Politik

Zusammenspiel der Disziplinen

Wissenschaftlich ging es beim 56. Bayerischen Zahnärztetag um interdisziplinäre Behandlungen in Kieferorthopädie und Kinderzahnheilkunde. Beim Festakt um die Soziologen-Frage: Was ist links? Was rechts?

Prof. Dr. Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, spannte für seinen metaphysischen Festvortrag mit allerlei kurzweiligen Einschüben und dem Titel "Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind" einen Bogen von der ersten französischen Nationalversammlung am 26. August 1789 bis in die Zahnarztpraxis der Jetztzeit. Hätte man meinen können. Aber gleich zu Beginn relativierte der Redner selbst: "Das Thema hat in der Tat unmittelbar mit Ihnen nichts zu tun." Immerhin aber seien die Zahnärzte als Akteure des Gesundheitswesens von progressiven wie erhaltenden politischen Strömungen direkt betroffen. Nach einer Herleitung der verschiedenen Grundannahmen "Gesellschaft lasse sich zentral gestalten" (links) und "durch die Erfindung einer ethnischen Homogenität könne das Bestehende bewahrt werden" (rechts), fand Nassehi dann aber doch einen Anknüpfungspunkt für seine Zuhörer. Da in einer komplexen Gesellschaft alle gesellschaftlichen Themen mehrfach codiert seien, bedürfe es eines schlauen Schnittstellenmanagements. An einer dieser Schnittstellen (Leistungserbringer, -träger, Politik und Patient) leisteten Kammern als "intermediäre Funktionäre" wertvolle Übersetzungsarbeit, so der Soziologe. BLZK

Es sei an der Zeit, die Richtung neu festzulegen, beschwor Christian Berger, Präsident der Bayerischen Landeszahnärztekammer und Leiter des Bayerischen Zahnärztetages, die Gäste der Festveranstaltung. Der Berufsstand stehe vor einem Umbruch. Zum einen habe Brüssel die freien Berufe "auf dem Radar", warnte er - gleichzeitig müssten die Zahnärzte aufpassen, dass aus dem Antikorruptionsgesetz kein "Anti-Kooperationsgesetz" wird. Angesichts der Flüchtlingskrise und der Überalterung der Gesellschaft brauche es neue präventive Konzepte. Einen der größten Umbrüche erlebe zurzeit der Bereich Praxisführung, weshalb sich die KZV mittlerweile zu einem der größten Dienstleister für Zahnärzte im Bereich Fortbildung entwickelt habe. Nicht nur an den Nachwuchs richtete er seine abschließende Botschaft "Freiberuflichkeit und Selbstverwaltung sind zwei Seiten einer Medaille." BLZK
Wichtig sei es, Flüchtlingen eine ordentliche zahnmedizinische Versorgung zu geben - ohne damit aber zusätzliche Anreize zur Flucht nach Deutschland zu schaffen, sagte Melanie Huml, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege. Sie lobte "Die Selbstverwaltung der Zahnärzte spielt hierbei eine herausragende Rolle". Sie wünsche sich, dass Bayern als "Motor im Bund" die angemessene Abbildung dieser Versorgungsleistungen bundesweit vorantreiben könne. Ein weiterer Wunsch der Ministerin: eine "Bürgerbewegung Kariesprävention", damit sich über alle sozialen Schichten hinweg die Zahngesundheit weiter verbessere. Aktuellen Untersuchungen zufolge hätten in Bayern Hauptschüler einen doppelt so hohen DMFT-Wert wie gleichaltrige Gymnasiasten. BLZK
Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer, beglückwünschte die Veranstalter zu ihrem Festredner Prof. Nassehi, der im Juni bereits auf der Klausurtagung des BZÄK-Vorstands referiert und "viele sehr gute Denkanstöße gegeben" hatte. Daraus sei letztlich die "Stuttgarter Erklärung“ des Vorstands entstanden, in der eine Stellungnahme zur Zukunft der Kammern formuliert worden sei. "Eine erfolgreiche Zukunft kann nur gelingen, wenn wir alle, Bundes- und Landesebene, gemeinsam an einem Strang ziehen", sagte Engel. "Wenn es uns gelingt, ein kollektives, zukunftsträchtiges zahnärztliches Selbstverständnis herzustellen." Dazu dürften die BZÄK und die Landeszahnärztekammern ihren Gemeinwohlauftrag nicht einfach fortschreiben, sondern müssten ihn modernisieren. Die gesellschafts- und gesundheitspolitischen Herausforderungen seien vielfältig und reichten von europäischen Deregulierungs-Bestrebungen bis zur Digitalisierung und dem Umgang jedes Einzelnen mit seinen persönlichen Gesundheitsdaten, so Engel. BLZK
Prof. Dr. Ursula Hirschfelder, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie, verkürzte ihr Grußwort, um den Zeitverzug der Abendveranstaltung zu begrenzen. Sie wünsche sich einen regen Austausch der Referenten, sagte Hirschfelder, schließlich gehe es darum, die interdisziplinäre Orientierung der modernen Kieferorthopädie im Verbund mit der Zahnmedizin und der gesamten Medizin darzustellen. Besonders wichtig sei dabei die Einbeziehung aller psychologischen und psychosomatischen Aspekte. BLZK
Der aktuelle Flüchtlingsstrom sei zwar eine riesige Herausforderung, sagte Dr. Janusz Rat, Vorsitzender des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns, aber der Berufsstand stelle "sich seiner ethischen Verpflichtung". Die jüngst eingeführte Positivliste sei in diesem Zusammenhang "das richtige Signal zum richtigen Zeitpunkt". Ähnlich erfreulich bewertete Rat den geglückten Vertragsabschluss mit der AOK Bayern, hier sei "die Kuh immerhin fast vom Eis". Mit großer Sorge betrachte er jedoch die seit Jahren schwelende Nachwuchsproblematik. "Hier ist die Politik auf dem falschen Weg", so Rat, wenn sie weitere Hemmnisse gegen statt Anreize für die Niederlassung schaffe. Darum forderte der KZV-Chef eine GOZ-Umstellung auf eine jährliche Punktwertanpassung. BLZK
Insgesamt mehr als 1.600 Teilnehmer verzeichnete der 56. Bayerischen Zahnärztetag, der mit der Abendveranstaltung im Festsaal des Münchner Westin Grand Hotels eröffnet wurde. BLZK

Gemeinsame Veranstalter des Kongresses waren die Bayerische Landeszahnärztekammer (BLZK) und die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns (KZVB). Kooperationspartner für das wissenschaftliche Programm war die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO).  Das wissenschaftliche Programm nahm die Behandlungsnotwendigkeit und -möglichkeiten beim Zahndurchbruch, bei Zahntraumata und beim Zahnwechsel in den Fokus.

Prof. Dr. Andrea Wichelhaus, München, zeigte in ihrem Vortrag "Präprothetische kieferorthopädische Behandlungskonzepte“ die Einflüsse neuer Technologien und Materialien auf die Behandlungskonzepte in der Kieferorthopädie. Psychologischen Aspekten bei der kieferorthopädischen Behandlung von Kindern widmete sich die Diplom-Psychologin Dr. Jutta Margraf-Stiksrud, Marburg.

Implantate und Transplantationen bei Jugendlichen

Unter dem Thema "Implantate bei Jugendlichen“ in der KFO berichtete Prof. DDr. Georg Watzek, Wien, über unterschiedliche implantologische Indikationsstellungen. Dr. Klaus Hertrich, Erlangen, widmete sich anhand einer Vielzahl dargestellter Fälle dem Thema, ob eine Lückenversorgung bei fehlenden Zähnen durch einen kieferorthopädischen Lückenschluss erreicht werden kann oder ob entsprechender Zahnersatz vorzusehen ist und zeigte die Vorteile der autologen Transplantation von Zähnen bei Jugendlichen auf.

Dr. Björn Ludwig, Traben-Trarbach, stellte bei seinem Vortrag "Implantate als Verankerungselemente in der Kieferorthopädie“ die aktuellen Möglichkeiten und Grenzen der Kieferorthopädie beim Lückenschluss dar und Dr. Anton Schweiger gab einen Überblick über die Möglichkeiten der KFO-Abrechnung aus Sicht der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns.

Im Referat von Prof. Dr. Dr. Norbert Krämer, Gießen, ging es um Fragen der Entfernung von Karies, um Möglichkeiten zur Schonung der Zahnhartsubstanz, um adhäsive Zahnheilkunde sowie um die Grenzen der Füllungstherapie im Milchgebiss. Dass aktuell in Bayern rund 80 Prozent der Milchzahnkaries unbehandelt blieben, sei ein unhaltbarer Zustand.

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