Neue Lancet-Studie

Wie orale Erkrankungen weltweit die Existenz bedrohen

Wie andere chronische Erkrankungen stellen Karies, Parodontitis und orale Krebserkrankungen nicht nur persönliche Einschränkungen für Betroffene dar, sondern können auch existenzbedrohende wirtschaftliche Folgen haben. Eine internationale Forschergruppe hat eine aktuelle Übersichtsarbeit im „The Lancet“ publiziert, die neben epidemiologischen vor allem soziale und wirtschaftliche Aspekte beleuchtet.

Eine internationale Forschergruppe hat eine aktuelle Übersichtsarbeit im „The Lancet“ publiziert, die neben epidemiologischen vor allem soziale und wirtschaftliche Aspekte von oralen Krankheiten beleuchtet. Adobe Stock_Judita

„Die Mundgesundheit ist wichtig. Zähne und Mund sind ein integraler Bestandteil des Körpers, unterstützen und ermöglichen wesentliche menschliche Funktionen und der Mund ist ein grundlegendes Merkmal der persönlichen Identität“, statuieren die Autoren [Perez et al., 2019].

Mundgesundheit sei subjektiv und dynamisch und somit eng mit emotionalen und sozialen Komponenten verknüpft. Für alltägliche und lebensnotwendige Tätigkeiten wie die Nahrungsaufnahme und das Sprechen sei die Mundgesundheit von entscheidender Bedeutung. Die meisten oralen Krankheiten verlaufen den Autoren zufolge chronisch und beeinträchtigen das Leben der Betroffenen grundlegend und in allen Bereichen.

Die meisten Erkrankungen seien aber durch gezielte Prävention vermeidbar. Trotzdem seien mehr als 3,5 Billionen Menschen weltweit betroffen, insbesondere in ärmeren Ländern. Karies zeige dabei die höchste globale Prävalenz. Auffallend sei auch, dass hauptsächlich der ärmste Teil der Bevölkerung betroffen ist und somit enge Verknüpfung mit dem sozioökonomischen Status besteht.

Als mögliche Folgen oraler Erkrankungen führen die Autoren „Schmerzen, Sepsis, verminderte Lebensqualität, verlorene Schultage, familiäre Störungen, verminderte Arbeitsproduktivität und die Kosten für zahnärztliche Behandlungen“ an [Perez et al., 2019]. Dabei seien die Risikofaktoren für orale Erkrankungen insbesondere zuckerhaltige Getränke, Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum. Zudem würden dadurch auch andere Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes begünstigt.

Epidemiologischer Überblick: Ein Drittel der Weltbevölkerung hat Karies

Zu den häufigsten oralen Erkrankungen gehörten Karies, Parodontitis sowie orale Krebserkrankungen. Die Kariesprävalenz sei in den letzten 30 Jahren, insbesondere in der Altersklasse der Zwölfjährigen, gesunken. Dies gelte aber hauptsächlich für wohlhabende Länder. Unbehandelte Karies bleibender Zähne war demzufolge im Jahr 2010 noch die häufigste Erkrankung weltweit. Daten aus dem Jahre 2015 belegten dies weiterhin, damals waren den Autoren zufolge rund 34 Prozent der Weltbevölkerung betroffen.

Zwischen 1990 und 2017 sank die Gesamtzahl um insgesamt nur vier Prozent, bilanzieren die Forscher. Von 1990 bis 2010 waren durchschnittlich neun Prozent aller Kinder weltweit von einer Milchzahnkaries betroffen, im Jahr 2015 konnte aber ein Rückgang auf 7,8 Prozent verzeichnet werden. Insgesamt resümieren die Autoren aber, dass die Zahlen in den letzten 30 Jahren kaum rückläufig wären.

Parodontitis sei weiterhin die sechsthäufigste Erkrankung weltweit. 2010 waren laut Studie insgesamt 743 Millionen Menschen betroffen. Die Zahlen sanken demnach zwischen 1990 und 2010 kaum (von 11,2 auf 10,8 Prozent). Im Jahr 2010 waren zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung als Folge einer Parodontitis vollkommen zahnlos, diese Tendenz scheine aber leicht abzunehmen. Orale Krebserkrankungen gehörten zu den 15 häufigsten Krebserkrankungen weltweit. Allein im Jahr 2018 wurden laut Studie insgesamt 500.550 Neuerkrankungen und 177.384 Todesfälle gemeldet.

Sozioökonomische Ungleichheiten spiegeln sich deutlich in der Mundgesundheit wider. In vielen Studien fanden die Autoren Belege für eine direkte Korrelation zwischen Bildungsstand und Karieserfahrung sowie unbehandelten Kariesläsionen. Auch orale Krebserkrankungen und Parodontitis seien mit einem schlechten sozioökonomischen Stand assoziiert. Dabei bestünden „extreme Mundgesundheitsungleichheiten […] für die am stärksten randständigen und sozial ausgegrenzten Gruppen in Gesellschaften wie Obdachlose, Gefangene, Langzeitbehinderte, Flüchtlinge und indigene Gruppen“, so Perez et al. [20190].

Folgen oraler Erkrankungen: Kosten für
Zahnerkrankungen stehen in der EU auf Platz 3

Die Autoren differenzieren bei ökonomischen Folgen oraler Erkrankungen zwischen der wirtschaftlichen Belastung durch die unmittelbar mit der Behandlung entstandenen Kosten und den indirekten Kosten, zum Beispiel durch vorrübergehende Arbeitsunfähigkeit oder Unterrichtsversäumnis der Schulkinder.

Darüber hinaus werden immaterielle Kosten beschrieben, die neben Schmerzen auch weitere Beeinträchtigungen wie Probleme bei der Nahrungsaufnahme, beim Sprechen, beim Ausdruck von Emotionen sowie eingeschränkte Teilnahme an sozialen und familiären Aktivitäten beinhalten können.

Zahlen aus dem Jahr 2015 belegen weltweite Ausgaben von 356,80 Milliarden US-Dollar für direkte und 187,61 Milliarden US-Dollar für indirekte Kosten. Allein in der EU entfielen im Jahr 2015 rund 90 Milliarden Euro auf die Behandlung von Zahnerkrankungen. Diese stehen im Hinblick auf die höchsten Kosten damit auf dem dritten Platz hinter den Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Soziale und kommerzielle Effekte

„Der sozioökonomische Status kann die Gesundheit durch die Umstände beeinflussen, in denen Menschen leben, arbeiten und altern […]. Zu diesen Faktoren gehören Wohnraum und Arbeitsbedingungen, soziales Kapital, psychosoziale Faktoren wie Stress und soziale Unterstützung sowie der Zugang zur Gesundheitsversorgung.“ fassen die Autoren zusammen [Perez et al., 2019]. Angesichts der weiterhin hohen Zahlen an oralen Erkrankungen weltweit beklagen die Wissenschaftler aber die nur langsame Umsetzung von Gegenmaßnahmen.

Sie kritisieren die häufige Vernachlässigung der Präventionsansätze zugunsten einer späteren Intervention. Auch stellen sie den weltweiten Anstieg der Saccharose-Produktion und der vermehrten Lieferung in Schwellenländer in den Fokus ihrer Kritik. Die Folge sei nicht nur ein erhöhter Zuckerkonsum, sondern gleichzeitig eine erhöhte Kariesprävalenz.

Peres MA, Macpherson LMD, Weyant RJ, Daly B, Venturelli R, Mathur M, Listl S, Celeste RK, Guarnizo-Herreño C, Kearns C, Benzian H, Allison P, Watt RG (2019). Oral diseases: a global public health challenge. Lancet.

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