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Abseits der Praxis (1): Der Rechtsmediziner

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben, sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt. Wir erzählen von Industrieberufen, künstlerischer Selbstfindung, humanitären Einsätzen, Aussteigern, Politikerkarrieren und Jobs in Industrie, Forschung und Verwaltung. Einige unserer Protagonisten haben sich sehr weit vom Ursprungsberuf entfernt, andere haben nur wenig verändert, um ein wenig Abwechslung in ihren Praxisalltag zu bringen. Fest steht so oder so: Auch "Abseits der Praxis" warten viele spannende Aufgaben.

 

Rechtsmediziner Prof. Rüdiger Lessig

Die Obduktion beginnt mit einer akribischen Beschreibung. Prof. Rüdiger Lessig prüft Gewicht und Größe, notiert, welche Kleidung und Schmuck der Tote trägt. Erst dann setzt er an zum sogenannten T-Schnitt.

Der reicht von Schlüsselbein zu Schlüsselbein und dann hinunter bis zum Schambein. Damit legt er die inneren Organe frei, die er einzeln zu beurteilen hat. Im Fernsehen wäre dieser Schnitt vermutlich mit einem saftigen Geräusch unterlegt. Ganz so cineastisch geht es im Sektionssaal der Rechtsmedizin an der Universität Halle nicht zu. Auch zoffen sich hier weder Arzt und Assistentin wie beim Tatort, noch blinken und piepen überdimensionierte Bildschirme, wie bei der amerikanischen Serie CSI.

Jeder Tag bringt eine neue Aufgabe

Aufregend genug findet Lessig seinen Beruf trotzdem. "Ich frage mich jeden Morgen aufs Neue, was mich an diesem Tag wohl erwartet", sagt der 54-Jährige. Der studierte Zahnmediziner wird immer dann zu Rate gezogen, wenn die Identität eines Toten oder die genauen Umstände seines Ablebens einer Klärung bedürfen.

Ursprünglich wollte Lessig Zahnarzt werden, um den Leuten das Kauen und Beißen zu erhalten. "Macht ja nicht so viel Spaß, wenn da ein paar Zähne fehlen und es nur noch Brei gibt!", sagt er und lacht. Dieses Berufsziel hatte er schon als Jugendlicher, zumal seine Mutter als zahnärztliche Schwester gearbeitet hat und er früh Einblick bekam in die Arbeit einer solchen Praxis.

Über Stalingrad zur Rechtsmedizin nach Leipzig

Und als dann in der Oberschule gefragt wurde, wer sich denn vorstellen könne, zum zahnmedizinischen Studium ins befreundete Ausland zu gehen, meldete Lessig sich sofort. Vor allem die Aussicht, so den dreijährigen Dienst bei der NVA einzusparen, lockte den Abiturienten. So ging es nach Wolgograd, also zum sozialistischen Bruder ins ehemalige Stalingrad.

Zahn- und humanmedizinische Ausbildung lagen damals noch eng beieinander. "Wenn sie einen Zahnarzt später nach Sibirien schicken wollten, waren sie gut beraten, ihm auch beizubringen, wie man einen Blinddarm operiert", erzählt Lessig. Das oft gehörte Vorurteil, dass Zahnärzte ihren Beruf primär aus finanziellen Motiven anstrebten, kann man in seinem Fall getrost ausschließen. "Zahnärzte verdienten in der ehemaligen DDR sehr schlecht, da machte man besser eine Lehre zum Fliesenleger", sagt er. Ihm ging es um was anderes. "Ich wollte den Patienten helfen."

Doch dann kam es etwas anders als geplant. Zurück in Deutschland bot man ihm eine Stelle in der Rechtsmedizin an. Das Institut in Leipzig brauchte dringend einen Zahnarzt. "Damals gab es noch keine DNA-Technologie," erklärt er. Die Zähne waren also eine Chance, einen unbekannten Toten zweifelsfrei zu identifizieren.

Zahn- und Humanmedizin zusammen denken

Neben seiner neuen Aufgabe in der Rechtsmedizin legte Lessig an der Universität noch ein humanmedizinisches Studium nach, um sich zum Facharzt für gerichtliche Medizin weiterbilden zu lassen. "Zum Glück wurden mir damals viele Studienanteile angerechnet, darunter alle Kurse bis zum Physikum", erzählt er.

Dass heute Zahnmedizin und Humanmedizin in zwei völlig eigenständige Studiengänge aufgesplittet seien, hält er für einen Fehler. Auch weil ein Zahnarzt doch eigentlich gut Bescheid wissen müsse, wie die Zähne mit allem anderen im Körper zusammenhingen. Für Lessig war es schon ein weiter Weg in die Rechtsmedizin, zwei Jahre zusätzliches Studium kamen da noch einmal auf ihn zu. Doch wer heute den gleichen Weg gehen wollte, bräuchte insgesamt vermutlich elf.

Längst ist Lessig Professor geworden. Auch die Lehre macht ihm viel Spaß, seine Vorlesungen sind beliebt bei den Studenten. "Schließlich haben wir aus dem Arbeitsalltag immer viel Spannendes zu berichten."

Ein Befund ist verlässlicher als die Erinnerung

In Kriminalfällen kann Lessigs Expertise schon mal urteilsentscheidend sein. So geschehen zum Beispiel im Fall eines Mordes an einer älteren Dame  1994 in Leipzig. Zeugenaussagen brachten damals den Enkel als Hauptverdächtigen in Untersuchungshaft. Drei Zeugen versicherten, die Dame am Vortag noch lebendig gesehen zu haben. Doch nach Lessigs Erkenntnissen musste die Frau am Tag ihrer Entdeckung schon mehr als zwei Tage tot gewesen sein, der Enkel kam damit als Täter gar nicht in Frage, denn für die Zeit hatte er ein Alibi.

Die Kriminalpolizei wollte dem Mediziner zunächst nicht glauben. Die Zeugen schworen Mark und Bein, dass sie sich nicht getäuscht haben konnten. "Eine Leichenstarre löst sich erst nach zwei Tagen, da können sich die Zeugen auf den Kopf stellen", beharrte Lessig. Er sollte recht behalten. Der Enkel kam wieder frei, die Kriminalpolizei ermittelte weiter. Wenig später war der wahre Täter gefunden.

Auch der Fehlschluss der Zeugen ließ sich im Anschluss psychologisch gut erklären. Alle drei waren sicher gewesen, die Dame genau einen Tag vorm Beginn des  Wochenendes gesehen zu haben, also an einem Freitag. Tatsächlich hatte es sich aber um das Wochenende vor Himmelfahrt gehandelt - die Zeugen hatten ihre üblichen freien Tage am Samstag und Sonntag also mit dem ebenfalls arbeitsfreien Donnerstag und Freitag anlässlich des Feiertags verwechselt. Wäre Lessig nicht gewesen, für den Enkel hätte es angesichts einer solchen Beweislast vermutlich schlecht ausgesehen. Das impft er auch seinen Studenten ein: "Die menschliche Erinnerung ist oft trügerisch."

Ohne Kenntnis des aktuellen State of the Art geht es nicht

Lessig hat seine Entscheidung nie bereut, nun mit Rechtsfällen anstatt mit lebenden Patienten zu tun zu haben. Und er kann gut vergleichen. Wie der Zahnarztberuf aussieht, das weiß er nicht nur aus Studienzeiten aus Russland und weil seine eigene Frau als niedergelassene Zahnärztin arbeitet. Noch bis vor zwei Jahren hat er in der Praxis seiner Frau auch selbst mit angepackt - jeden Samstag hat Lessig in der Praxis gestanden, Löcher gebohrt und gestopft. "Ich wollte mich auf dem Laufenden halten", erklärt er. Er musste schließlich wissen, wie Füllungen heutzutage aussehen, wenn er mit ihrer Hilfe einen Toten identifiziert.

In der letzten Dekade bis zur Pensionierung hat der mittlerweile nach Halle berufene Professor jedoch beschlossen, auf den Zusatzjob zu verzichten. Seit Herbst 2010 leitet er nun die rechtsmedizinischen Institute an den Hochschulen in Halle und Magdeburg und dort ist auch so schon genug zu tun. Mehr als zehn Obduktionen in der Woche - "und jede Menge Verwaltungskram", klagt er. Diese Klage teilt er wohl mit seinen niedergelassenen Kollegen.

Der Tod lässt sich nicht planen

Dennoch kann er jeden Zahnarzt, der sich für eine ähnliche Aufgabe interessiert, nur raten, sich über Weiterbildungsmöglichkeiten zu informieren. Denn Zahnärzte werden in der Rechtsmedizin immer gebraucht. Und ein mehrjähriges Fachstudium muss man dafür nicht zwangsläufig absolvieren. Denn immer wieder werden auch niedergelassene Zahnärzte zur Unterstützung hinzugezogen. Als Qualifikation reicht dann die Weiterbildung auf entsprechenden Lehrgängen, etwa beim Arbeitskreis für Forensische Odonto-Stomatologie (AKFOS), dessen Vorsitzender Lessig auch ist.

Allerdings muss man, wie Lessig das ausdrückt, für diese Aufgabe "ein wenig Spontaneität mitbringen". So wurde er zum Beispiel auch 2004 nach Thailand gerufen, um zu helfen, die Todesfälle nach dem Tsunami zu identifizieren. "Der Tod lässt sich nun mal nicht planen", sagt er. Abends um 18 Uhr rief man ihn an: "Morgen um zehn geht Ihr Flieger aus München!" Er musste so schnell packen, dass er natürlich prompt ein paar Sachen zu Hause vergaß. Nein, sicher nicht die Zahnbürste. Aber seine Sonnenbrille.

 

In "Abseits der Praxis" erzählen wir von Zahnärzten, die einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben – sei es direkt nach dem Studium oder erst nach Jahren als niedergelassener Zahnarzt.

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