Soziales Engagement

Vom Kammerpräsidenten zum Entwicklungshelfer

Dr. Andreas Wagner war ein Vierteljahrhundert Standespolitiker, bevor er 2015 erstmals Dentists for Africa bei einem Hilfseinsatz begleitete - für ihn ein besonders prägendes Erlebnis. Seitdem engagiert er sich in Kenia. Im Interview spricht er über die Probleme des Landes und die Chancen seiner Patenkinder.

Dr. Andreas Wagner bei der zahnärztlichen Untersuchung eines Kindes mit Zahnschmerzen im Rahmen eines mobilen Einsatzes in einem Schulgebäude in Asumbi, Kenia. Jan Bruns

Herr Dr. Wagner, Sie waren ein Berufsleben lang als Zahnarzt und ein Vierteljahrhundert als Berufspolitiker tätig, bis Sie vor zwei Jahren Ihren ersten Hilfseinsatz unternommen haben – wie hat die Reise Sie geprägt?

Dr. Andreas Wagner: Seit vielen Jahren kenne ich den Verein Dentists for Africa sowie seine Ziele und Projekte. Die Berichte von Kollegen, die von einem Hilfseinsatz zurückkehrten, waren immer sehr interessant zu lesen. Ich wollte ebenfalls unbedingt diese Erfahrung machen und erleben, was andere so begeisterte. Und auch ich bin voller Eindrücke, Erfahrungen und Gefühle zurückgekehrt und habe gemerkt, dass sich mein Denken verändert hat.

Was hat Sie am meisten inspiriert?

Die Eindrücke waren so vielschichtig, dass ich Wochen brauchte, um wieder „zuhause anzukommen“. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit vor Ort war eine Fort- und Weiterbildung im praktischen Bereich für unsere afrikanischen Studenten und Zahnärzte.

Die Veranstaltungen wurden von unseren afrikanischen Partnern sehr gut vorbereitet, exakt organisiert und diszipliniert durchgeführt. Unsere von uns ausgebildeten Patenkinder und unsere Studenten waren hoch motiviert, wissbegierig und arbeiteten konzentriert mit. Sie hielten eigene Vorträge und diskutierten aktiv mit. Ich habe die große Hoffnung, dass wir mit unserer Arbeit junge afrikanische Menschen fördern, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Als Sie Ende 2015 in Kenia waren, strömten gerade mehr Flüchtlinge denn je Richtung Europa.

Bei meiner Rückkehr wurde ich auf dem Frankfurter Flughafen mit den Videobildern tausender Flüchtlinge konfrontiert. Eigentlich war ich fassungslos, weil ich sofort in einen Alltag zurückgeholt wurde, den ich bei der Arbeit in Kenia verdrängt hatte. Auf der einen Seite spürt man, wie unsere Hilfe zur Selbsthilfe von jungen Afrikanern angenommen wird und sie motiviert, sich eine Zukunft in ihrem Land aufzubauen. In den 16 Jahren seit Gründung des Vereins sind die Erfolge nachweisbar!

Auf der anderen Seite - angesichts der riesigen Flüchtlingswelle - fühlt man eine Ohnmacht, dass alle Hilfe nur der sogenannte Tropfen auf dem heißen Stein ist. Das macht auch wütend, weil man die Ursachen vor Ort hautnah erlebt hat und weiß, dass die sogenannte Entwicklungshilfe der westlichen Welt versagt hat.

Wie denken Sie denn jetzt darüber, mit einem gewissen Abstand?

Meine Einstellung zu den Ursachen des Flüchtlingsproblems ist sehr kritisch geworden. Denken wir nur an die Kriegsflüchtlinge, dann könnte man über die deutsche Rolle bei den Waffengeschäften diskutieren.

Kenia ist zudem kein Kriegsgebiet, sondern sogar eine der am besten entwickelten Volkswirtschaften Ostafrikas. Trotzdem lebt die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze mit weniger als 1,25 Dollar am Tag. Gesundheitsleistungen sind für viele nicht erreichbar beziehungsweise bezahlbar. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist hoch. Der Gesundheitszustand der armen Bevölkerung ist schlecht und die Lebenserwartung liegt unter anderem wegen HIV/AIDS bei unter 50 Jahren. Deshalb gibt es auch so viele Waisenkinder.

Ich denke, man kann es keinem jungen Menschen verübeln, wenn er seine Zukunft in Europa sucht, auch wenn dies unter falschen Vorstellungen geschieht. Aber in einem Land ohne staatliche Unterstützung gibt es nichts zu verlieren. Deshalb ist der Ansatz von Dentists for Africa, diesen jungen Menschen in ihrem Land eine Perspektive zu geben, aus meiner Sicht der einzig richtige.

Wo sehen Sie die Grundprobleme für die schleppende Entwicklung in Kenia?

Dafür spielen viele Faktoren eine Rolle. Fakt ist, dass viele Milliarden Dollar Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten nach Kenia geflossen sind, meist in die Taschen der jeweiligen Machthaber. Auch spielt die Korruption eine entscheidende Rolle, dass Hilfsleistungen jeglicher Art nur ungenügend der eigenen Bevölkerung zukommen. Eine Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden ist sehr problematisch.

Für die erfolgreiche Arbeit in den sozialen Projekten benötigt man deshalb seriöse und zuverlässige Partner vor Ort. Dentists for Africa hat diese mit den Franziskanerinnen gefunden. Die Nonnen sind wichtigen Projektpartner, die die sichere und ausschließliche Verwendung der Mittel für die jeweiligen Leistungen garantieren und gegenüber dem Verein, den Pateneltern und den Spendern immer transparent abrechnen.

Wie beurteilen Sie die humanitäre Arbeit, die Dentists for Africa in Kenia leistet?

Neben dem Aufbau und Unterstützung der zahnmedizinischen Versorgung zählt die Organisation von Patenschaften, die Waisenkindern eine Schul- und Berufsausbildung ermöglichen, und das Witwenprojekt, das den Witwen nachhaltig bessere Lebensumstände bieten soll, zu den wichtigsten Zielen von Dentists for Africa.

Die Projekte setzen auf Nachhaltigkeit: Wenn die Patenkinder nach dem Schulabschluss eine Berufsausbildung oder ein Studium finanziert bekommen, verpflichten sie sich zugleich, mindestens fünf Jahre in den Projekten des Vereins zu arbeiten und zehn Prozent der Fördersumme in einen Fonds zurückzuzahlen, der wiederum weiteren Kindern die Ausbildung ermöglicht. Bereits heute übernehmen ehemalige Patenkinder nach Abschluss ihrer Ausbildung Verantwortung als Zahntechniker, Oral Health Officers oder Krankenschwestern in den zahnärztlichen Projekten. Das ist für mich gelebte Hilfe zur Selbsthilfe. Während meines Hilfseinsatzes konnte ich mich davon überzeugen.

Sie selbst haben die Patenschaft für Waisenkinder übernommen. 

Meine Frau und ich haben zwei Patenkinder: Valentine fördern wir seit acht Jahren, sie geht noch zur Schule. Ich habe sie bei meinem Hilfseinsatz 2015 persönlich getroffen. Es war für mich ein sehr bewegender Augenblick. Sie möchte Ärztin werden, ihre Leistungen in der Schule werden auch kontinuierlich besser.

Faith befindet sich im vierten Semester ihres Studiums zum Community Oral Health Officer. Sie ist sehr strebsam und fleißig. Davon konnte ich mich bei der Fort- und Weiterbildungsveranstaltung für unsere Studenten und Partner überzeugen. Sie hat als Vollwaise im vergangenen Jahr ihre Großmutter als letzte Familienangehörige verloren. Dentists for Africa ist ihre Familie. Ich denke, sie ist stolz, dass sie dazu gehört.

Wie lautet Ihr Schlusswort mit Blick auf die Flüchtlingskrise?

Wenn wir selbst einen Beitrag leisten wollen, damit sich der Flüchtlingsstrom nach Europa und Deutschland reduziert, müssen wir seine Ursachen bekämpfen. Ich bin überzeugt, dass mein persönlicher – wenn auch kleiner – Beitrag in der Hilfe zur Verbesserung der Lebensbedingungen von jungen Afrikanern liegt. Ich bitte daher alle Kollegen, über eine Patenschaft beziehungsweise Unterstützung der Projekte von Dentists for Africa nachzudenken.

Dr. Andreas Wagner war von 1991 bis 2003 Vizepräsident und von 2007 bis 2015 Präsident der Landeszahnärztekammer Thüringen und ist derzeit in einer Erfurter Praxis angestellt.

Dentists for Africa e.V.

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