Zahnmedizin

Instrumentelle zahnärztliche Funktionsanalyse

Hier lesen Sie eine Kurzfassung der S2k-Leitlinie "Instrumentelle zahnärztliche Funktionsanalyse". Zunächst geht es um Bewegungsaufzeichnung und Bewegungsanalyse.

Abbildung 1: Beispiel für ein gelenknah und berührungshaft messendes System zur Bewegungsaufzeichnung des Unterkiefers (hier: Cadiax compact, Fa. Gamma Dental, mit Artex Gesichtsbogen, Fa. Ammann Girrbach). Ahlers

Abbildung 2: Beispiel für ein okklusionsebenennah und berührungslos messendes System zur Bewegungsaufzeichnung des Unterkiefers (hier: Jaw Motion Analyser JMA, Fa. Zebris Medical). Ahlers

Die instrumentelle Funktionsanalyse umfasst eine ganze Reihe unterschiedlicher Verfahren, zu denen bisher keine Leitlinie vorlag. Vorhanden waren lediglich zwei mittlerweile veraltete wissenschaftliche Stellungnahmen, sowie zwei aktuelle Stellungnahmen der DGPro / DGFDT zu den Themen Gesichtsbogen und Kieferrelationsbestimmung. Für die Verkehrskreise erwies sich das Fehlen einer Leitlinie schon seit längerem als Problem.

Daher wurde unter Federführung der DGFDT nun erstmals eine solche Leitlinie in der Entwicklungsstufe S2k von einer 17-köpfigen Arbeitsgruppe im Auftrag und Namen von 13 Fachgesellschaften erstellt. Die Langfassung ist - wie üblich - höchst detailliert und ausführlich und wird ergänzt durch einen Leitlinienreport. Eine für die zahnärztliche Praxis redaktionell aufgearbeitete Kurzfassung finden Sie nachfolgend sowie in drei Folgebeiträgen. Hier berichten wir zunächst über den ersten Abschnitt Bewegungsaufzeichnung und Bewegungsanalyse.

Vorbemerkung

Das Zahnheilkundegesetz verpflichtet die Zahnärzteschaft auf die wissenschaftliche Zahnheilkunde. Der aktuelle Stand der Wissenschaft ist für einzelne Zahnärzte angesichts der Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen und einer großen Menge nicht gutachterlich geprüfter Veröffentlichungen in der Regenbogenpresse schwer zu erfassen. Als Orientierungshilfe erstellen daher die zuständigen Fachgesellschaften wissenschaftliche Mitteilungen und - höherrangige - Leitlinien.

Mit erheblichem Aufwand erfassen die an der Erstellung beteiligten Fachleute den aktuell publizierten Stand, sichten und bewerten die Arbeiten, formulieren Schlüsselfragen, stimmen über die Antworten offen ab und erstellen auf dieser Basis einen Leitlinientext und einen transparenten Methodenreport für die Kollegenschaft – die dann beide noch eine mehrstufige Prüfung bei DGZMK und AWMF durchlaufen.

Für den Bereich der instrumentellen Funktionsanalyse hat die Arbeitsgruppe im Auftrag von 13 Fachgesellschaften unter Federführung der DGFDT nun erstmals eine solche Leitlinie (S2k) erstellt. Deren Ziel war, die Verfahren "Instrumentelle Bewegungsanalyse", "Kondylenpositionsanalyse", "Kieferrelationsbestimmung und "Oberflächen-Elektromyografie der Kaumuskulatur in der zahnärztlichen Anwendung" jeweils inhaltlich abzugrenzen sowie die mit der Anwendung verbundenen Ziele und den erreichbaren Nutzen zu bestimmen.

Die entstandene Leitlinie bildet seit ihrer Veröffentlichung die fachliche Referenz für alle in diesem Bereich klinisch wie auch gutachterlich tätigen Zahnärzte. Zudem erfüllt sie eine diesbezügliche Forderung des DIMDI, also letztlich der Gesundheitspolitik [Tinnemann et al., 2010]. Das Original der Leitlinie ist auf der Website der AWMF veröffentlicht. Die wichtigsten Informationen aus den vier Abschnitten der Leitlinie finden Sie nachfolgend zusammengefasst.

Definitionen

Für die Leitlinie sind einige Definitionen wichtig: Im zahnärztlichen Bereich werden unter dem Begriff der instrumentellen Funktionsanalyse Untersuchungsmethoden verstanden, die mittels spezieller Instrumente und Geräte eine in quantitativer bzw. qualitativer Hinsicht ausgerichtete Beurteilung der Funktion des kraniomandibulären Systems ermöglichen. Neben der Bezeichnung "Funktionsstörung des Kausystems" sind die Begriffe "craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)" und "temporomandibular disorder (TMD)" gebräuchlich. Diese Begriffe sind allerdings keine Synonyme, da bei der CMD eher die Dysfunktion im Fokus steht, bei der TMD der Schmerz [Hugger et al., 2016].

Die instrumentelle Bewegungsanalyse stellt eine zahnärztliche Untersuchungsmethode dar, die die Unterkiefer-Bewegungsfunktion eines Patienten mit speziellen Messsystemen ("Registriersystemen") erfasst. Die Aufzeichnungen, die neben eigentlichen Bewegungsabläufen auch den Vergleich verschiedener Unterkiefer-Positionen umfassen können, werden nach der Untersuchung vom Zahnarzt anhand von Auswertungskriterien analysiert und daraus Schlussfolgerungen gezogen. Diese Schlussfolgerungen betreffen einerseits die funktions- und strukturbezogene Diagnostik des Kausystems, andererseits die okklusionsbezogene sowie die zahnärztlich-restaurativ orientierte Therapieplanung, Therapiegestaltung und Rehabilitation.

Bei extraoraler Applikation zeichnen die verschiedenen praxistauglichen elektronischen Messsysteme Unterkieferbewegungen mit Hilfe entsprechender Sensoren gelenknah (kondylennah), inzisalnah oder okklusionsebenennah auf. Folgende Systemgruppen lassen sich unterscheiden:

  • Gruppe 1: gelenkfern/inzisalnah messende Systeme
  • Gruppe 2: gelenknah und berührungshaft messende Systeme (Abb. 1)
  • Gruppe 3: gelenknah und berührungslos messende Systeme
  • Gruppe 4: okklusionsebenennah und berührungslos messende Systeme (Abb. 2).

Bei Erfassung aller sechs Freiheitsgrade sind diese Systeme in der Lage, auf beliebige Punkte des Unterkiefers umzurechnen [Hugger, 2000; Kordaβ, 1996].

Ziele und Verfahrensbewertung

Die instrumentelle Unterkiefer-Bewegungsanalyse soll Informationen zu einem oder mehreren der nachfolgenden Punkte liefern:

  • Patientenindividuelle Werte mit dem Ziel, zahnärztliche Maßnahmen und zahntechnische Prozesse auf funktionell individuelle Gegebenheiten des Patienten auszurichten und zu optimieren (sogenannte individuelle Artikulatoreinstellung, Artikulatorprogrammierung, beziehungsweise Bewegungssimulation).
  • Präzisierung dysfunktioneller bewegungsbezogener Erscheinungsformen im Rahmen funktionsorientierter Diagnostik (Funktionsdiagnostik). Im diagnostischen Prozess liefert die instrumentelle Bewegungsanalyse als weiterführendes Untersuchungsverfahren zusätzliche, auf der klinischen Funktionsanalyse aufbauende Informationen, die zur Spezifizierung klinisch basierter Diagnosen führen (qualitativer Aspekt). Ferner erlaubt sie, das Ausmaß bzw. den Schweregrad funktioneller Beeinträchtigung differenzierter darzustellen (quantitativer Aspekt).

  • Auswertung und Dokumentation bewegungsbezogener Veränderungen im Verlauf der Anwendung therapeutischer Maßnahmen im Rahmen der Funktionstherapie. Im therapeutischen Kontext liefert die instrumentelle Bewegungsanalyse Anhaltspunkte für die Verbesserung des Funktionsgeschehens und dokumentiert funktionsbasierte Veränderungen im Behandlungsverlauf.

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