MKG-Chirurgie

Intraorales Lipom führt zur Hypästhesie im Gesichtsbereich

Ein Patient erschien notfallmäßig mit einem Fossa-canina-Abszess und einer Hypästhesie im Bereich des rechten N. alveolaris inferior in der MKG-chirurgischen Klinik. Es zeigte sich ein intraorales Lipom, welches zu starker Atrophie des Corpus mandibulae geführt und damit eine Verlegung des Nervs mit konsekutiver Hypästhesie ausgelöst hatte.

Abbildung 1: Orthopantomogramm mit einer ausgedehnten zystischen Raumforderung regio 41 bis 45 (Stern) Toschka et al.

Anamnese

Der 66-jährige Patient stellte sich initial notfallmäßig mit einem Fossa-canina-Abszess im Bereich der rechten Gesichtshälfte in der MkG-Ambulanz vor. Außerdem berichtete er über eine seit mehreren Monaten aufgetretene, gleichbleibende Gefühlsstörung im Bereich der Unterlippe rechtsseitig. Die Allgemeinanamnese war bis auf eine bekannte arterielle Hypertonie unauffällig. 

Diagnostik

Die klinische Untersuchung zeigte neben der druckdolenten und fluktuierenden Schwellung im Bereich der Fossa canina rechtsseitig eine diskrete Schwellung im Bereich des rechten Unterkiefers. Im Bereich des Versorgungsgebiets des rechten Nervus mentalis wurde eine Hypästhesie mit aufgehobener Spitz-Stumpf-Diskrimination diagnostiziert.

Die intraorale Inspektion zeigte neben dem verstrichenen Vestibulum regio 13 bis 16 und einer sanierungsbedürftigen Dentition eine intraorale weiche, submukosale, gegenüber dem Unterkieferkorpus nicht verschiebliche und nicht druckdolente Raumforderung regio 31 bis 46.

Bildmorphologisch (Orthopantomogramm) zeigte sich eine zystische Raumforderung apikal des vitalen und nicht perkussionsempfindlichen Teleskopzahns 43 (Abbildung 1). Computertomografisch imponierte eine am ehesten lipomatöse, solide und verdrängend wachsende Raumforderung am rechten Unterkiefer mit einer Ausdehnung von 3,2 cm x 1,8 cm und Atrophie des Corpus mandibulae regio 41 bis 45 mit Eröffnung des Mandibularkanals (Abbildung 2).

Abbildung 2: Computertomografie des Viszerokraniums und der Halsweichteile mit Kontrastmittel: In der axialen (A) und in der koronaren (B) Schichtung zeigte sich die Raumforderung (Stern) mit verdrängendem Wachstum und Atrophie des Corpus mandibulae mit Eröffnung des Mandibularkanals (Pfeil). | Toschka et al.

Therapie

Nach initialer Therapie des Fossa-canina-Abszesses durch intraorale Inzision und Einlage einer Drainage wurde in einem zweiten Eingriff in Intubationsnarkose die dignitätsunklare Raumforderung am rechten Unterkiefer entfernt. Intraoperativ zeigte sich eine deutliche Druckatrophie des rechtsseitigen Unterkieferknochens mit freiliegendem Nervus alveolaris inferior (Abbildung 3).

Abbildung 3a: Intraoperativer Situs nach Darstellung der Raumforderung (Pfeil) | Toschka et al.

Abbildung 3b: Intraoperativer Situs nach Entfernung der Raumforderung: Der Nervus alveolaris inferior (Pfeil) wurde nach distal aus dem Kanal verdrängt.| Toschka et al.

Abbildung 3c: Das exzidierte Präparat mit einer Größe von 4,5 cm x 2,0 cm x 2,0 cm war von einer feinen Kapsel bedeckt und wies makroskopisch Fettanteile auf.| Toschka et al.

Die Raumforderung wies eine bindegewebige Kapsel auf und verdrängte den Nervus alveolaris inferior in dieser Region nach distal. Das klinische Bild des Präparats entsprach makroskopisch einem Lipom.

Postoperativ kam es innerhalb einer einjährigen Nachbeobachtungszeit zu einer langsamen Regredienz der Hypästhesie im Bereich des Versorgungsgebiets des Nervus alveolaris inferior rechtsseitig mit persistierender fehlender Spitz-Stumpf-Diskrimination.

Histopathologischer Befund

Die histopathologische Begutachtung zeigte das typische Bild eines Lipoms (Abbildung 4).

 

Abbildung 4: Histologisches Bild des intraoralen Präparats mit fibro-adipösem Gewebe aus univakuolärem Fettgewebe und mit der Kapsel aus straffem Bindegewebe ohne zelluläre Atypien. Übersichtsaufnahme (A) und vergrößerter Ausschnitt (B); Pfeil markiert die bindegewebige Kapsel.| Foto: Univ.-Prof. Dr. med. S. Philippou

Diskussion

Obwohl Lipome insgesamt häufige Neubildungen des Weichgewebes des menschlichen Körpers darstellen, kommen sie im Bereich des Mundes und des Gesichts eher selten vor. Insbesondere intraoral machen Lipome mit 1 bis 5  Prozent aller Neoplasien einen eher geringen Anteil aus. Sie sind vor allem im Bereich der bukkalen Mukosa, des Mundbodens, der Zunge oder des Lippenrotes zu finden. Histologisch lassen sie sich entweder als einfache Lipome oder in verschiedene andere Lipome klassifizieren. Hierzu zählen Fibrolipome, Spindelzelllipome, intramuskuläre Lipome, Angiolipome, pleomorphe Lipome, Lipome der Speicheldrüsen, myxoide Lipome und atypische Lipome [Fregnani et al., 2003].

Intraorale Lipome können in jedem Lebensalter nicht geschlechtsspezifisch auftreten, wobei sie vermehrt in der fünften und in der sechsten Lebensdekade diagnostiziert werden [Epivatianos et al., 2000]. Häufig präsentieren sich die intraoralen Lipome von physiologischer Gingiva bedeckt und klinisch asymptomatisch. Dabei sind sie meist durch eine sehr langsam wachsende Schwellung ohne Schmerz oder andere Symptomatik gekennzeichnet. Intraorale Lipome weisen bei der Entfernung eine durchschnittliche Größe von 2,0 cm im größten Durchmesser auf [Fregnani et al., 2003].

In diesem speziellen Fall hatte das Lipom eine Größe von 4,5 cm x 2,0 cm x 2,5 cm und führte zu einer Atrophie des Unterkieferkorpus. Dadurch kam es zur Freilegung des N. alveolaris inferior mit konsekutiver Hypästhesie.                     

André Toschka
Dr. Jihan Mohasseb

Evangelisches Krankenhaus Hattingen gGmbH
Akademisches Lehrkrankenhaus
Klinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie

Bredenscheider Str. 54, 45525 Hattingen

andretoschka@googlemail.com

Literatur

  1. Epivatianos, A., A. K. Markopoulos and P. Papanayotou (2000). "Benign tumors of adipose tissue of the oral cavity: a clinicopathologic study of 13 cases." J Oral Maxillofac Surg 58(10): 1113-1117; discussion 1118.
  2. Fregnani, E. R., F. R. Pires, R. Falzoni, M. A. Lopes and P. A. Vargas (2003). "Lipomas of the oral cavity: clinical findings, histological classification and proliferative activity of 46 cases." Int J Oral Maxillofac Surg 32(1): 49-53.
912097899798899799899800912098 912099 899803
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare