Praxis

Eine Löwen-Aufgabe

Die Wurzeln der Löwen-Apotheke in Trier liegen im 13. Jahrhundert. Durch das Berliner Büro Glahn Architekten erfuhr der traditionsreiche Bau eine glanzvolle Umgestaltung.

Ist es ein Museum? Nein - Deutschlands älteste Apotheke nach der Modernisierung. Foto: N. Kazakov

Die Löwen-Apotheke ist die älteste Apotheke in Deutschland. 1241 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt. Sie befindet sich seit jeher im historischen Zentrum von Trier, direkt am Hauptmarkt und ist seit dem 17. Jahrhundert in Familienbesitz. Das Gebäude ist ein Einzeldenkmal, seine Fassade der Spätrenaissance mit Anklängen an den Frühbarock stammt aus dem Jahr 1649. Vor 15 Jahren wurde sie denkmalgerecht restauriert. Foto: N. Kazakov
Die Herausforderung war, Funktion, Tradition und hochwertiges Design zu verbinden. Das prämierte Projekt des Berliner Architekturbüros Glahn wird zurzeit im Rahmen der Ausstellung "da! - Ausgewählte Architektur" der Berliner Architektenkammer vorgestellt. Architekt: Glahn Architekten, Berlin
Die Diele im Eingang empfängt den Besucher. Der Verkaufsraum erstreckt sich über die gesamte Gebäudetiefe des Erdgeschosses. Durch die neu geschaffene trichterförmige Geometrie wird der Besucher in den rund 25m langen Verkaufsraum hineingezogen. Gleich nach dem Betreten der Apotheke hat der Kunde rechts die Freiwahl und links die fünf Handverkaufstresen mit den Sichtwahlregalen im Blick, die sich ihm entgegen drehen. Foto: N. Kazakov
Am Ende des Innenraumes liegt die gläserne Rezeptur mit Ausblick in den neu gestalteten Innenhof. Durch das Tageslicht wird der Kunde in den langgestreckten Verkaufsaum hineingezogen, er erhält Einblicke in den „Arbeitsraum“ des Apothekers. Im Fluchtpunkt der Innenraumperspektive steht der Lebensbaum (Ginkgo). Foto: N. Kazakov
Innerhalb der Sichtwahlregale befinden sich die Wendelrutschen für die Medikamentenausgabe. Sie sind über nicht sichtbare, im Deckenhohlraum integrierte Förderbänder mit dem Kommissionierautomaten im Obergeschoss verbunden. Foto: N. Kazakov
In der "Höhle des Löwen" - das bedeutet hier: eine minimalistische Apothekeneinrichtung mit klarer Linienführung und natürlichen Materialien. Foto: N. Kazakov

"Unsere Apotheke soll Kompetenz, Seriosität und Individualität ausstrahlen, wir wollen das Gegenstück zur marktschreierischen Apotheke sein.“ Das war Wunsch der Apotheker an das Berliner Architekturbüro Glahn. Seit 1660 befindet sich die Apotheke im Besitz der Familie Schmiz. Solche Tradition verpflichtet.

Der letzte Umbau mit Entkernung des Innenraumes fand 1966 statt. Historische Anklänge waren so gut wie nicht mehr vorhanden. Lediglich eine historische Gipsstuckdecke (Kölner Decke) aus dem 17. Jahrhundert im Eingangbereich, ein Renaissancekamin und ein römischer Sarkophagdeckel sind Zeitzeugnisse der Vergangenheit.

Für die Architekten galt es ein Konzept zu finden, das wieder die nächsten 50 Jahre besteht. Das einen modernen Innenraum schafft, der die heutigen funktionalen Ansprüche an eine Verkaufsstätte erfüllt und gleichzeitig in einer musealen Atmosphäre die Geschichte der ältesten Apotheke Deutschlands erzählt. Der Innenraum wurde dafür vollkommen neu gestaltet, sämtliche Innenwände entfernt und der Raum in seiner ganzen Tiefe geöffnet.

Im Anklang an typische historische Apothekenmaterialien, wie das Messing der Mörser, das Porzellan der Salbengefäße und das Holz der Einrichtung wurden im Verkaufsraum Gold und weißer Mineralwerkstoff, im Backoffice Räuchereiche eingesetzt.

Gold und Räuchereiche

Unterstützt wird die räumliche Tiefenwirkung der Apotheke durch die Staffelung der Möbeleinbauten sowie durch eine gezielte Lichtführung. Die Regale schweben über dem Boden und gehen über in Deckensegel, die die gegenüberliegenden Freiwahlregale mit einfassen. Die Sichtwahlregale bilden die räumliche Trennung zum dahinter liegenden Backoffice, das durch seine komplette Holzverkleidung aus Räuchereiche in den Hintergrund tritt und das Gold stärker leuchten lässt.

Das Mobilar ist raumbildend und untrennbarer Bestandteil der Architektur. Selbstbewusst, baukörperhaft und monolithisch stehen die HV-Tresen frei im Raum. Hängende Regale erzeugen eine spürbare Leichtigkeit des großen Raumes. Die minimalistische Einrichtung vereint den rahmweissen Juraboden aus Eichstädt und die dunkle Eiche des Hintergrundes mit dem Gold der Seitenwände und Decken und den skupltural wirkenden Tresen aus Mineralwerkstoff im Charakter des matten Porzellans.

Je weiter der Besucher in den Raum hinein gelangt, umso privater werden die Beratungsplätze, um so kürzer werden die Tresen. Unterstützt wird die Diskretion durch nicht sichtbar in der Decke eingelassene Lautsprecher, die eine ruhige Klangwelt erzeugen.

Spuren der Vergangenheit

Gläserne Vitrinen, die aus dem Steinboden herauswachsen, zeigen Ausstellungsstücke der Apotheke. Begleitet werden sie von in den Boden eingelassenen Bronzebändern, die die lange Geschichte der Löwen-Apotheke chronologisch erzählen.

Die Kölner Stuckdecke wurde 1695 von Italienischen Künstern gefertigt. Ihre originalen Farbfassungen wurden - soweit erhalten - freigelegt und sichtbar gemacht. Verlorene Fassungen wurden bewusst nicht ergänzt. Die neue Decke in der Offizin ist mit Blattgold belegt und ein Meisterstück heutiger Handwerkskunst.

Die Handverkaufstische stehen nur zu einem Viertel ihrer Fläche auf den Boden, so dass sie schwebend erscheinen. Verstärkt wird diese Wirkung durch den verspringenden unteren Horizont der weißen Kuben. Im Inneren ist jeder Korpus auf die jeweilige Anforderungen individuell abgestimmt. Die 23 Meter lange Leuchte verbindet die einzelnen Tresen und leuchtet deren Oberseite kantengenau aus.

Immer wieder verbinden sich Tradition und Funktion, werden geschichtliche Elemente in das Gesamtkonzept mit eingebunden. Auf einer der Stahlstützen in der Diele ist der Stammbaum der Familie, die seit 1660 in zehnter Generation die Apotheke betreibt, abgebildet.

Löwen-Apotheke in Trier

Bauherr:
Apothekerin Dr. Elisabeth Schmiz, Apotheker Dr. Claus Schmiz
Löwen-Apotheke, Hauptmarkt 6, 54290 Trier
Architekten:
Glahn Architekten
Christiane und Hans-Joachim Glahn
Sprengelstrasse 4-5, 13353 Berlin
www.glahn-architekten.de


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