Zahnmedizin

Zahnwurzelfund: War ältester Vormensch "Europäer"?

Die gemeinsame Linie von Schimpansen und Menschen hat sich möglicherweise mehrere hunderttausend Jahre früher getrennt als angenommen: Darauf lassen Zahnfunde in Bulgarien und Griechenland schließen.

Der 7,24 Millionen Jahre alte obere Vorbackenzahn von Graecopithecus aus Azmaka, Bulgarien. Wolfgang Gerber, Universität Tübingen

Der Unterkiefer des 7,175 Millionen Jahre alten Graecopithecus freybergi (El Graeco) aus Pyrgos Vassilissis, Griechenland (heutiges Stadtgebiet von Athen). Wolfgang Gerber, Universität Tübingen
El Graeco (Graecopithecus freybergi) hat vor 7,2 Millionen Jahren in einer staubbelasteten Savannen-Landschaft im Athener Becken gelebt. Der Künstler Velizar Simeonovski hat dieses Gemälde nach wissenschaftlichen Vorgaben von Madelaine Böhme und Nikolai Spassov erstellt (Blick von der Fundstelle El Graecos, Pyrgos Vassilissis, nach Südost über die Athener Ebene unter roter Wolke mit Sahara-Staub; im Hintergrund das Hymettos Gebirge und der Lykabettos Berg). Gemälde: Velizar Simeonovski, Chicago
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme eines durch Windtransport gerundeten Staubkorns. Es stammt aus der Sahara und wurde in 7,2 Millionen Jahre alten Sedimenten in Griechenland gefunden. Ulf Linnemann, Senckenberg

Die Forscher um Prof. Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und Prof. Nikolai Spassov von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften untersuchten zwei Fossilfunde des Graecopithecus freybergi mit modernsten Methoden.

Gab es die ersten Vormenschen im Mittelmeerraum - und nicht in Afrika?

Sie kommen dabei zu dem Ergebnis, dass es sich um eine bisher unbekannte Vormenschenart handelt. Das Team hält es deshalb für möglich, dass die Abspaltung der menschlichen Linie im östlichen Mittelmeerraum stattgefunden hat und nicht - wie bisher angenommen - in Afrika.

Heute ist der Schimpanse der nächste Verwandte des Menschen. Wann ihr letzter gemeinsamer Vorfahr lebte, ist ein zentrales und sehr umstrittenes Forschungsthema der Paläoanthropologie. Bislang nimmt man an, dass sich die Linien vor fünf bis sieben Millionen Jahren trennten und die erste Vormenschenart im heutigen Afrika entstand.

Nach der Theorie des französischen Paläoanthropologen Ives Coppens von 1994 könnten dabei Klimaveränderungen in Ostafrika eine entscheidende Rolle gespielt haben. Mit der neuen Studie entwerfen die Forscher aus Deutschland, Bulgarien, Griechenland, Kanada, Frankreich und Australien nun ein völlig anderes Szenario für die früheste Menschheitsgeschichte.

Verschmolzene Zahnwurzeln geben neue Hinweise

Das Team analysierte die beiden einzigen bekannten Funde des Hominiden Graecopithecus freybergi: einen Unterkiefer aus Grabungen in Griechenland sowie einen Zahn aus Bulgarien. Per Computertomografie machten die Forscher die interne Struktur der Fossilien sichtbar und zeigten, dass die Wurzeln der Prämolaren weitgehend verschmolzen waren.

Während Menschenaffen üblicherweise zwei oder drei getrennte Zahnwurzeln besitzen, gilt die Verschmelzung der Wurzeln eines Zahns als charakteristisches Merkmal des Menschen, der Urmenschen (frühe Vertreter der Gattung Homo) und einiger Vormenschen (Ardipithecus und Australopithecus).

Darüber hinaus weist der von den Wissenschaftlern ‚El Graeco‘ getaufte Unterkiefer weitere Merkmale an Zahnwurzeln auf, die nach Einschätzung der Autoren darauf hindeuten, dass es sich bei Graecopithecus um einen Vertreter der Vormenschen (Tribus Hominini) handeln könnte. „Wir waren von unseren Ergebnissen selbst überrascht, denn bislang waren Vormenschen ausschließlich aus Afrika südlich der Sahara bekannt“, erklärt Jochen Fuss, Doktorand an der Universität Tübingen, der die Untersuchung durchführte.

Graecopithecus: mehrere hunderttausend Jahre älter als der erste Vormensch Afrikas?

Graecopithecus scheint außerdem mehrere hunderttausend Jahre älter zu sein als der bisher früheste potenzielle Vormensch Afrikas, der sechs bis sieben Millionen Jahre alte Sahelanthropus aus dem Tschad: Die sedimentären Abfolgen der Fundstellen in Griechenland und Bulgarien lassen sich damit auf ein nahezu übereinstimmendes Alter beider Fossilien von 7,24 bzw. 7,175 Millionen Jahre vor heute datieren - und die Trennung der Vormenschen- und der Schimpansen-Linie verschiebt sich in den östlichen Mittelmeerraum.

Ähnlich wie bei der Theorie, nach der die ersten Vormenschen in Ostafrika entstanden sind, geht auch das Team um Böhme davon aus, dass eine dramatische Umweltveränderung zur Entstehung des Vormenschen geführt hat: Die Entstehung einer ersten Wüste in Nordafrika vor mehr als sieben Millionen Jahren und die zeitgleiche Ausbreitung von Savannen in Südeuropa könnten eine zentrale Rolle für die Trennung der menschlichen Stammlinie von der Abstammungslinie der Schimpansen gespielt haben, sagt Böhme.

Jochen Fuss, Nikolai Spassov, David Begun, Madelaine Böhme: Potential hominin affinities of Graecopithecus from the late Miocene of Europe. PLOS ONE, journals.plos.org/plosone/article

Madelaine Böhme, Nikolai Spassov, Martin Ebner, Denis Geraads, Latinka Hristova, Uwe Kirscher, Sabine Kötter, Ulf Linnemann, Jerome Prieto, Socrates Roussiakis, George Theodorou, Gregor Uhlig, Michael Winklhofer: Messinian age and savannah environment of the possible hominin Graecopithecus from Europe. PLOS ONE, journals.plos.org/plosone/article

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