Studie zu Patientenlotsen im Gesundheitswesen

Hilfe im Wirrwarr des Versorgungsalltags

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung schlägt den Einsatz von Patientenlotsen vor. Sie sollen besonders chronisch Kranken helfen, sich im komplexen Versorgungsalltag zurechtzufinden. Einen eigenen Leistungsbereich soll es aber nicht geben.

Patientenlotsen sollten laut IGES-Studie eine gesundheitsbezogene Fachausbildung und mehrjährige Berufserfahrung haben. Infrage kommen etwa medizinische Fachangestellte, Pflegefachkräfte oder auch Sozialarbeiter. Adobe Stock/StockPhotoPro

Wie die Rolle von Patientenlotsen genau aussehen könnte, erläutert eine Studie des IGES-Instituts in Zusammenarbeit mit der Universität Bochum. Die Patientenbeauftragte Prof. Dr. Claudia Schmidtke, die die Studie in Auftrag gegeben hatte, folgert aus dem Ergebnis: „Das Angebot an medizinischen Versorgungs- und Unterstützungsdienstleistungen in Deutschland ist komplex und teilweise unübersichtlich. Insbesondere älteren oder mehrfach und chronisch erkrankten Menschen kann es deshalb schwerfallen, sich allein in der Versorgungslandschaft zurechtzufinden. Eine individuelle Betreuung durch sogenannte Patientenlotsen könnte hier sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch die Leistungserbringer vorteilhaft sein.“

Immer komplexer werdende Versorgungsbedarfe treffen in der Praxis auf immer stärker ausdifferenzierte Leistungsangebote, führt die IGES-Studie an. Hinzu kommen vielfältige Beratungsleistungen für spezifische Erkrankungen und ergänzende Ansprüche zur Unterstützung bei schwerer Krankheit – all dies ist jedoch für Patienten immer schwerer zu überblicken. Als Folgen führt die Studie unter anderem Versorgungsbrüche und unterlassene oder verspätet einsetzende Behandlungen an, die sich wiederum negativ auf das Behandlungsergebnis und die Wirtschaftlichkeit der Versorgung auswirken.

Zur Methodik der Studie:

Zu Projektbeginn wurde ein Workshop mit Experten aus der Patientenberatung durchgeführt. Die Erkenntnisse daraus flossen in eine systematische internationale Literaturrecherche. Hinzu kam die Sichtung und Auswertung von Unterlagen zu Modellprojekten mit Patientenlotsen in Deutschland. Ferner wurden leitfadengestützte Interviews mit den an den Modellprojekten Beteiligten geführt. Außerdem wurden die bestehenden sozialrechtlichen Regelungen zum Versorgungs- und Fallmanagement in den Sozialgesetzbüchern V und IX analysiert und auf deren Relevanz bewertet, inwiefern sie dem gestiegenen Unterstützungsbedarf von Patienten Rechnung tragen.

Deshalb, so die Studie weiter, wurden in den letzten Jahren Patientenlotsen etabliert. Sie sollen dafür sorgen, dass die Patienten ihrer Situation entsprechend informiert und versorgt werden. Die Studie führt an, dass das Gesundheitssystem generelle Mängel aufweist und dass in erster Linie die Trennung der Sektoren überwunden werden muss, um langfristig eine effektive Versorgung zu ermöglichen. Den Autoren zufolge bedarf es aber einer grundlegenden Reform des gesamten Versorgungssystems – ein Einsatz von Patientenlotsen allein würde nicht ausreichen.

Einen Teil der Studie machten Interviews mit Vertretern von bereits existierenden Modellprojekten aus, in denen Patientenlotsen jetzt schon zum Tragen kommen. Auf Basis der Interviews hat die IGES-Studie folgende Erkenntnisse zusammengetragen:

  • Patientenlotsen sind prinzipiell eine geeignete Maßnahme zur Unterstützung von Patienten.
  • Zielgruppe für die Lotsen sind Patienten mit hohem Unterstützungs- und Steuerungsbedarf in allen Altersgruppen (etwa: alleinstehend, kein tragfähiges soziales Umfeld, Chroniker, körperliche, kognitive oder psychische Einschränkungen. Aber auch: Akutereignisse wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Unfall).
  • Der Zugang zu den Leistungen eines Patientenlotsen sollte nach klaren Verfahrensregeln erfolgen.
  • Ein Patientenlotse sollte sowohl von niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern oder Kurzzeitpflegeeinrichtungen eingeschaltet werden können als auch von Krankenkassen.
  • Wenn es im Rahmen eines Versorgungs-/Ärztenetzwerks eine gemeinsame Patientenakte gäbe, ließen sich konkrete Hinweise auf Defizite bei den Patienten schneller erkennen.

Das Aufgabenspektrum von Patientenlotsen ist sehr breit und kann sich folgende Bereiche umfassen:

  • Über Leistungsansprüche und Zugangswege informieren
  • Hilfsangebote (einschließlich Beratungsstellen) und Akteure kennen und koordinieren (insbesondere an Schnittstellen und Übergängen)
  • Sorge tragen, dass vorhandene und benötigte Hilfen auch zum Einsatz kommen, sowie deren Erfolgskontrolle
  • allgemein beraten und begleiten (nicht „nur“ beraten, auch die Umsetzung begleiten) sowie anleiten
  • sich ein Bild von der häuslichen Situation machen
  • Rückkopplung zum behandelnden Arzt vornehmen
  • Ganz wichtig: die Vernetzung mit Leistungserbringern und weiteren Akteuren.

Zu den Leistungen der Patientenlotsen zählen die Bedarfserfassung, die Erarbeitung eines Versorgungsplans in Abstimmung mit dem Arzt und weiteren Leistungserbringern und die Organisation und Abstimmung der Versorgung.

Patientenlotsen sollten laut Studie eine gesundheitsbezogene Fachausbildung und mehrjährige Berufserfahrung haben. Infrage kommen etwa medizinische Fachangestellte, Pflegefachkräfte oder auch Sozialarbeiter. Weiterhin sollten Weiterbildungen zum Case-Management und zu Kommunikationstechniken Voraussetzung für die Tätigkeit als Lotse sein.

Modellprojekte:

Die Studie beschreibt insgesamt 13 Modellprojekte, in denen Patientenlotsen in Deutschland bereits zum Einsatz kommen. Die Ziele der Projekte sind unterschiedlich ausgerichtet, haben aber alle auf allgemeiner Ebene die Verbesserung der Lebensqualität und der Selbstmanagementfähigkeiten der Patienten im Fokus. Dazu zwei Beispiele:

Das Regionale Versorgungskonzept Geriatrie: Gesundheitshelfer (GH) in Lippe: (NRW): Zielgruppe: Ältere und multimorbide Patienten, die in der eigenen Häuslichkeit leben.
Ein sektorenübergreifendendes Case Management wird eingerichtet, um durch rechtzeitige Koordinierung die Pflegebedürftigkeit zu senken oder hinauszuzögern, damit die Patienten möglichst lange zu Hause bleiben können. Es erfolgen Assessments und Re-Assessments währen der Hausbesuche, um Bedarfe zu ermitteln sowie ein Hilfeplan, der mit Haus- und Fachärzten umgesetzt wird. GH sind Ansprechpartner aller Akteure, Betroffenen und Angehörigen, sie übernehmen Koordination, Organisation, informieren und beraten.
Die GH sind im Klinikum angesiedelt, der Kontakt erfolgt über den medizinischen Bereich: Ärzte aus der Klink führen die Patienten einem Case Management zu, die GH werden anschließend aktiv. Das Modell wird verstetigt.

Prospektive randomisierte Implementierung des Modellprojekts Augsburg (PRIMA-Studie): Zielgruppe: Frühgeborene und kranke neugeborene Kinder und deren Familien nach Krankenhausaufenthalt. Speziell ausgebildete Patientenlotsen begleiteten die Eltern während des Klinikaufenthalts und beim Übergang von der Klinik in die häusliche Betreuung bis zu sechs Monate nach Entlassung. Es erfolgt eine Vermittlung von Hilfen zur Interaktionsförderung noch in der Klinik. Ferner erfolgt eine Unterstützung bei der Erschließung hilfreicher Ressourcen und Vernetzung zu weiteren Einrichtungen nach der Entlassung.
Träger sind das Beta Institut gGmbH, Zentrum für Kinderheilkunde Universität Bonn und das Zentralklinikum Augsburg, Bunter Kreis e. V. Ziel ist die Verbesserung der Mutter-Kind-Interaktion und die Reduktion der Belastungen der Mütter. Das Nachsorgemodell Bunter Kreis Augsburg wird mittlerweile in 88 Nachsorge-Einrichtungen bundesweit umgesetzt. Die Finanzierung erfolgt unter anderem über Leistungen der GKV nach §43Abs.2SGBV

Die Finanzierung von Patientenlotsen sieht die IGES-Studie als Aufgabe der Krankenversicherung an, gegebenenfalls als Mischfinanzierung mit Mitteln der Pflegeversicherung. Zum Datenschutz wird auf die Notwenigkeit der Einwilligung der Patienten verwiesen, verbunden mit der entsprechenden Schweigepflichtentbindung. Die IGES-Studie schlägt vor, dass die Leistungen von Patientenlotsen im SGB V verankert werden sollen. Dabei sollte ein Arzt den Bedarf feststellen und die Leistungen in Anlehnung an ergänzende Leistungen zur Rehabilitation verordnen.

Kritik von der Ärztekammer Bremen: „Fachkräfte stützen statt neue Berufe erfinden“

Scharfe Kritik am Modell der Patientenlotsen kommt von der Ärztekammer Bremen. „Dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen begegnet man nicht mit der Erfindung immer neuer Berufsfelder,“ erklärte Dr. Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer. Wer wirklich sinnvoll etwas gegen den Fachkräftemangel tun möchte, solle lieber für bestehende Berufe attraktivere Arbeitsbedingungen schaffen. Gitter: „Patienten wünschen sich oft, dass ihr Hausarzt mehr Zeit für sie hat. Darum wäre es sinnvoll, Hausärzte für ihre Zuwendung zum einzelnen Patienten besser zu vergüten und angehenden Hausärzten ihre Arbeit in der Patientenversorgung direkt zu bezahlen, statt Almosen über Fördertöpfe auszuteilen“, sagte Gitter. „Hausärzte sollten zudem ohne Angst vor Regressen Hilfen wie auch die Unterstützung von Pflegenden, sozialen Diensten und anderen verordnen können.“

Keinesfalls sollten Patientenlotsen Angestellte von Krankenkassen sei, da sonst deren Unabhängigkeit gefährdet wäre. Plädiert wird für eine Andockung bei Ärzten, Ärztenetzwerken oder Kliniken. Krankenkassen sollen den Einsatz der Lotsen initiieren können. Ferner wurden auch Dienstleister wie Case-Management-Gesellschaften genannt. Einen eigenen Leistungsbereich soll es jedoch nicht geben.

Studie zum Versorgungsmanagement durch Patientenlotsen, Dr. Grit Braeseke, Prof. Dr. Stefan Huster et al, Hrsg: IGES-Institut, Abschlussbericht für die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten, Berlin, April 2018

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