Zweitberuf Autorin

Die Erotomanin

Dr. med. dent. Corinna Toepel-Sievers ist Zahnärztin – und war beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt nominiert. Den Preis hat sie zwar nicht gewonnen, aber dafür tiefe Einblicke. Warum sie die Teilnahme in Österreich trotzdem nicht bereut, erzählt die Deutsche, die in der Schweiz lebt und arbeitet, im Interview.

Die promovierte Zahnärztin und Schriftstellerin in ihrer kieferorthopädischen Praxis in Erlenbach am Zürichsee. Dort betreut sie circa 450 laufende Fälle. Ihre Bücher schreibt Corinna T. Sievers nachts. Filipa Peixero

 "Ist das Schreiben ein Hobby von Ihnen oder wollen Sie irgendwann einmal davon leben können?"

Dr. Corinna Toepel-Sievers: "Das Schreiben ist schon mein zweiter Beruf. Viele Autoren können gar nicht allein davon leben. Das wäre ein deutlicher Rückschritt in meiner Lebensqualität. Und die Arbeit als Zahnärztin macht mir Spaß."

"Wie findet denn Ihr Mann Ihre Texte, besonders den Klagenfurter Beitrag?"

Auszug aus dem Text "Der Nächste, bitte!", den Toepel-Sievers in Klagenfurt beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis vortrug| zm_ch

"Er mag erotische Literatur nicht besonders, hält mir aber in allem den Rücken frei."

"Was sagen Kollegen oder Mitarbeiter grundsätzlich zu Ihrer literarischen Tätigkeit und explizit zur Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Preis?"

"In Deutschland ist man meist kommunikativer als in der Schweiz. Offen haben sich Kollegen auch noch nicht geäußert." (unterbricht sich, schaut ins E-Mail-Fach.) "Nein, bis jetzt habe ich nichts dazu bekommen. Und meine Mitarbeiter würden mich auch sicher nicht für die Texte kritisieren. Natürlich habe ich sie auf die Übertragung im Fernsehen hingewiesen und darauf, dass danach Anfragen oder Kommentare kommen könnten."

"Haben Sie literarische Vorbilder? Wenn ja, welche?"

"Martin Walser, Philip Roth und Michel Houellebecq."

"Wie kam es zu Ihrer Teilnahme, und wie haben Sie den Ingeborg-Bachmann-Preis erlebt?"

(Das Interview muss für eine Minute unterbrochen werden. zm-online erreicht Dr. Toepel-Sievers während der Mittagspause in ihrer Praxis, wo sie mit einer Mitarbeiterin Fragen zu einem Röntgenbild zu klären hat.)

"Da bin ich wieder. Ich habe an einige, nicht an alle, Jurymitglieder unverlangt mein Manuskript geschickt, unter anderen an Nora Gomringer. Sie hat mich angerufen und gefragt, ob ich psychisch stabil genug wäre, dem Ganzen standzuhalten. Dasselbe hat mich auch mein Verlag gefragt, die Frankfurter Verlagsanstalt. Es ist zum Beispiel so, dass man nach der Lesung eine halbe Stunde dasitzen und zuhören muss, was die Jury sagt, ohne darauf reagieren zu dürfen.Sowieso stehen nicht die Autoren im Vordergrund, sondern die Literaturkritiker.

Das Ganze wird inszeniert wie eine Castingshow, allerdings auf hohem intellektuellem Niveau. Der ORF hat zum Beispiel eine Spannungsmusik eingespielt, wie sie in solchen Shows üblich ist. Auf den Juroren lastet ebenso viel Druck wie auf den Schriftstellern. Sie müssen klug und witzig sein. Ihr Ton gleitet dann auch manchmal ab. Der Kritiker Klaus Kastberger zum Beispiel meinte, dass, weil mein Text sexuelle Passagen enthält, 'am Montag in meiner Praxis ja was los sein werde' und dass er auch gern auf meinem Behandlungsstuhl säße. Da wurde ich mit meiner Romanfigur gleichgesetzt."

Toepel-Sievers beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, Juli 2018 | ORF/Johannes Puch

"Ein fiktiver Dr. med. dent. Martin Walser, um auf Ihre Vorbilder zu verweisen, hätte sich also solch einen Kommentar nicht anhören müssen?"

"Wahrscheinlich nicht. Wobei mein Text nicht mal ein Beitrag zur #metoo-Debatte sein soll, wie er in Klagenfurt oft missverstanden wurde, sondern ein Appell. Ich will auf die Kraft der Frauen beim Thema Sexualität und bei deren Auswüchsen hinweisen. Ich will herausschreien, wie stark die Frauen sind. Es gibt meines Wissens keine weiblichen Autoren, die das so schaffen wie die männlichen. Bei Frauen hat dieses Thema oft eine verzweifelte, tragische Komponente. Kennen Sie Sibylle Berg? Erstaunlicherweise haben sich vor allem die weiblichen Juroren negativ über meinen Text geäußert. Das hat mich nachdenklich gemacht.“

"Sie meinen Insa Wilke, die in Ihrem Werk 'vor allem einen Text über Ekel' sah und meinte, dass Sie letztendlich 'nur Männerfantasien bedienen' würden?"

"Genau, aber Ekel wird so gut wie gar nicht thematisiert. Außer, man betrachtet Sex mit Ekel. Männerfantasien bediene ich auch nicht, sondern diejenigen von Frauen. Und die haben es in sich."

"Kein Ekel? Ihre Hauptfigur behauptet, dass es auf Männerhaut besonders viele Escherichia coli - Darmbakterien - gebe."

"Klingt unverschämt, nicht wahr?" (lacht) "Das beruht aber auf einer Studie, derzufolge auf Krawatten besonders viele Kolibakterien zu finden sind, da sich Ärzte nach dem Toilettengang erst den Schlips zurechtrücken und dann die Hände waschen, wenn überhaupt."

"Sie haben bereits einige Lesungen in und um Zürich abgehalten, mit Ihren ebenfalls erotischen Büchern 'Samenklau' und 'Die Halbwertszeit der Liebe'. Gab es daraufhin Reaktionen von Patienten?"

"Es saßen einige Patienten in den Lesungen, so groß ist die Gemeinde ja nicht. Von den vorhandenen ist danach niemand weggeblieben. Aber bei den Neuanmeldungen habe ich einen kleinen Knick festgestellt. Ich führe immer für ungefähr drei Monate eine Statistik. Der Effekt legte sich dann aber schnell. Die Informationsflut ist groß und Menschen sind zum Glück vergesslich."

"Wird Ihr Text für Klagenfurt auch als Buch veröffentlicht werden?"

"Darüber bin ich mit meinem Verleger noch im Gespräch, ob es schon im Herbst erscheinen wird (also im Oktober zur Frankfurter Buchmesse, Anm. d. Red.) oder erst im kommenden Frühjahr (im März zur Leipziger Buchmesse, Anm. d. Red.).

"Wie finden Sie es, dass der Beitrag der faz.net-Redakteurin Andrea Diener mit 'Probebohrungen bei der Pornozahnärztin' betitelt ist?"

"Ich hoffe, sie hat nicht mich gemeint, sondern meine Figur. Aber selbst dann finde ich den Ausdruck fragwürdig. Allerdings hat auch Frau Diener eine künstlerische Freiheit. Die steht über allem."

"Das sagen Sie dann sicher auch über die Zuschreibung 'pornografische Zahnärztinnenprosa' durch den Deutschlandfunk-Literaturredakteur Jan Drees. Im Gespräch mit ihm äußerte zudem der Schriftsteller, Kritiker und SWR2-Moderator Carsten Otte: '... ob das jetzt Literatur ist im weiteren Sinne, wage ich zu bezweifeln'."

"Ich schreibe nicht pornografisch. Wenn überhaupt, ironisiere ich die Pornografie. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass die Pornografie als Kunstform unterschätzt ist."

"Vielen Dank für Ihre Zeit und für das aufschlussreiche Gespräch."

"Sehr gerne. Es hat mich auch gefreut, besonders, dass ich mit einem Mann über den Wettbewerb und den Text gesprochen habe."

Dr. med. dent. Corinna Toepel-Sievers

1965 in Kiel geboren, auf Fehmarn aufgewachsen; verheiratet, Mutter zweier Kinder
1984 bis 1997 Studium der Medizin und Zahnmedizin in Frankfurt am Main und in Kiel
1994 bis 1997 Fachzahnärztin für Kieferorthopädie Universitätszahnklinik Kiel,
Studienaufenthalte in Los Angeles und Paris
1997 Promotion zur Dr. med. dent.
1997 bis 2004 Privatpraxis in Berlin
seit 2004 Privatpraxis in Erlenbach (Kanton Zürich)
2010 erschien der erste Roman ("Samenklau") in der Frankfurter Verlagsanstalt
2016 ebenfalls in der FVA: der Roman "Die Halbwertszeit der Liebe"

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben – sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt.

11349001122025112202611220271134901 1134902 1122030
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare