qualität aktiv sind, während die zahnärztliche Standespolitik in ihrer überwiegenden Mehrheit in jener Zeit das Thema verweigerte. Jetzt haben wir zwar in der KZBV eine sehr kompetent arbeitende Abteilung Qualitätsförderung, aber manche Messe ist schon lange gelesen. Mit meinen Bemühungen in Sachen Qualität habe ich ja seinerzeit nicht nur viele KZV-Vertreter, sondern auch viele Kolleginnen und Kollegen vor Ort gegen mich aufgebracht,“ erinnert sich Fedderwitz.

Fedderwitz war auch Mitglied im Kuratorium des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen(IQWIG) und Vorsitzender des Stiftungsrats des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG). Seine Einschätzung: „Leider hat die Zahnärzteschaft keinen Einfluss auf die Tätigkeiten von IQWiG und IQTiG. Die haben zwar jeweils über 100 Planstellen, aber keinen Blick für zahnärztliche Belange oder gar Besonderheiten. Mittlerweile ist mein Eindruck, dass hier zwei bürokratische Moloche eher hinderliche Arbeit machen.“

2021 ist Schluss mit der Standespolitik

Heute ist Fedderwitz noch im Weltzahnärzteverband FDI aktiv – als Vorsitzender des Education Committee verantwortet er unter anderem Programme zur zahnärztlichen Fortbildung in Entwicklungs- und Schwellenländern. 2021 läuft das Mandat aus - dann ist auch für ihn persönlich Schluss mit der Standespolitik.

Auf die Frage nach den Meilensteinen seines standespolitischen Wirkens nennt er die Mehrkostenregelung bei Füllungen, die KFO-Positiv-Liste, das Festzuschusssystem beim Zahnersatz und den Erhalt der Einzelleistungsvergütung: „Wir haben wesentliche Elemente unseres damaligen Vertrags- und Wahlleistungskonzepts, für das ja beim Freien Verband und in den Körperschaften eine ganze Generation standespolitisch mit viel Einsatz gearbeitet hat, umgesetzt. Und eine Limitierung des GOZ-Steigerungsfaktors bei ausgegrenzten Leistungen konnten wir auch verhindern.“

Die künftige Entwicklung des Berufsstandes betrachtet er differenziert: „Die Janusköpfigkeit der KZVen - hier Körperschaft des öffentlichen Rechts, da satzungsmäßiger Interessenvertreter für die Zahnärzteschaft - wird es auch zukünftig nicht leicht haben, in einer zunehmend reglementierten GKV-Struktur Sachwalter zahnärztlicher freiberuflicher Tätigkeit zu bleiben.“

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