Ärzte riskieren Schweigepflicht im Netz

ck/dpa
Praxis
Nervtötende Patienten oder anstrengende Blinddarm-OP: Auch Ärzte und Medizinstudenten nutzen soziale Netzwerke für ihren Beruf. Experten sehen auf Portalen wie Facebook und Twitter allerdings die ärztliche Schweigepflicht in Gefahr.

In sozialen Netzwerken, Chaträumen und Blogs brechen Ärzte nach Meinung von Medizin-Experten immer häufiger das Arztgeheimnis. "Der Arzt muss sehr darauf achten, was er auf seiner Facebook-Seite schreibt, damit sich der Patient nicht wiederentdeckt", warnt Daniel Strech, Juniorprofessor für Medizinethik an der Uni Hannover. 

Bereits 2009 belegte eine Studie des Journal of the American Medical Association, dass an mehr als der Hälfte der 78 untersuchten medizinischen Hochschulen Medizinstudenten unprofessionelle Inhalte ins Netz stellten und dabei immer wieder auch ihre ärztliche Schweigepflicht verletzten. Und laut einer Umfrage des Ärztenachrichtendienstes aus dem Jahr 2011 verwendet mehr als jeder zweite niedergelassene Arzt digitale Kanäle wie Facebook in seinem Job.

Eine Grauzone mit rechtlicher Bedeutung

Medizinethiker Strech untersuchte kürzlich in einer Studie, wie sich die Nutzung sozialer Medien mit der medizinischen Berufsethik in Einklang bringen lässt. Wichtig sei die Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht, wenn Ärzte über die eigene Arbeit bloggen, posten oder twittern. "Das ist eine Grauzone, die rechtlich relevant werden kann", sagt der Wissenschaftler. 

Wenn die Studenten auf Facebook über anstrengende Blinddarm-Operationen oder nervtötende Patienten berichten, lassen sich anhand medizinischer Details leicht Patienten identifizieren. "Dann kann ich viel schneller über eine Sache schlussfolgern", warnt Tobias Hartz, Mitarbeiter der Medizinischen Informatik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. 

Per Mausklick Zugang zu Name und Adresse

Der Mathematiker hat eine Anwendung programmiert, mit der er Profile und Gruppen in sozialen Netzwerken durchforsten kann. Wenn er nach einer Krankheit sucht, kann er nicht nur die Einträge von Betroffenen lesen, sondern erhält mit einem Mausklick auch Zugriff auf Namen und Mailadressen. Hartz will sein Programm nun testen und dann betroffenen Stiftungen, Elternvereinigungen und Medizinern Aufklärungsmaterial schicken. Denn viele Krankheiten seien mit Stigmata verbunden, sagt Hartz, zum Beispiel bei der Jobsuche könne dies zum Problem für Betroffene werden. 

Die Richtlinien der Kammer sind zu allgemein

Die Bundesärztekammer rät Medizinern für die digitale Kommunikation im Job zu einem rein beruflichen Profil. "Ich widerspreche da den Guidelines", sagt Hartz. Auch eine rein berufliche Nutzung berge in sozialen Netzwerken Gefahren. Denn allein die Vernetzung mit Patienten reicht oft, um Behandlungsverhältnisse zu offenbaren. "Die Richtlinien der Ärztekammer sind zu allgemein", kritisiert Hartz. Ärzte und Pflegekräfte müssten im Umgang mit sozialen Medien geschult werden. 

"Die Diskussionen beginnen erst", meint Strech. Schließlich bietet das Netz nach Expertenmeinung nicht nur Risiken und Nebenwirkungen, sondern auch Chancen für die Mediziner: Ärzte können sich mit Kollegen austauschen und Patienten auch außerhalb von Klinik und Praxis betreuen. "Es besteht viel positives Potenzial", findet auch Mathematiker Hartz. 

von Nico Pointner, dpa

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