Zahnmedizin

Therapiealternativen bei kariösen Milchmolaren (1)

Die Hall-Technik, eine moderne Kariestherapieoption ohne "vollständige Kariesexkavation", eignet sich besonders bei unkooperativen Kindern, wie der hier präsentierte Fall einer fünfjährigen Patientin zeigt.

 

Im Rahmen der Hall-Technik wird eine mit Glasionomerzement befüllte Stahlkrone über den kariösen Zahn gestülpt. Santamaria

Abb. 1a: An Zahn 64 mesial liegt klinisch eine kavitierte kariöse Läsion vor. Santamaría
Abb. 1b: Im röntgenologischen Befund ist bei 64 eine Dentinbrücke zwischen der kariösen Läsion und der Pulpa sichtbar. Die Hall-Technik kann bei unauffälliger Schmerzanamnese wie bei dem vorliegenden Fall in Betracht gezogen werden. Santamaría
Abb. 2a: Die mit Glasionomerzement befüllte Stahlkrone wurde über den Zahn gestülpt und in richtiger Position festgedrückt, so dass die Kronenränder leicht subgingival liegen. Santamaría
Abb. 2b: Position und Passung der Krone wurden final geprüft und alle verbliebenen Zementreste entfernt. Santamaría
Abb. 2c: Endzustand nach der Einpassung Santamaría

Bei dem hier vorgestellten Fall wurde die Hall-Technik als Therapiealternative zur Füllung an einem mehrflächig kariösen Milchmolaren angewandt wurde. Das Besondere an der Hall-Technik ist, dass der kariöse Zahn dabei ohne vorherige Zahnpräparation und ohne Kariesexkavation mit einer Stahlkrone versorgt wird.


Die Hall-Technik

  • Die Hall-Technik (HT) ist eine von mehreren biologisch basierten Therapieoptionen für die Behandlung von kariösen Milchmolaren, die heutzutage empfohlen und global praktiziert werden [Innes et al., 2017].
  • Bei der HT werden kariöse Milchmolaren mittels vorgefertigter Stahlkronen restauriert. In Gegensatz zu der bereits etablierten Restauration der Zähne mit Stahlkronen, die eine komplette Kariesexkavation, Präparation des Zahns und dadurch in der Regel eine Lokalanästhesie beinhalten [Randall et al., 2000; Kinderlan et al., 2008], kommt die HT ohne Lokalanästhesie, Präparation und Kariesentfernung aus. Bei ihr wird einfach die vorgefertigte Stahlkrone auf den kariösen Milchmolaren zementiert.
  • Bereits vor mehr als zehn Jahren wurden die ersten Ergebnisse aus einer retrospektiven Analyse zur HT publiziert [Innes et al. 2006]. Ihre sehr vielversprechenden und außerordentlich hohen Erfolgsraten - 86 Prozent nach drei Jahren und 80,5 Prozent nach fünf Jahren - waren der Anlass für hochwertige klinisch randomisierte Longitudinalstudien, unter anderem auch in Deutschland. Dabei wurden ebenfalls signifikant höhere Erfolgsraten bei der HT-Anwendung im Vergleich zur konventionellen Füllungstherapie registriert [Innes et al., 2007, 2011; Santamaria et al., 2014].


Der Fall: Ein fünfjähriges Mädchen mit mangelhafter Compliance

Ein fünfjähriges Mädchen stellte sich mit seiner Mutter in der Abteilung für Präventive Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universitätsmedizin Greifswald vor, nachdem es bei vorherigen Zahnarztbesuchen alio loco nach einer negativen Zahnerfahrung aufgrund von einer Füllung an Zahn 84 die weitere Mitarbeit verweigert hatte. Laut Aussagen der Mutter hat das Kind nie Zahnschmerzen gehabt, jetzt jedoch große Angst vor Spritzen und Bohrern. Es lagen keine für die Behandlung relevanten Allgemeinerkrankungen vor.

Aufgrund der Angst des Kindes wurden bei den ersten Terminen einfache Prozeduren, wie die klinische Untersuchung, ein Anfärben der Zähne und Zähneputzen, durchgeführt, damit eine sukzessive Gewöhnung beziehungsweise Desensibilisierung des Kindes an die zahnärztliche Behandlung erfolgen konnte.


Indikationsstellung

geeignet:

  • ängstliche Kinder (Spritze und Bohrer)
  • Verhaltensstörungen (z.B.: ADHS)
  • mäßige Kooperation
  • als Therapieoption zur Kooperationsverbesserung

nicht geeignet:

  • sehr unkooperative Kinder aufgrund von Verschluck- oder Aspirationsgefahr der Stahlkrone
  • immunsupprimierte Kinder
  • Endokarditisrisiko


Indikationen:

  • kariöse Milchmolaren mit zwei- oder mehrflächigem Kariesbefall
  • caries media
  • Zähne ohne Anhalt auf pulpale Beteiligung
  • Dentinbrücke im Röntgenbild (mindestens ein Millimeter)
  • große inaktive kariöse Defekte
  • hohe Kariesaktivität
  • fehlende Höcker, frakturierte Milchmolaren
  • Aufbau infraokklusaler Milchmolaren
  • Zähne mit Anomalien der Zahnstruktur

Kontraindikationen:

  • caries profunda mit dem Risiko pulpaler Komplikationen
  • irreversible Pulpitis
  • Spontanschmerz, andauernder Schmerz
  • Pulpanekrose
  • Fistel, Abszess
  • apikale, beziehungsweise interradikuläre Aufhellung
  • pathologische Wurzelresorption




Klinischer und röntgenologischer Befund

Die klinische Untersuchung des Mundraums zeigte eine gesunde Mundschleimhaut, eine gesunde Zunge und ein vollständiges jedoch kariöses Milchgebiss:

  • caries media (ICDAS 5) an den Zähnen 64 (okklusale und distale Fläche, Abb. 1a) und 75 (okklusal)
  • eine insuffiziente Füllung an 84 (okklusale und distale Fläche)
  • weitere nicht kavitierte Läsionen an 75, 85 und an den Oberkiefer-Frontzähnen (bukkale Fläche; ICDAS 2), die als inaktiv eingestuft wurden.

 Alle Approximalflächen wurden mittels der faseroptischen Translumination (FOTI) untersucht, ohne Hinweis auf weitere approximale Dentinläsionen. Röntgenologisch war bei dem Zahn 64 keine pulpale Beteiligung sowie eine Dentinbrücke zwischen der kariösen Läsion und der Pulpa sichtbar (Abb. 1b). Die Schmerzanamnese und die Perkussion für Zahn 64 waren ebenfalls negativ. Zahn 74 zeigt eine periapikale und interradikuläre Radioluzenz, was aufgrund der erkennbaren pulpalen Beteiligung die Hall-Technik explizit ausschließt.

Die Kooperation des Kindes für eine invasive Behandlung wurde beim Erstbesuch als niedrig eingestuft (Frankl-Skala „negativ“: Behandlungsverweigerung/unkooperativ). Der erste Termin zur Desensibilisierung erfolgte auf dem Schoß der Mutter.

Kariesrisikobewertung

Die Mutter berichtete, dass das Kind gelegentlich gesüßte Getränke trinkt und seine Zähne in der Regel 1- bis 2-mal täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm) putzt. Das Zähneputzen werde unregelmäßig von den Eltern kontrolliert.

Klinisch zeigte sich nach Anfärben eine mäßige bis gute Mundhygiene. Aufgrund der Karieserfahrung wurde eine aktuell hohe Kariesaktivität diagnostiziert. Ein Nachputzen durch die Eltern wurde instruiert und eine erhöhte Fluoridnutzung auf 2x täglich Juniorzahnpasta (>1000ppm Fluorid) [Walsh et al., 2010] zur häuslichen non-invasiven Kariestherapie empfohlen. 

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