Soziales Engagement

Die schwimmende Klinik

Die Africa Mercy hat im Hafen von Freetown, Sierra Leone, festgemacht. Freiwillig mit an Bord war ZMF Sandra Vukovic.

Schwimmender Behandlungsraum auf der Africa Mercy. Mercy Ships

Die Africa Mercy im Hafen von Sierra Leone. Foto: Mercy Ships Deutschland e.V.
Von vielen Nationen das Beste: Versorgungsalltag im Team der Africa Mercy. Foto: Mercy Ships Deutschland e.V.
Hand in Hand: An Bord verschmilzt internationales zahnmedizinisches Know-how. Foto: Mercy Ships Deutschland e.V.
Die Arbeit auf der Africa Mercy wird ergänzt durch Projekte Im Hinterland. Fotos: Mercy Ships / Debra Bell

Vukovic hatte sich als Zahnmedizinische Fachangestellte für zwei Jahre bei der Hilfsorganisation „Mercy Ships“ verpflichtet. Aufmerksam geworden war sie damals durch einen Fernsehbericht. „Ich war sofort davon begeistert“, erinnert sich Vukovic.

Ein normaler Arbeitstag begann für Vukovic nach dem Frühstück mit einer Autofahrt in die Klinik des jeweiligen Einsatzortes. Mit europäischen Vorstellungen von einer Zahnklinik habe das allerdings wenig zu tun, häufig handele es sich um sehr einfache Häuser, die man hierzulande bestenfalls als Hütte bezeichnen würde. Oftmals verfügen sie über keinerlei Ausrüstung, deshalb bringen die Dentalteams ihre eigenen Instrumente vom Schiff mit. Manchmal kann das Team auch in einer normalen allgemeinmedizinischen Klinik behandeln oder in anderen eigens dafür bereitgestellten Gebäuden.

Kliniken sind in weiten Teilen Westafrikas dünn gesät. Generell ist die (zahn)medizinische Versorgungslage in vielen dieser Länder schlecht bis katastrophal. Entweder sind sie unterentwickelt oder sie leiden unter politischen Wirren, oft genug kommt eins zum anderen. In Liberia beispielsweise ist es nach dreißig Jahren Bürgerkrieg schwierig, überhaupt einen Zahnarzt aufzutreiben.

Vukovic musste bei ihren Einsätzen oft unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten, so etwa in Gefängnissen oder in Flüchtlingslagern (in Benin). Zudem lagen die Zielorte häufig in entlegenen Gebieten. Gerade dort muss die Ankunft eines Hilfsteams unbedingt gut vorbereitet werden. Wichtigstes Ziel im Vorhinein ist es daher, einen geeigneten Behandlungsort beziehungsweise eine Klinik zu finden und den eigenen Ankunftstermin bekanntzugeben. Manchmal kommen bürokratische Hürden hinzu. Aus diesem Grund klärt ein „Explorationsteam“ vor dem eigentlichen Einsatz all diese Fragen ab. Damit bleibt dann auch genug Zeit, in der sich die Nachricht über das Hilfsschiff bis zu dessen Ankunft herumsprechen kann.

Hohe physische und psychische Belastung

Wenn das Schiff anlegt, warten dann in aller Regel schon die Patienten. Üblicherweise wird in den ersten zwei bis drei Tagen erst einmal untersucht, die Behandlungen selbst schließen sich an den Folgetagen an. „Normalerweise konnten wir uns rund achtzig Patienten am Tag anschauen – wenn alles reibungslos lief und wir nicht lauter sehr komplizierte Fälle bekamen“, sagt Vukovic. „Wir haben aber auch schon hundertdreißig Patienten geschafft; da muss man dann aufpassen, dass man das durchsteht.“

Die Arbeitsbelastung kann bei tropischen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit vor allem für Helfer hoch werden, die sich wie Vukovic für längere Zeit verpflichtet haben. Etwa die Hälfte der Schiffsbesatzung arbeitet nur für einen kurzen Zeitraum an Bord. Manche Zahnärzte sind zwei bis drei Wochen auf dem Schiff.

Für viele Patienten ist die Africa Mercy die einzige Hoffnung auf eine sinnvolle medizinische Behandlung. „Ein großes Problem besteht darin, dass die Beschwerden ganz oft verschleppt werden“, weiß Vukovic. „Das hängt auch damit zusammen, dass die Leute sehr leicht an Antibiotika kommen, die kann man überall kaufen. Sie nehmen die so lange, bis sie sich besser fühlen und setzen sie dann ab. Das verschafft ihnen zwar Linderung, aber die zugrunde liegende Ursache wird nicht beseitigt.“

Sehr häufig haben es die Zahnärzte mit schlimmen Abszessen zu tun: „Ich hatte mal einen Patienten, der stellte sich mit einer Schwellung im Mundbereich vor, die bis zum Auge reichte; er hatte große Schmerzen und konnte kaum noch essen. Außerdem hatte er sich ein Bein ausgerenkt, deshalb musste ihn sein Bruder tragen“, erzählt Vukovic. „Patrick, circa 25 Jahre alt, hatte dazu hohes Fieber, von der normalerweise sehr schmerzhaften Behandlung hat er deswegen kaum etwas mitbekommen. Wir mussten eine Drainage legen. Innerhalb der folgenden zwei Wochen kam Patrick dann immer wieder zum Reinigen der Wunde und zur Einnahme von Antibiotika. Als sich schließlich der Behandlungserfolg komplett eingestellt hatte, war er überglücklich.“

„Solche emotionalen Erlebnisse gleichen die Belastung durch die oft erschöpfende Arbeit wieder aus“, resümiert Vukovic rückblickend. „Allein die Herzlichkeit und die Dankbarkeit der vielen Mütter, die mit ihren Kindern zu uns kamen, gaben ein tief befriedigendes Gefühl und zeigten uns den Wert unseres Einsatzes hier.“

Christian Ehrensberger

Mercy Ships Deutschland e.V.

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