Kunststoff-Veneers zum Aufstecken

Ein perfektes Hollywood-Lächeln, aber nicht makellos

Zwei deutsche Unternehmen bringen aufsteckbare Veneers aus Copolymer auf den Markt, die Nutzer ganztags tragen können sollen. Essen und Trinken sind mit dem Hollywoodlächeln für 900 Euro kein Problem, so das Werbeversprechen der Hersteller. Anfragen der zm hingegen schon.

Marie ist glücklich, sich für die Snap-on-Veneers von "Smile me up" entschieden zu haben, sagt sie im Werbevideo - um mit beinahe identischen Wortlaut auch das Produkt des einizigen deutschen Mitbewerbers zu loben. Youtube - Smile me up

Die Vorgeschichte: 2009 führte das US-Dentalunternehmen "DenMat" mit dem Produkt "Snap-on Smile" Kunststoff-Veneers zum Aufstecken ein. Damals sei das eine "kostengünstigere Alternative zur Verbesserung des Lächelns" gewesen, heißt es dazu auf der Website des Herstellers, passend "zum wirtschaftlichen Abschwung" der Finanzkrise. Wie viele Kunststoff-Veeners seitdem dank der Fernsehwerbung samt Empfehlungen von US-Zahnärzten verkauft wurden, in welchen Ländern Snap-on Smile heute verfügbar ist und ob es Kooperationen mit den beiden deutschen Unternehmen "Smile me up" und "K Line Europe" gibt, bleibt unklar. Wiederholte Anfragen an DenMat blieben unbeantwortet.

Deutscher Zahnarzt sieht kein Risiko für Patienten

Eine Internetrecherche zeigt, dass es auch in Deutschland Zahnärzte gibt, die Snap-on Smile anbieten. So wie Dr. Thorsten Hüttermann aus Oberhausen, der nach eigenen Angaben - als Interimsprothese oder mittelfristige kosmetische Lösung - etwa 100 Patienten damit versorgte. Für den Dauereinsatz sei das Produkt nicht konzipiert, erklärt er, je nach Pflege betrage die Lebensdauer sechs bis 24 Monate. Risiken für die Zahnhartsubstanz und die Gingiva sieht er nicht, bei perfektem gingivalem Randschluss und bei optimaler und regelmäßiger Reinigung ergäben sich zudem keine Einschränkungen bezüglich der maximalen Tragedauer pro Tag, so die Meinung des Praktikers. Allerdings: Die Praxis der beiden deutschen Anbieter, die Kunststoff-Veneers auf der Grundlage von Zahnabdrücken zu erstellen, die die Kunden selbst genommen haben, lehnt er entschieden ab.

Wie stellen Smile me up und K Line Europe also eine perfekte Passform auf Grundlage von Kundenabdrücken sicher? Der Geschäftsführer der Düsseldorfer Smile Me Up GmbH, Walid Mahmoud Fahmy Abdelhalim Kandil, hat "momentan kein Interesse, Fragen zu beantworten", lautet die telefonische Auskunft bei dem Unternehmen, das auch Alignertherapien übers Internet vertreibt (siehe Titelgeschichte zm 6/2018). Der Geschäftsführer der K Line GmbH, Sherif Hazem Mahmoud Fahmy Kandil, ist wiederum zu beschäftigt, um Fragen zu beantworten, weil er "demnächst auf eine Dienstreise nach China" fährt, verrät eine nette, junge Dame am Telefon. Und tatsächlich, laut seiner persönlichen Website ist der ägyptischstämmige Zahnarzt viel unterwegs, er hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren weltweit mehr als 150 Zertifizierungskurse für sein Alignermodell "K Line" gegeben.

Schnäppchenpreis zum arabischen Muttertag

 

Handhaltung und Bildretusche sind fragwürdig, die Werbeaussage aber ist klar: Wer seine Mutter liebt, sollte ihr zum arabischen Muttertag Zahnattrappen aus Kunststoff schenken. | Facebook - K Line clinic

Seine Snap-on-Veneers bewirbt Sherif Kandil über fünf verschiedene Facebook-Kanäle: Clear Aligner, K Smile, K Veneers, K Line clinic sowie K Lamina, in den Sprachen Deutsch, Englisch und Arabisch. Kunden auf seinem Heimatmarkt sind dabei klar im Vorteil: Hier gibt es zu Anlässen wie dem arabischen Muttertag am 21. März Spezialangebote für 3.000 ägyptische Pfund, umgerechnet gut 150 Euro. In Deutschland müssen Kunden das Sechsfache zahlen, wenn sie die Zahnattrappe K Lamina auf Ober- und Unterkiefer stecken wollen.

Wie unkompliziert die Anpassung und wie hoch der Tragekomfort der Snap-on-Veneers ist, erklärt Model Selina Kriechbaum – Miss Global 2017, Miss World Germany 2016, Queen of Europe 2015 – der Zielgruppe in einem YouTube-Testimonial. Die Schiene gehe "hinten um die Backenzähne einmal drum rum und darum braucht man wirklich auch gar keinen Kleber benutzen", lobt die 21-Jährigel. Einmal aufgesteckt sitzen die Kunststoff-Veneers "wirklich bombenfest".

Model Selina Kriechbaum erklärte im YouTube-Video, wie toll die Aufsteckzähne sind - und ließ sich kurz danach feste Veneers desselben Herstellers eingliedern. | Youtube - K Line Europe


Ihr Tipp: Am besten gleich zwei Paar anfertigen lassen, damit "ein Satz Zähne" zur Not immer griffbereit in der Handtasche liegt. Neun Monate nach Ihrem Fazit, sie sei "absolut zufrieden und kann es nur weiterempfehlen" erschien dann ein weiteres Video auf YouTube, das zeigt, wie sich die junge Dame die dauerhaften "K Veneers" der K Line Europe GmbH eingliedern lässt. Woher der Sinneswandel kam, mag das Model nicht erklären. Interviewanfragen blieben unbeantwortet.

DGÄZ: "Die aktuelle Praxis ist potenziell gefährlich!“

Auskunftsfreudiger ist Wolfgang-M. Boer, Zahnarzt und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnmedizin (DGÄZ): "Aus Sicht der DGÄZ bin ich bei diesen Snap-on-Veneers nicht sicher, ob ich lachen oder entrüstet sein soll!" Er halte die Praxis, dass Patienten zu Hause selbst Abdrücke von sich nehmen "für potenziell gefährlich" und für etwas, das aus ärztlicher Sicht nicht gebilligt werden könne.  "Die Präzision dieser Abdrücke kann nur zweifelhaft sein. Das führt dazu, dass die Firmen die Modelle stark nachradieren bzw. im Computer korrigieren müssen", so Boer. "Da die angefertigten Veneerschienen anschließend durch Klemmpassung halten sollen, werden dabei auf die Zähne unkontrollierbare Kräfte ausgeübt: Im schlimmsten Fall kann dann so ein Snap-on-Veneer als KFO-Gerät wirken und Zähne verschieben." 

Zahnarzt Adem Denis Özbek aus Duisburg kommt augenscheinlich zu einer weniger kritischen Bewertung – seine Praxis "Zahnkreis" ist neben dem Essener Onlineshop "Smile-Store" als einziger Vertriebspartner von K Lamina gelistet. Doch Özbek ist telefonisch nicht zu erreichen, weil verreist. Auf eine E-Mail-Anfrage der zm reagiert er nicht. Eine Antwort der British Dental Association (BDA) folgte hingegen prompt: Bei fehlenden Zähnen seien Snap-on-Veneers eine Option, heißt es, die Produkte ähnelten ein bisschen falschen Fingernägeln, die für manchen Nutzer praktikabel seien, aber auch eine Kehrseite hätten. "Es ist nicht möglich, damit zu essen oder zu trinken, und wer die Zahnabdeckungen aus Plastik zu lange trägt, setzt seine darunterliegenden Zähne einem Risiko aus", so die BDA.

Die Alternative zu schmerzhaftem Bleachen - so die Werbebotschaft

Das wird potenziellen Interessenten auf der Website von Smile me up im "Service-Live-Chat" anders verkauft. Es gebe keine Begrenzung der Tragedauer, heißt es. "Sie sollten nur nachts nicht getragen werden. Man kann mit den Snap-up-Veneers problemlos essen und trinken, sie halten durch einen Klickmechanismus fest auf den Zähnen." Werden die Veneers aus Copolyester "entweder mit einer weichen Zahnbürste und Wasser" oder per Reinigungsstab gesäubert, halten sie "mindestens vier Jahre, bei guter Pflege auch länger", informiert der Chat auf Anfrage. Fragen zu den Produktunterschieden gegenüber dem deutschen oder dem US-Mitbewerber werden hingegen nicht beantwortet, anschließend schaltet sich der Chat ab. Auch, in welchem Geschäftsverhältnis die Unternehmen stehen, bleibt offen.

Klar ist, die Geschäftsführer der beiden Düsseldorfer Unternehmen haben denselben Nachnamen und teilen sich gemeinsam eine Werbefigur. Marie ist beruflich in der Kosmetikindustrie tätig, wo es wichtig ist, gut auszusehen, erklärt sie im YouTube-Video. Als sie ihre Zähne nicht mehr bleachen wollte, weil ihr "die Schmerzen zu unangenehm waren", ist sie zu K Lamina gekommen. Sie könne es "jedem empfehlen", der seine Zähne nicht mit dauerhaften Veneers schädigen möchte, führt Marie in dem Anfang Juli 2017 veröffentlichten YouTube-Video aus – nur um vier Tage später mit leicht abgewandelter Wortwahl im selben Büroraum nur ohne Werbeaufsteller im Hintergrund das Produkt des Mitbewerbers Smile Me Up zu bewerben.

Nochmal Maria: in diesem Video schwärmt die blonde Frau aber von K Lamina. | YouTube - K Line Europe GmbH

"Die Veneers zu tragen, wenn mir danach ist, und sie einfach in der Handtasche zu verstecken, wenn mir nicht danach ist, ist ein großer Luxus", lobt die Blondine. Ihr Fazit: Wer die tolle Erfahrung haben möchte, soll "bitte unbedingt dieses Produkt ausprobieren". Das lohne sogar als kurzfristige Maßnahme. "Einfach mal nur für einen schönen Abend" oder um auf Hochzeitsbildern schöne weiße Zähne zu haben.

DGÄZ: "Das Verfahren muss strikt abgelehnt werden!"

Für Zahnarzt Boer klingt das wie blanker Hohn. "Von einem ästhetischen Ergebnis kann man bei diesen Veneer-Schienen nun wirklich nicht reden, da sie einfach weiß-opaque sind wie eine Badezimmerfliese. Dazu kommt auch noch der sehr stolze Preis, der in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht. All dies zusammen genommen führt zu dem Urteil, dass dieses Verfahren aus der Sicht der DGÄZ strikt abgelehnt werden muss!" Auch Prof. Jürgen Wahlmann von der Deutschen Gesellschaft für Kosmetische Zahnmedizin (DGKZ) äußert starke Bedenken an der vermeintlichen Ungefährlichkeit des Geschäftsmodells, das wenig mit dem Ursprungsprodukt Snap-on Smile aus den USA zu tun habe. "Das wurde in Deutschland zunächst von American Dental Systems und später von DPS (Dental Professional Service) vertrieben und diente tatsächlich der ästhetischen Verbesserung", erinnert er sich. "Allerdings kam Snap-on Smile für diese Indikation in Deutschland praktisch nicht zur Anwendung. Stattdessen war der Einsatz als Interimslösung bei Implantationen die Hauptindikation." 

In jedem Fall war die Bestellung für die Patienten seinerzeit ausschließlich über Zahnarztpraxen möglich, da zum einen ein absolut perfekter Abdruck samt Bissnahme erforderlich sei und zum anderen die Eingliederung praktisch immer Nacharbeiten bezüglich des Bisses und der Friktion erfordere, so  Wahlmann. "Daher ist die Lieferung der Snap-on-Veneers beider Unternehmen an den Endkunden völlig inakzeptabel. Ein perfekter Abdruck kann nur in der Zahnarztpraxis erstellt werden", sagt er. "Ein Laie ist dazu kaum in der Lage, insbesondere wenn er den Abdruck bei sich selbst vor dem Spiegel nehmen soll." Außerdem sei es für einen geeigneten Abdruck erforderlich, einen Doppelmischabdruck zu nehmen, da ein monophasiger Abdruck mit einem Putty-Material zu ungenau ist. Bei beiden Anbietern sei jedoch kein Light-Body-Material dabei, kritisiert der Zahnarzt.

DGKZ: Veränderung der Bisssituation denkbar

Wahlmanns Bedenken reichen aber noch weiter: "Weit problematischer ist die mögliche Veränderung der Bisslage und Höhe. Bei K Lamina gibt es zwei verschiedene Versionen, okklusal geschlossen und okklusal gefenstert. Bei beiden Versionen kann es zu erheblichen Änderungen der Bisssituation kommen, die eine craniomandibuläre Dysfunktion nach sich ziehen kann." Beim Hersteller Smile Me Up sei es etwas schwieriger, die okklusale Ausführung zu beurteilen, da die Webseite hier keine präzise Auskunft gibt. So gebe es ein Bild, bei dem die okklusale Fläche kaum bis gar nicht abgedeckt ist, andererseits finde sich in einem Video eine vollständige Abdeckung der Okklusalfläche. "Allein aus diesem Grund ist ein Einsetzen der Produkte durch den Laien ohne zahnärztliche Kontrolle undenkbar", so Wahlmanns Fazit. "Außerdem muss zwingend eine Kontrolle der gingivalen Ränder sowie der Friktion erfolgen. Auch dies ist nur durch einen Zahnarzt / eine Zahnärztin möglich."

Doch die K Line Europe GmbH setzt ohnehin auf andere Vertriebspartner. Auf der Webseite heißt es: "Sie möchten gerne Vertriebspartner für unser K Lamina werden? [...] Haben Sie ein Kosmetikstudio, oder ein Brautmodengeschäft? Vielleicht möchten Sie in Ihrem Fotostudio gerne Brautpaare mit einem strahlenden Lächeln fotografieren?"

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