Soziales Engagement

Auf zu den Amchis

Der Zahnarzt Maik Wieczorrek leistet seit 2004 regelmäßig medizinische Hilfe im Himalaya. Auf 4.000 bis 5.000 Metern Höhe unterstützt er Amchis, die Naturärzte, bei der Zahnbehandlung. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit.

Zahnbehandlungen auf dem Boden - keine Seltenheit in der Region Ladakh. Ladakhpartners-Partnership Local Doctors e.V.

zm-online: Herr Wieczorrek, wie würden Sie die Gesundheitsversorgung in der Region Ladakh beschreiben?

Maik Wieczorrek: Die Gesundheitsversorgung in der Region ist, wie überall in Indien für den größten Teil der Bevölkerung schlecht, auch wenn die indische Regierung versucht, sie zu verbessern. Grundsätzlich haben wir es mit zwei unterschiedlichen Systemen zu tun. Einerseits gibt es die die Ärzte, die nach westlichen Gesichtspunkten behandeln, so wie auch hier in Deutschland. Allerdings gibt zu wenig davon, und wenn, dann in den Städten.

In ländlichen Gebieten, in denen auch wir agieren, gibt es für mehrere Dörfer sogenannte Health Worker. Sie sind vergleichbar mit einem Sanitäter. Sie sitzen in kleinen Stationen mit einem gewissen Vorrat an Medikamenten und können bei einfachen Erkrankungen im Notfall helfen, führen Impfungen durch und können auch bei Geburten zur Seite stehen. Auch einen Zahn könnten sie sicherlich ziehen.

Andererseits gibt es die traditionelle Heilkunde, die in Ladakh vorwiegend von den Amchis ausgeführt wird. Sie ist eng verbunden mit der buddhistischen Religion und setzt setzt beispielsweise Kräuter, Wurzeln und Mineralien als Medikamente ein. Diagnosen werden mittels Pulstastung, Zungenschau und Urinanalysen durchgeführt. Davon gibt es auch in den entlegenen Dörfern meistens mindestens einen pro Dorf. Beide Systeme existieren gleichwertig nebeneinander mit ihren Vor-und Nachteilen.

Die indische Regierung bemüht sich, Infektionskrankheiten wie etwa Tuberkulose zu bekämpfen. Entsprechende Behandlungen sind kostenlos, auch die dazu gehörigen Medikamente,die sonst bezahlt werden müssen. Überhaupt müssen die meisten Behandlungen bezahlt werden. Da die Menschen wenig Geld haben, ist dies ein großes Problem.

Ladakh wird auch Klein-Tibet genannt. Um die Menschen zu erreichen, müssen Maik Wieczorrek und seine Kollegen oft stundenlang durch die Bergregion marschieren. | Ladakhpartners-Partnership Local Doctors e.V.

Woran leiden die Menschen vorwiegend?

Die alten Menschen haben häufig Gelenkerkrankungen, Augen- und Magenprobleme sowie Gicht. Letzteres entsteht durch den vielen Buttertee, der dort literweise getrunken wird. Frauen haben oft Eisenmangel und die Kindersterblichkeit ist sehr hoch. Auch der Zustand der Zähne und der Haut ist nicht sonderlich gut. Ein zunehmendes Problem sind Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis und Keuchhusten.

Welche Ausbildung haben die Amchis?

Die Amchi-Ausbildung dauert normalerweise fünf Jahre. Während die Amchis in unseren Dörfern ihr Wissen meistens von ihren Vorfahren bekommen und dann weiterentwickeln und weitergeben, gibt es in manchen Städten Indiens und Tibets richtige Institute für die Ausbildung der Amchis. So gibt es zum Beispiel in Ladakh im Ort Choglamsar die Möglichkeit ein fünfjähriges Studium der Amchiheilkunde zu absolvieren.

Bekannter ist aber sicherlich der MenTseeKhang in Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung und des H.H. Dalai Lama. Dort hat man eine hervorragende Möglichkeit Amchi zu werden. Für die Amchis in den Dörfern, die nicht so lange in die Städte können, gibt es manchmal Weiterbildungsmöglichkeiten, wie etwa über die französische Organisation "Nomad".

Das Engagement des Thüringer Hilfswerks erstreckt sich in der Region Ladakh von zahnmedizinischer Hilfe über den Bau von Brücken bis hin zu Sachspenden wie Lawinensonden. | Ladakhpartners-Partnership Local Doctors e.V.

Wovon ernähren sich die Menschen hauptsächlich und wie hängt das mit dem Gebisszustand zusammen?

Die Ernährung besteht eigentlich hauptsächlich aus Gemüse,Tee, Butter und geröstetem Gerstenmehl. Fleisch gibt es eher selten. Davon gehen die Zähne eigentlich nicht kaputt, nutzen sich höchstens ab. Problematischer ist das " ladakhische Bonbon" alias getrocknete Aprikosen. Diese bestehen nur noch aus dem Kern, der mit der vollkommen getrockneten Haut und Resten des Fruchtfleisches umkleidet ist.
Dieses Teil genießt in Ladakh Kultstatus und liegt manchmal lange Zeit auf den Backenzähnen. Der darin enthaltene hoch konzentrierte Fruchtzucker sorgt dann für große Schäden an den Zähnen. Die Beliebtheit der "Chuli" zieht sich durch alle Generationen.

Die Region Ladakh liegt auf etwa 4.500 Metern. Wie bereiten Sie Ihren Körper auf so eine Reise vor?

Eine etwas belastbare körperliche Konstitution mit einer stabilen Kondition ist vorteilhaft. Große Trainingsprogramme sind allerdings nicht notwendig, wenn etwas mehr Bewegung ohnehin zum Lebensinhalt gehört. Auf die Höhe selbst kann man sich sowieso nicht vorbereiten. Da gilt es Regeln einzuhalten, um die unangenehmen Auswirkungen der Höhe zu minimieren, sie aber gleichzeitig zu akzeptieren. Neben der körperlichen spielt aber auch die mentale Vorbereitung eine wichtige Rolle, denn wenn der Kopf nicht gut vorbereitet ist, nützt der Körper auch nichts.

Was können Sie konkret leisten und wo liegen die Grenzen der Interventionsmöglichkeiten bei Ihren Einsätzen?

Wir leisten natürlich direkte zahnmedizinische Hilfe in Form von Behandlungen, die wir selbst vor Ort durchführen. Dies ist aber nur ein kleiner Teil der Hilfe. Eigentlich für uns nicht der entscheidende. Wichtiger für uns ist die Zusammenarbeit mit den Amchis vor Ort, denn sie sind immer da und wir nur für einen Bruchteil des Jahres.

Das ist natürlich alles sehr mühsam und an unsere Grenzen stoßen wir da öfter. Nachhaltig betrachtet erreichen wir damit aber mehr Patienten, als wenn wir Zähne im Akkord ziehen würden, was sowieso nie unsere Absicht war. Außerdem steigt das Ansehen der Amchis in der Bevölkerung, da wir gemeinsam mit ihnen behandeln und alle sehen, was sie können.

Das wiederum stärkt auch ihre Position, wenn es um ihre eigentliche Amchi-Behandlung geht und das trägt wiederum zum Erhalt eines wichtigen Kulturgutes dieser Region bei. Durch den jahrelangen engen Kontakt und die Begrenztheit des Projekts auf ein und das selbe Gebiet haben wir natürlich auch die Möglichkeit kurzfristig auf besondere Notsituationen zu reagieren.

An Grenzen stoßen wir dabei ständig. Manchmal kann man sie mit Geduld überwinden. Aber oft ist es einfach nur vernünftig sie zu akzeptieren. Die Hauptverantwortung für die Verbesserung der medizinischen Versorgung liegt in den Händen des indischen Staates, auf dessen Boden wir uns bei den Einsätzen befinden, was wir nie vergessen sollten.

In der deutschen Entwicklungspolitik wurde der Begriff Entwicklungshilfe durch den Begriff
Entwicklungszusammenarbeit ersetzt. In welcher Rolle sehen Sie sich eigentlich selbst?

Der neue Begriff trifft unsere Philosophie eigentlich besser. Ich sage immer, dass wir uns auf Augenhöhe mit den Einheimischen treffen sollten und das nicht nur körperlich sondern vor allem mental. Ich habe in den vergangenen Jahren vor Ort immer gefragt, ob das, was wir tun, sinnvoll für die Menschen dort ist und auch, wie es weiter gehen soll.

Jetzt sind wir in einer Phase, in der mehr eigene Verantwortung entwickelt werden soll. Auf jeden Fall sehen wir uns als kleines Bindeglied zwischen den verschiedenen Kulturen, in dem sich jeder nach seinen Möglichkeiten auf den anderen zubewegt. So könne beide Seiten etwas voneinander lernen.

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